Distanz zwischen den Brüdern ist manchmal offenbar auch ein Problem

„Ich kenne keine Trainingsgruppe in Deutschland, die so eine Leistungsdichte hat“, meint Robert Harting. „Jeder von uns hat seinen Mikrokosmos der optimalen Leistung. Dass jeder sich abkapselt, ist völlig normal. Julia und ich können uns gegenseitig aus der Pampe holen.“ Bei Christoph sei er dagegen nicht so involviert.

Hier das Zweiergespann, dort der Einzelkämpfer. Die Distanz zwischen den Brüdern ist spürbar – und manchmal offenbar auch ein Problem. Vermutlich geht es aber nicht anders, in dieser Konstellation. Wobei Geschwister ja von Beginn an Konkurrenten sind. „Evolutionären Rüstungswettlauf“ nennen Psychologen den Kampf um die Elterngunst. Zuletzt beantwortete auch Robert keine Fragen über Christoph und dessen Leistungen mehr. „Wir lieben beide unsere Mama“, sagte er zur Erklärung.

Die Mama, Bettina Harting, eine Krankenschwester, erzählt einmal, dass der jüngere Bruder früher, wenn in Cottbus-Sachsendorf der Abend kam und die Jungs vor dem Fernseher saßen, manchmal an der Schulter des Älteren eingeschlafen sei. Heute stehen ihre Jungs im Mittelpunkt des Programms, Das deutsche Fernsehen promotet das Duell der beiden Zwei-Meter-Kolosse als Auftaktspektakel der Leichtathletikwettbewerbe im Olympiastadion von Maracanã.

Christoph Harting ist diese PR egal. Er will seine Ruhe. „Seine Idee dahinter ist, einen Freiraum zu haben. Er will sich konzentriert, an sein Ziel heranarbeiten“, sagt Trainer Lönnefors. Für den Jüngeren ist es ja so wie bei Hase und Igel: Überall wo er hinkommt, war Robert schon da. Der Bezug ist ständig präsent, die Fragen nach dem prominenteren Harting auch. Voriges Jahr hatte Christoph Harting seinem Coach von einem Reporter erzählt, der angerannt kam mit der Bitte: „Hey, wir machen gerade eine Geschichte über Robert. Kann ich mit dir nachher auch noch sprechen?“ Christoph Harting fragte zurück: „Ja, wer bin ich denn? Kennst du meinen Namen?“ Der Reporter sagte: „Ja, du bist doch der Bruder von Robert Harting.“ Christoph Harting drehte sich um und ging.

In der Berliner Trainingsgruppe füllt jeder der drei Werfer eine Rolle aus. Robert Harting ist der Erfahrene, die Führungspersönlichkeit. Er ist ein Kopfmensch, einer, der sich für die Wettkämpfe immer eine Strategie zurecht legt, immer den Fortschritt will.

Julia Fischer ist die Arbeiterin. Sie hilft Lönnefors bei der Organisation, bucht Flüge, Trainingslager, stimmt Termine ab. Im Ring ist sie die Technikerin, die sich auf das, was sie kann, konzentriert. Ihre Silbermedaille bei der EM in Amsterdam hat ihr einen Riesenschub verpasst. Christoph Harting ist der Gefühlsmensch im System, einer, der am Wettkampftag Zigarette raucht, und im Diskusring Spaß haben will. Beim Werfen lebt er von seiner Physis und von seiner Schnelligkeit.

„Ich beziehe meine Energie aus Visionen, aus nicht greifbaren Dingen“, hat Christoph Harting erzählt, als er noch mit den Medien kommuniziert hat. Damals erzählte er von der Helioseismologie, die ihn begeistert. Er finde die Lehre von den Schichten der Sonne so interessant, weil sie beweise, „dass es Dinge gibt, die nicht zu deuten sind“. Dinge ohne Schema, grenzenlos.

Lönnefors sagt, die Trainingsgruppe bringe allen drei Werfern zusätzliche Energie. Zum Beispiel im Kraftraum, wenn der eine zehn Kilo mehr auf die Hantel packt und der andere denke: Mensch, die packe ich auch noch drauf. Im Januar haben die Harting-Brüder zum letzten Mal miteinander im Training geworfen. Keiner gab nach, sie trieben sich an. Aber jetzt, so kurz vor Olympia sei es nicht mehr denkbar, dass der eine dabei zusieht, wie der andere den Diskus über den Trainingsplatz wirft. „Es ist das Wesen eines Leistungssportlers, nicht seine Geheimnisse preiszugeben. Natürlich profitiert der Jüngere immer vom Älteren, weil der mehr Erfahrung hat“, sagt Lönnefors. „Allein zu gucken, wie macht der was, hilft dem Jüngeren, Dinge zu imitieren und festzustellen: Das hilft mir auch.“

Der Thron ist hoch

Aber wenn etwas besonders gut funktioniere, dann wolle jeder Athlet das Geheimnis für sich behalten. Je größer die Konkurrenz, desto dringlicher der Abgrenzungswunsch. Bei Kindern bedeutet das Auftauchen eines Geschwisterkindes meist eine Bedrohung des Status quo. Entthronungstrauma nennen Familienforscher dieses Phänomen. Der Thron von Robert Harting ist hoch.

Julia Fischer hat ihr Eis inzwischen zu Ende gegessen. Sie sieht zu, wie Reporter für ein Gespräch mit ihrem Lebensgefährten in der Sommerhitze stundenlang unter Apfel- und Birnbäumen Schlange stehen. „Wenn er nicht wäre, wüsste ich ganz viele Sachen nicht. Als jüngerer Athlet schaut man immer zu den Größeren auf. Er ist ja nun extrem ehrgeizig und ich habe durch ihn gelernt, was es heißt, seine Grenzen nach oben zu verschieben“, sagt sie.

Als sie vor ein paar Wochen bei der EM in Amsterdam im Finale kämpfte, saß ihr Lebenspartner mit ein paar Turnern und Gewichthebern vor dem Fernseher der Cafeteria in Kienbaum. Am Bildschirm sezierte er jede Bewegung, auch emotional. Fischer wurde Zweite. Robert Harting stellte fest: „Das war richtig cool. Die Leute um mich herum haben mir alle gratuliert, obwohl ich damit gar nichts zu tun hatte. Ich dachte: wow, super, geil.“ Mit der Freundin so einen Erfolg zu teilen, hat er als Bereicherung erlebt. Dem Bruder etwas zu gönnen, das er selbst haben will, ist dagegen ein ganz anderes Ding.

Robert Harting hat zuletzt oft betont, wie wichtig sein Umfeld und seine Freundin waren, bei der Rückkehr nach seiner Verletzungspause und immer neuen, kleinen Blessuren. Als Christoph Harting voriges Jahr noch mit den Medien redete, hatte er von einem ähnlichen Rückhalt in seiner privaten Beziehung erzählt.

Jeder hat seinen Rückhalt, der ihn stark bleiben lässt. In diesem Sommer hat es das Bruderduell beim Comeback von Robert Harting unter freiem Himmel in Kassel ja schon gegeben, auf nationaler Ebene allerdings. Christoph führte bei den deutschen Meisterschaften bis zum sechsten, dem letzten Versuch. Aber dann schleuderte Robert Harting den Diskus mit wilder Entschlossenheit am Bruder vorbei. Rumms. Das saß vermutlich ähnlich wie eine Backpfeife. Der Ältere hatte sich den Titel zurückgeholt, den der Jüngere an sich gerissen hatte, während der Ältere verletzt pausierte. Der Status quo war wieder hergestellt.

Während die anderen deutschen Finalteilnehmer den Sieger nach dem erfolgreichen Comeback alle umarmten, reichte Christoph Harting dem Bruder nur reserviert die Hand. Natürlich steht der Ehrgeiz zwischen den beiden. Gewinnen kann ja nur einer.