Aufs Töpfchen? Freiburgs Trainer Christian Streich jedenfalls könnte vom Töfchenmanagement einer Kita lernen.
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Berlin - Auch ein altgedienter Fußballtrainer kann durchaus noch was lernen. Töpfchenmanagement zum Beispiel. So könnte eine kleine Hospitation in einer Kindertagesstätte Christian Streich darüber aufklären, wie man es vermeidet, dass die Schützlinge mit unzumutbar gefüllter Blase den Mittagsschlaf beziehungsweise die zweite Halbzeit in Angriff nehmen. Zwar hatte der Freiburger Coach nach dem 0:2 gegen Fortuna Düsseldorf behauptet, der Kabinengang seines Defensivspielers Nicolas Höfler während des Kontertores von Erik Thommy sei nicht einem dringenden Bedürfnis, sondern der Befestigung eines Tapes am Knöchel geschuldet gewesen, aber das klang wenig glaubwürdig. Dafür nicht so peinlich.

Christian Streich, Nummer 2 der Altgedienten

Eine zweite Lehre der Partie könnte für Streich gewesen sein, dass er vielleicht im Vorfeld nicht immer den Gegner über den grünen Klee loben sollte. Womöglich glaubt der das am Ende und handelt danach. „Wie die Löwen“ würden die Düsseldorfer gegen den Abstieg kämpfen, hatte Streich gesagt, und wenn sie gut drauf wären, könnten sie jeden Gegner schlagen. Da ließ man sich bei der Fortuna natürlich nicht lumpen. Ansonsten allerdings kann man Christian Streich nichts vormachen, schließlich ist er in den vier bedeutendsten Ligen in Deutschland, England, Spanien und Italien nicht umsonst der Trainer mit der zweitlängsten Amtszeit: 8 Jahre, 1 Monat, 26 Tage, knapp geschlagen von Atlético Madrids Diego Simeone, der hat sechs Tage mehr.

BLZ/Mike Fröhling
Bundesliga-Kolumnist

Matti Lieske wirft an jedem Wochenende seinen ganz speziellen Blick auf den Spieltag.

Der älteste Trainer der Bundesliga ist der Freiburger übrigens nicht, auch wenn er ohne Zweifel den Elder Statesman des deutschen Fußballs darstellt. In Wahrheit liegt der 54-Jährige gemeinsam mit Bayerns Hans-Dieter Flick und Unions Urs Fischer nur auf Platz drei hinter Peter Bosz von Bayer Leverkusen (56) und Lucien Favre (62), der beim BVB den Methusalem der Liga abgibt. Der Schweizer ist damit eine höchst gefährdete Spezies, denn Altersweisheit zählt immer weniger im aktuellen Spitzenfußball. Nur elf der 78 Trainer in besagten vier Ligen sind älter als 60, angeführt von Roy Hodgson (72) bei Crystal Palace, eine echte Rarität.

Ein Blick in die Statistik verrät außerdem, dass der vorübergehende Jugendwahn, der vornehmlich von der Bundesliga ausging, längst wieder Geschichte ist. Okay, da gibt es Leipzigs Julian Nagelsmann, inzwischen stolze 32, aber außer ihm in der U40-Kategorie nur noch Werder Bremens Florian Kohfeldt und Arsenals Mikel Arteta, beide 37, sowie Diego Martínez (39) vom FC Granada. Lediglich in Deutschland liegt das Durchschnittsalter knapp unter 50, aber bloß, bis Werder Bremen Kohfeldt durch Friedhelm Funkel ersetzt.

Rund 60 Prozent der Trainer sind zwischen 45 und 55, das Zeitfenster für eine erfolgreiche Berufskarriere ist also eng, was auch Christian Streichs Lage verkomplizieren könnte, wäre er nicht Christian Streich und wäre Freiburg nicht Freiburg. Dort ist Trainertreue schließlich ein ähnlich hohes Gut wie in Bremen. Nach wie vor hält Volker Finke mit 16 Jahren SC Freiburg den deutschen Amtszeit-Rekord, während Werders Thomas Schaaf mit 14 Jahren und 5 Tagen die Nummer eins bei durchgehender Erstklassigkeit ist.

Jürgen Klopp ist Nummer 5 an Langlebigkeit

Dass Kohfeldt ihm noch lange nacheifern darf, ist derzeit schwer vorstellbar, aber bei Werder Bremen weiß man ja nie. Ansonsten ist ein fröhliches Kommen und Gehen der aktuelle Trend. Sechs Wechsel schon in der Bundesliga, Hertha BSC jagt seinen alten Vier-Trainer-pro-Saison-Rekord, rund die Hälfte aller Erstligacoaches in England, Spanien, Italien und Deutschland sind kürzer als ein Jahr im Amt. Und Jürgen Klopp ist mit seinen knapp viereinhalb Jahren beim FC Liverpool schon die Nummer fünf an Langlebigkeit, getoppt nur von Simeone und Streich sowie Sean Dyche und Eddie Howe, jeweils sieben Jahre bei FC Burnley und AFC Bournemouth.

Inmitten dieses Gewimmels wirkt Christian Streich wie ein Monolith, was er mit zunehmender Wortkargheit und Lakonie bei seinen Interviews wirkungsvoll unterstreicht. Die Vulkanhaftigkeit seiner ersten Jahre ist einer Art brodelnder Gelassenheit gewichen, so dass inzwischen sogar ein Angriff auf Finke-Dimensionen denkbar erscheint. Für Willie Maleys Rekord wird es allerdings nicht reichen. Der Schotte betreute von 1897 an 43 Jahre lang ununterbrochen Celtic Glasgow.