Zum Start der neuen Saison wieder im Einsatz: Quarterback Patrick Mahomes von den Kansas City Chiefs.
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BerlinSo lange hatten sie auf ihr schönes neues Stadion gewartet, die Los Angeles Rams und die Los Angeles Chargers, eine hypermoderne Arena, die 4,2 Milliarden Dollar gekostet hat und damit die teuerste der Welt ist. Nun ist das Schmuckstück fertig, aber keiner kommt. Wenn am Sonntag die Dallas Cowboys bei den Rams gastieren, sind Zuschauer nicht zugelassen. Dabei hat sich die National Football League (NFL), die am heutigen Donnerstag mit der Partie von Titelverteidiger Kansas City Chiefs gegen die Houston Texans in ihre Saison startet, eigentlich ein ziemlich liberales Corona-Programm verordnet.

Keine Isolation in „Bubbles“, wie bei der Eishockeyliga NHL oder den Basketballern der NBA, kein Komplettausschluss von Publikum, keine Masken am Spielfeldrand. Zwar wurden die Vorbereitungsspiele gestrichen, doch ab jetzt läuft alles wie immer, außer dass die Profis täglich getestet werden. Ansonsten vertraut man auf verantwortungsvolles Verhalten der Spieler.

Die Zulassung von Zuschauern überließ die Liga den einzelnen Klubs und den Gesundheitsbehörden der jeweiligen Städte. An den ersten beiden Spieltagen öffnen nur fünf der 32 Teams ihre Stadien für ein begrenztes Publikum, am weitgehendsten die Kansas City Chiefs. Dort werden 16.000 Menschen dem Auftakt beiwohnen, ein klarer Vorteil für das Team, auch wenn sich die Fans im zu 22 Prozent ausgelasteten Arrowhead Stadium ein wenig verlassen vorkommen dürften.

Die Chiefs, vor allem dank ihres phänomenalen Quarterbacks Patrick Mahomes stolzer Super-Bowl-Gewinner Anfang Februar in Miami, sind erneut der klare Favorit auf den Titel, manch einer traut ihnen sogar zu, als erstes Team seit den Miami Dolphins von 1972 eine Saison inklusive Playoffs ungeschlagen zu beenden. Nahe dran waren 2007 die New England Patriots von Tom Brady, doch sie verloren am Ende ausgerechnet den Super Bowl gegen die New York Giants.

Ein dicker Brocken im ansonsten eher angenehmen Spielplan der Chiefs wartet gleich am Anfang. Die Houston Texans waren im Januar in den Playoffs drauf und dran, alle Träume von Mahomes und Co. frühzeitig zu beenden. 24:0 führten sie nach dem ersten Viertel, doch dann erwachte Mahomes zum Leben und sorgte mit seinen präzisen Würfen und unwiderstehlichen Läufen für sieben Touchdowns in sieben Spielzügen. Am Ende stand ein 51:31-Sieg. Aufholjagden blieben die Spezialität der Chiefs. Nach 4:17-Rückstand wurden im Halbfinale die Tennessee Titans 35:24 bezwungen, und im Super Bowl gegen die San Francisco 49ers lag Kansas City sogar noch Mitte des letzten Viertels 10:20 zurück.

„Noch nie habe ich ihn nervös oder ängstlich gesehen“, sagt Mitspieler Mitchell Schwartz zwar über seinen Quarterback, doch in dieser Situation wirkte selbst Mahomes ein wenig verzweifelt. Bis dahin hatte er viel schwächer gespielt als gewohnt, ganz im Gegenteil zu seinem Gegenüber Jimmy Garoppolo. Doch dann zeigte der 24-Jährige, warum ihm zugetraut wird, Tom Brady zu beerben, der nach seinen Erfolgsjahren in New England nun mit 43 bei den Tampa Bay Buccaneers „betreutes Wohnen für alternde Quarterbacks“ (New York Times) genießt. Plötzlich war Mahomes nicht mehr zu stoppen und führte die Chiefs noch zum 31:20-Sieg.

Die Belohnung gab es vor einigen Wochen. Da unterschrieb Patrick Mahomes bei den Chiefs einen Zehnjahresvertrag über rund 500 Millionen Dollar, der höchste Kontrakt im Profisport überhaupt. Dieser schließt sich an den für den Klub preisgünstigen Rookie-Vertrag an, der im kommenden Jahr endet, und bindet Mahomes bis 2031 an Kansas City, wo die Fans nun von einer sehr langen glorreichen Ära träumen. Verhindern möchten das die nahezu gleichaltrigen Quarterbacks Deshaun Watson und Lamar Jackson.

Der Bayern-München-Fan Watson unterschrieb bei den Houston Texans gerade einen Vertrag über rund 160 Millionen Dollar für vier Jahre. Ähnliches strebt bei den Baltimore Ravens, am dritten Spieltag Gegner der Chiefs, auch Jackson an. Der wurde zum besten Spieler der vergangenen Saison gewählt, scheiterte in den Playoffs aber früh. In der NFL-Gehaltsliste liegt er mit seinem Rookie-Salär von 1,34 Millionen Dollar derzeit noch auf Platz 589 und weiß nur zu gut: „Wenn du nicht gewinnst, muss man über 500 Millionen nicht reden.“

Weiter gewinnen will in jedem Fall Patrick Mahomes, dessen Fans in Kansas City aber auf ein paar liebgewordene Gewohnheiten verzichten müssen. Nach Verhandlungen mit den Ureinwohnern der Region dürfen die Zuschauer keinen Federschmuck und keine Kriegsbemalung mehr tragen und müssen auf ihre Tomahawk-Pantomime, den Arrowhead-Chop, verzichten. Anders als die Washington Redskins, die ihren Namen einbüßten, bleiben die Chiefs aber die Chiefs. Auch, so hoffen die Fans, auf dem Spielfeld.