Abwehrspieler Christopher Lenz genießt beim 1. FC Union das volle Vertrauen von Trainer Urs Fischer, weil er sich jetzt mehr zutraut und Drang nach vorne entwickelt.

Ein dumpfes Schallen dringt aus der Kabine des 1. FC Union. Christopher Lenz sitzt nebenan in einem kleinen Büroraum im Stadion An der Alten Försterei und grinst. Für die – mehr oder weniger – lyrischen Klänge ist der Linksverteidiger schließlich mitverantwortlich. Zusammen mit den Offensivspielern Akaki Gogia und Anthony Ujah teilt sich der 24-Jährige die Aufgabe als Kabinen-DJ. „Unsere drei Handys sind eigentlich immer an der Box angeschlossen“, sagt Lenz. „Wir haben eine Kabinen-Playlist aus dem letzten Jahr und eine neue. Aber die ähneln sich, allein schon aus Aberglauben. Wir hören viel Deutschrap, weil das eben alle verstehen.“

Kürzlich erst hatte sich Abwehrkollege Neven Subotic darüber beklagt, dass die Musik in der Kabine für seinen Geschmack „ein bisschen zu Capital-Bra-lastig“ sei. In Dauerschleife laufen die Songs „Erfolg ist kein Glück“ von Kontra K, aber auch „Alles auf Rot“ von Capo. „Die Lieder passen ganz gut zu Union, zu unseren Fans und unserer Mannschaft. Bei uns geht es nämlich nur mit Teamgeist und Leidenschaft.“

Lenz trifft auf Havertz

Auch am Sonnabend wird das wieder so sein, wenn Union am fünften Bundesligaspieltag bei Champions-League-Teilnehmer Bayer 04 Leverkusen gastiert, der während der Woche 1:2 gegen Lok Moskau verloren hat. Und Lenz, die Überraschung der jungen Union-Saison, wird dann wieder unermüdlich auf der linken Abwehrseite entlang rennen.

Trainer Urs Fischer schenkte dem gebürtigen Berliner in allen fünf Pflichtspielen über 90 Minuten das Vertrauen. „Er hat an dem einen oder anderen Punkt gearbeitet, an dem er im vergangenen Jahr noch Bedarf hatte“, begründet der 53 Jahre alte Trainer seine Entscheidung: „Er schaltet sich nach vorne ein, ist präsent und geht auch mal bis auf die Grundlinie vor. Er macht es momentan echt gut.“

In der Aufstiegssaison sah das noch anders aus. Lenz kam auf nur elf Spiele und hatte meist hinter dem mit 32 Jahren weitaus erfahreneren Ken Reichel das Nachsehen. Die Vorzeichen haben sich mittlerweile aber geändert. Im Sommer führte Lenz ein intensives Gespräch mit Fischer und Sportdirektor Oliver Ruhnert. „Sie haben mir damals gesagt, dass ich mir noch mehr zutrauen soll“, sagt Lenz.

Mit seiner Zweikampfstärke und dem neuen Drang nach vorne stellt der 1,80 Meter große Verteidiger, der in den ersten vier Partien im Schnitt 10,92 Kilometer gelaufen ist, eine Bereicherung für das Spiel des Aufsteigers dar. Hinter Robert Andrich (47,20) und Christopher Trimmel (43,96) spulte er mit 43,68 Kilometern intern die drittmeisten Kilometer ab.

Beim 3:1-Sieg gegen Borussia Dortmund hatte Lenz das 19-jährige Toptalent Jadon Sancho weitestgehend im Griff. Im Rheinland wird er es nun mit Kai Havertz zu tun bekommen, den Rekordnationalspieler Lothar Matthäus bereits als nächsten deutschen Weltfußballer und damit als seinen Erben ausgerufen hat. Die Aussagen, die in den vergangenen Wochen über den erst 20 Jahre alten Nationalspieler Havertz getätigt wurden, kann Lenz nur bestätigen. Er kenne schließlich nicht viele Spieler, die in dem Alter schon so weit seien. „Egal ob mit dem Kopf oder dem Fuß – er ist brandgefährlich. Kai hat alles, was ein super Fußballer braucht.“

Ob man ihn stoppen kann? „Mal schauen, das kann ich erst am Sonntag sagen.“ Klar sei, dass das nur mit hartem Teamwork möglich ist. „Wir müssen kompakt stehen und gut verschieben. Wenn ich volles Risiko gehe und mal einen Zweikampf verliere, dann weiß ich, dass ich mich auf meinen Mitspieler, den Innenverteidiger oder Sechser, verlassen kann. Nur so geht es.“

Zwischenstopp in Gladbach

Lenz blickt auf einen holprigen Karrierestart im Profifußball zurück. Mit fünf Jahren ging der in Neukölln geborene und in Marienfelde aufgewachsene Kicker zur Hertha. Seine Mutter begleitete den Jungen von Marienfelde aus in der Bahn zum Training. „Wir haben mehr als eine Stunde gebraucht. Sie hat echt viel auf sich aufgenommen.“ Später dann, als Lenz auf die Poelchau-Oberschule im Olympiapark, eine Eliteschule des Sports, wechselte, sei er mit der Mutter Richtung Charlottenburg gezogen. „Dann hatte ich nur noch zwei Minuten Fußweg zur Schule und zum Gelände.“

Mit 17 wechselte Lenz nach Mönchengladbach. Bei der Borussia spielte er nur in der Regionalliga. Deshalb kehrte er 2016 nach Berlin zurück, nach Köpenick. „Unter Jens Keller“, sagt er, „kam ich in meiner ersten Saison nur zu einer Einwechslung. Da lief es auch nicht so. Das war natürlich nicht mein Anspruch. Deshalb habe ich mich damals auch nach Kiel in die Dritte Liga verleihen lassen.“ Er sei aber „nicht der Typ, der sauer oder beleidigt ist, wenn er nicht spielt“. Stattdessen gebe er in jeder Einheit Gas und möchte den Trainer davon überzeugen, „dass er mich am Wochenende aufstellt“.

Lenz mit Start zufrieden

Der Start mit Union mit vier Punkten aus vier Spielen stimmt Lenz zufrieden. „Die Schelle gegen Leipzig zu Beginn hat uns wachgerüttelt. Danach haben wir richtig gute Spiele gezeigt. Wir können, wenn wir an unsere absolute Leistungsgrenze gehen, in dieser Liga gegen jeden Gegner mithalten.“ Dazu müsste auch Lenz gegen Leverkusen auf links wieder die Musik machen.