Christian Gentner steht vor seinem 400. Bundesligaspiel.
dpa

Berlin - Christian Gentner rührt mit einem kleinen Löffel in seinem Espresso und schaut, als wäre ihm die Aufmerksamkeit, die ihm da gerade zuteil wird, ein wenig unangenehm. Der 34-Jährige redet eigentlich gerne über den Fußball, das derzeit so erfolgreiche wie ansehnliche Spiel seines 1. FC Union und die sehr positive Entwicklung, die der Aufsteiger im Saisonverlauf, auch aufgrund seines Mitwirkens, genommen hat. Doch in dem Moment, in dem es um ihn alleine, seine beeindruckende Karriere und diese unglaubliche Zahl geht, die da am Sonntagabend auf dem Papier stehen wird, geniert sich der Mittelfeldspieler sichtlich.

Nur 67 Spielern ist es gelungen, 400 Spiele oder mehr in der Bundesliga zu absolvieren. Am Sonntag wird Christian Gentner die Nummer 68 auf dieser Ruhmes-Liste. Selbst wenn ein Kicker elf komplette Saisons am Stück durchspielen würde, er käme noch immer nicht auf 400 Einsätze. Von den derzeit aktiven Spielern hat nur Claudio Pizarro (486) mehr Spiele in Deutschlands Beletage absolviert − und Pizarro ist sieben Jahre älter als Gentner.

Somit wäre das Duell gegen seinen ehemaligen Klub VfL Wolfsburg (Sonntag, 13.30 Uhr) für den Schwaben  ein Grund, sich feiern zu lassen. Doch Gentner bügelt jegliche Gedanken über die große 400 sofort ab. „Ich weiß, dass dieses Spiel ein besonderes ist, weil es zuletzt medial ein Thema wurde. Für mich ist das eher etwas, woran man nach seiner Karriere denkt.“

Gegen wen er sein 100. Spiel absolviert hat? Weiß er nicht. Partie Nummer 200? „Keine Ahnung.“ Am Sonntag kommen zwar ein paar Bekannte zum Spiel, „aber nicht um irgendetwas zu feiern, sondern einfach, weil es an diesem Tag passt.“

Gedanken um die Zukunft

„Le Gente“ − ein Spitzname, den er sich in bislang 15 Profijahren hart erarbeitet hat − gibt sich größte Mühe, der Partie gegen den VfL keine andere Bedeutung als eine sportliche zu geben. Zum einen aus Respekt vor seiner Mannschaft, weil für Gentner das Team, egal ob in Stuttgart, Wolfsburg oder Köpenick, immer an erster Stelle kam.

Zum anderen, weil die große Zahl auch Sorgen, womöglich sogar Ängste birgt. Wie viele Spiele kommen noch dazu? Wie lange macht der Körper noch mit? „Ich hatte in meiner Karriere zum Glück nie eine klassische Fußballerverletzung. Auch deshalb konnte ich die Konstanz in meine Leistungen bringen.“ Das sei, so Gentner, die einzige echte Bedeutung, die die 400 Spiele für ihn haben, „eine Bestätigung, dass sich die Arbeit, die ich da reingesteckt habe, am Ende gelohnt hat“.

Arbeit, die notwendig war. Denn als der damals 19-Jährige am 20. Februar 2005 sein Debüt für Stuttgart gegen Hertha BSC gab, war das Oberhaus  ein anderes. Für Hertha sicherten Dick van Burik und Josip Simunic das Tor von Keeper Christian Fiedler. Vorne zauberten Marcelinho und Yildiray Bastürk. „Damals waren Mario Gomez und ich die einzigen Teenager beim VfB, die anderen waren alle schon Anfang 20“, erinnert sich Gentner, der  gar nicht für den Kader vorgesehen war. „Weil mehrere Spieler verletzt ausfielen, rief Trainer Matthias Sammer am Tag vor dem Spiel bei meinen Eltern zu Hause an, wo ich damals noch wohnte, und bat mich einzuspringen.“ Im Spiel wurde Gentner dann für den Siegtorschützen Cacau eingewechselt und durfte acht Minuten spielen.

Erste Meisterschaft mit Veh

Zwei Jahre später bejubelte der Mittelfeldspieler unter Trainer Armin Veh die erste Meisterschaft  mit dem VfB Stuttgart. Im Jahr 2009 gelang ihm dasselbe Kunststück − den Titel mit einer Mannschaft zu holen, die nicht FC Bayern oder Dortmund heißt − ein zweites Mal mit dem VfL Wolfsburg. „Mir persönlich war diese Tatsache nie so wichtig, aber mein früherer Mitspieler Ludovic Magnin (Meister mit Bremen und Stuttgart, d. Red.) hat immer betont, dass wir da absolute Ausnahmen sind, als Spieler, die mit zwei kleinen Klubs Meister geworden sind."

Es folgten fünf Einsätze in der Nationalmannschaft („Es gab damals viele gute Spieler auf meiner Position“) sowie Duelle in der Champions League und der Europa League, wobei Gentner Letztere von allen internationalen Wettbewerben immer am liebsten war. „Klar, Spiele in der Champions League waren klasse, aber in der Europa League waren wir oft an Orten, an die man so normalerweise nicht reisen würde. Molde in Norwegen war toll, Rijeka in Kroatien auch. Aber da haben wir mit Stuttgart auf die Fresse bekommen.“ Der Routinier erinnert sich auch an weniger schöne Ausflüge in Europa: „In Domzale, Slowenien war der Platz damals völlig überflutet, aber wir mussten spielen, weil Domzale unbedingt das TV-Geld mitnehmen wollte. Das war für die damals unglaublich wichtig. Und in Kasan (Russland, d. Red.) war auf den Fernsehbildern ein satt-grüner Rasen zu sehen. Die hatten den einfach grün angesprüht, in Wirklichkeit war das der absolute Acker.“

Bereits 2010, ein Jahr nach dem Titel mit Wolfsburg, war Gentner zu seiner alten Liebe Stuttgart zurückgekehrt, wurde Kapitän, stieg ab und wieder auf und erlebte im Dezember 2018 den schmerzhaftesten Moment seiner Karriere, als sein Vater Herbert während des Heimspiels gegen Hertha BSC im Stadion verstarb. „An diesen Moment komme ich immer wieder zurück, auch an die Minuten und Stunden im Anschluss“, erinnert sich der Mittelfeldspieler und ergänzt: „Auch das ist ein Teil meiner Karriere. Und mir hat es gutgetan, drei Tage später wieder spielen zu können.“

Der Fußball bescherte Christian Gentner eine schon jetzt beeindruckende Karriere und gab ihm auch im größten Schmerz Kraft. Umso nachvollziehbarer ist es, dass der Jubilar nach seinem 400. Einsatz nicht einfach aufhören will, „nicht mal im kommenden Sommer“. Wie viele Spiele für ihn noch dazukommen, kann und will er aber ebensowenig prophezeien, wie das Team, für das er nach Ende seines Vertrages in Köpenick im Juli auflaufen wird. „Union ist mein erster Ansprechpartner, das ist selbstverständlich für mich. Terminiert ist ein Gespräch aber noch nicht, wir werden das ganz entspannt angehen und in Ruhe besprechen, was möglich und denkbar ist.“

Möglich und denkbar ist auch immer eine Rückkehr zum VfB. Schon nach seinem Abgang im Sommer 2019 hatte Stuttgarts sportlicher Leiter Thomas Hitzlsperger klargestellt: „Ich freue mich schon auf den Tag, an dem er hier wieder aufschlägt.“ Die Aufmerksamkeit, sie wäre bei einer Rückkehr von „Le Gente“ in die alte Heimat wohl noch größer als vor seinem 400. Bundesligaeinsatz. Genieren muss sich der Routinier dann aber nicht mehr. Er kennt das ja jetzt schon.