Peking - Die Abfahrer pokerten vergeblich. Ihr Rennen sollte zunächst am Sonntag um 4 Uhr deutscher Zeit gestartet werden, dann um 5 Uhr. Schließlich wollte die Jury um 6 Uhr entscheiden, ob die Abfahrer um 7 Uhr auf die Kunstschnee-Piste gelassen werden können. Letztlich fiel die Männer-Abfahrt am Sonntag aus. Auch die Biathleten schimpften, und bei den Snowboardern machte sich sogar Panik breit. Die Wind-Spiele von Peking verlangen den Athleten alles ab – und sorgten gleich zum Auftakt für jede Menge Frust.

Weil am Olympia-Berg Xiaohaituo fast unaufhörlich der Wind aus der Wüste Gobi über die Hänge bläst, sieht US-Ski-Rennfahrerin Mikaela Shiffrin ihre Gold-Mission in Gefahr. „Selbst wenn du alles richtig machst: Eine Windböe – und das war’s!“, sagte sie über die Lage in Yanqing.

Im 130 Kilometer entfernten Zhangjiakou sieht es nicht besser aus. „Dieser Ort“, sagte der norwegische Olympiasieger Tarjei Bö, „ist nicht für Biathlon gemacht.“ Auch nicht für Skispringen, ja nicht einmal für das Snowboarden. Statt fairer Wettkämpfe gibt’s chinesisches Roulette bei diesen Winterspielen.

Zwischen Panik und Pokerspiel

Eine „höhere Macht“, wie der frühere Bundestrainer Werner Schuster den Wind nannte, verhinderte den Olympiasieg von Katharina Althaus auf der Normalschanze – ihr blieb die Silbermedaille als Trost. Und am Sonntag erklärte dann Markus Eisenbichler in feinstem Bayerisch, warum er den zweiten Wettkampfdurchgang von der Normalschanze verpasst hatte: „Wenn du halt dann im Mittelteil merkst, dich trägt nix, dann foisd hoid bloß oba wia a nasser Sack.“

Snowboarderin Annika Morgan hatte beim Slopestyle, wo die Athletinnen bei ihren Sprüngen über Hindernisse teils meterhoch in der Luft stehen, erst Angst, dann „echt Panik“, wie sie zugab.

Nicht alle Sportler reagieren auf die widrigen Verhältnisse so entspannt wie Aleksander Aamodt Kilde, der Topfavorit für die Männer-Abfahrt. Als sein Rennen am Sonntag Stunde um Stunde verschoben wurde, zockte er seelenruhig Karten. Doch das „Pokerspiel“ am Xiaohaituo, wie der deutsche Cheftrainer Christian Schwaiger die Hängepartie nannte, ging nicht auf: Gleich der erste Wettkampf der Alpinen musste um einen Tag verlegt werden.

Ein Berg, an dem es nie windstill ist

Es dürfte nicht die letzte Änderung gewesen sein. „Das Thema wird uns sicher die nächsten zwei Wochen begleiten“, glaubt Schwaiger. Die technisch anspruchsvolle Strecke, die in 2179 Metern Höhe beginnt und auf der die Läufer etwa 1:45 Minuten brauchen, um im Ziel auf 1285 Metern Höhe abzubremsen, ist ein weißes Kunstschneeband zwischen bräunlichen Hügeln. Dass sie windanfällig sein würde, war wegen ihrer exponierten Lage absehbar.

Renndirektor Markus Waldner gab zu: „Das ist ein schwieriger Berg, windstill ist es hier nie.“ Am Sonntag wurden Windgeschwindigkeiten von 50 bis 60 Kilometern pro Stunde gemessen; eine sichere und faire Abfahrt war so unmöglich geworden. Romed Baumann gab die Stimmung unter den Athleten so wieder: „Lieber kein Rennen als ein unfaires Rennen.“

Wie sich der Wind im Renntempo anfühlt, hat Shiffrin bereits im Training erlebt. „Ab und an ist es wie ein Tornado, in dem du dich völlig verlierst“, erzählte sie und prophezeite: „Bei diesen Spielen wird vieles vom Glück abhängen.“

Der Wind ist überall ein Riesenthema

Das haben die Biathleten bereits erlebt. „Irgendwann weiß man als Schütze nicht mehr, wohin man eigentlich schießt“, berichtete Benedikt Doll nach der Mixed-Staffel. Selbst die sündhaft teure Eisbahn unterhalb der Ski-Piste bleibt nicht verschont. „Mal ist nichts, mal kommt was“, sagte Rodel-Weltmeister Felix Loch und klagte: „Wind macht keinen Spaß, du kannst nichts machen.“

Der Wind, fasste Ski-Trainer Schwaiger zusammen, „ist überall ein Riesenthema. Da muss man schon hinterfragen, warum man hier ein Großereignis fährt.“ Sein Schützling Josef Ferstl, der neben Andreas Sander, Romed Baumann und Dominik Schwaiger für das Abfahrtsrennen vorgesehen ist, machte deshalb eine Ansage in Richtung des Internationalen Olympischen Komitees: „Aus Fehlern sollte man lernen.“