Mit weit ausgebreiteten Armen feiert Unions Christian Gentner sein Tor zum 2:0.
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KölnNach dem Spiel beim 1. FC Köln sank Christian Gentner in der Arena sogleich zu Boden. Der Mittelfeldspieler des 1. FC Union war nach dem 2:1-Erfolg erschöpft und glücklich zugleich. Ja, Gentner lachte, erst recht als ihm Mitspieler Keven Schlotterbeck wieder auf die Beine half. Soviel Körperkontakt durfte schon sein.

Die Berliner feierten den ersten Sieg nach sieben Meisterschafts- beziehungsweise acht Pflichtspielen im Rahmen der durch das DFL-Hygienekonzept begrenzten Möglichkeiten. Der stark haltende Torwart Rafal Gikiewicz wollte in Richtung Gästeblock losziehen. Da dieser in Zeiten der Corona-Pandemie wegen des Zuschauerausschlusses natürlich verwaist war, fand der mit Gestik untermauerte Vorschlag des Polen aber kein Gehör.

Dafür gab es in kleinen und großen Gruppen vorsichtige Umarmungen, erst recht als der Blick auf von außen herangetragene Mobiltelefone und damit die Last-Minute-Niederlage von Fortuna Düsseldorf gegen Borussia Dortmund (0:1) die Bedeutung des ersten Auswärtssieges einer Union-Mannschaft in Köln untermauerte. „Dass Düsseldorf verloren hat, haben wir kurz nach dem Abpfiff erfahren. Auch jetzt sind wir rechnerisch noch nicht durch. Ich bin schon ein paar Tage dabei und habe schon verrückte Sachen im Fußball erlebt“, sagte der 34 Jahre alte Gentner. „Wir haben die Möglichkeit, am Dienstag den letzten Schritt zu gehen. Es war nicht unbedingt zu erwarten, dass wir jetzt nach 31 Spieltagen so gut dastehen.“

Vor dem Heimspiel am Dienstag (20.30 Uhr) gegen den designierten Absteiger SC Paderborn beträgt Unions Vorsprung auf die Abstiegsränge sieben Zähler. Ein Abstieg Unions ist theoretisch noch möglich, wenn in den drei restlichen Partien nicht zwei, drei Zähler dazukommen. Dann müsste Düsseldorf am Mittwoch aber auch schon bei RB Leipzig gewinnen und Werder am Dienstag daheim gegen den FC Bayern. Mit einem Sieg gegen Paderborn könnte die Union-Party mit Abstand oder im Autokorso durch die Köpenicker Altstadt sicher steigen.

Gentner mag nicht rechnen. Er schafft lieber Fakten wie bei seinem sehenswerten Treffer zum 2:0 in der 67. Minute. Eine Hereingabe von Marius Bülter nahm Gentner mit der Brust an. Mit dem nächsten Kontakt jagte er die Kugel mit links unter die Querlatte. Dem zweiten Saisontreffer folgten ein Jubellauf mit weit ausgebreiteten Armen und ein Luftsprung. Dass in diesem Moment auf der Bande eine Werbung ein Pferd mit Flügeln zeigte, mag Zufall gewesen sein.

Gentner kann es aber eben immer noch, gerade gegen diesen Kontrahenten. Der 1. FC Köln ist quasi der Lieblingsgegner des Routiniers, der mit dem VfB Stuttgart und dem VfL Wolfsburg jeweils einmal Deutscher Meister wurde. Gegen keinen anderen Verein schoss Gentner mehr Pflichtspieltore. Am Sonnabendnachmittag traf er zum siebenten Mal gegen die Geißböcke. „Das ist ein schöner Nebenaspekt. Aber der Treffer war vor allem wichtig, weil er zu einem Riesenschritt verholfen hat, in der Liga zu bleiben. Das ist etwas ganz Besonderes – für den Verein und die Leute drumherum. Leider konnte man den Fans keine ganze Saison schenken“, meinte Genter. „Weil die Spiele jetzt ohne Zuschauer ablaufen. Deshalb wäre es eine Riesensache, wenn wir es schaffen und hoffentlich in der kommenden Saison wieder Spiele mit vollen Hütten haben.“

Ob Gentner dann noch dabei ist, ist allerdings noch nicht sicher. Er tut Union auf und neben dem Platz gut, aber die Familie lebt eben immer noch in Stuttgart. Nach dem Abstieg mit dem VfB Stuttgart im Vorjahr wäre der Klassenerhalt mit Union vielleicht auch ein schöner Schlusspunkt. Damit dies so kommt, musste Union auch in Köln hart arbeiten.

Der vierte Auswärtssieg, den Marvin Friedrich per Kopfballtor zum 1:0 (39.) nach einer Hereingabe von Christopher Trimmel eingeleitet hatte, geriet in der Nachspielzeit noch in Gefahr. Erst verkürzte Jhon Cordoba nach einem Fehlpass von Felix Kroos auf 1:2. Und beinahe hätte es bei einer Attacke des eingewechselten Abwehrspielers Florian Hübner an Mark Uth noch einen Elfmeter für Köln gegeben.

Dies sah wohl auch Dirk Zingler so. Der Union-Präsident eilte nach Abpfiff von der Tribüne auf den Rasen, um den Trainern und Spielern zum Erfolg zu gratulieren. Im Gespräch mit Hübner und Co-Trainer Sebastian Bönig schlug Zingler die Hände vors Gesicht, ehe bei Zingler ein entspanntes Lachen zu beobachten war. Der Union-Boss war fertig. Aber auch er weiß, dass die zweite gesamtdeutsche Erstligasaison zum Greifen nahe ist.