Mehr als nur ein Fußballer: Unions Christopher Trimmel.
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BerlinChristopher Trimmel, 33, ist seit 2014 ein Eiserner. Sein Wort hat beim 1. FC Union Gewicht – und das nicht erst seit seiner Berufung zum Mannschaftskapitän zur Saison 2018/19. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung gibt er Einblicke in das Miteinander in der Kabine während der Corona-Krise, berichtet vom Umgang der Profis mit Geisterspielen und gibt trotz aller Widrigkeiten für den Ausgang der Saison eine positive Prognose ab. Stichwort: Klassenerhalt.

Zuerst der Aufstieg, dann eine hervorragende Hinrunde, ein ordentlicher Start in die Rückrunde. Alle bei Union waren zu Beginn des Jahres geradezu euphorisch ob der sportlichen Entwicklung. Ist das nicht bitter, dass diese Saison für Sie und Ihr Team durch die Corona-Krise dann so einen Dreh bekommen hat?

Nee, das will ich nicht unbedingt sagen. Das war für jede Mannschaft schwierig, hauptsächlich wegen des Rhythmus. Aber klar, wir waren vor der Corona-Pause nicht so schlecht drauf. Danach hatten wir aber mit dem Spiel gegen die Bayern, mit dem Derby und beim Spiel in Mönchengladbach Mannschaften als Gegner, bei denen wir selbst einen sehr guten Tag, die anderen hingegen einen weniger guten Tag haben müssen, damit wir da was holen. Es war also nicht wirklich ein Schnitt. Und ich sehe unsere Saison immer noch sehr positiv. Wir haben gegen Mainz einen wichtigen Punkt geholt, gegen Schalke eine gute Leistung gezeigt und aus meiner Sicht einen Punkt gewonnen. Das macht einfach immer noch Spaß. Und ich bin wirklich guter Dinge, dass wir den Klassenerhalt schaffen. Wir haben es vier Spieltage vor Schluss doch noch selbst in der Hand. Und es ist doch so, dass wir wirklich jeden überrascht haben.

Ihr habt innerhalb der Mannschaft also nicht das Gefühl, dass da doch ein bisschen was verloren gegangen ist? Dass da ein Spannungsabfall auszumachen, vielleicht sogar ein wenig von diesem besonderen Spirit abhandengekommen ist?

Nein, das glaube ich nicht. Klar, man hat ein bisschen zurückgesteckt, war ein bisschen vorsichtig, weil man sich ja schon speziell jeden Menschen angeguckt hat, wie er mit dieser Situation so umgeht. Das war ja auch nicht so einfach. Von dem her waren wir dann ziemlich neugierig, wie wir das erste Spiel so angehen. Und ich fand, dass das erste Spiel nach der Pause gegen die Bayern kein schlechtes Spiel von uns war.

Wie ging es Ihnen denn persönlich in dieser Zeit der Ungewissheit?

Eigentlich ganz gut. Ich hab mich privat sehr gut beschäftigt, hab sehr viel für mein zweites Standbein, das Tätowieren, gemacht. Ich hab gemalt, gezeichnet. Aber man ist in so einer Phase als Kapitän der Mannschaft natürlich auch viel im Austausch mit den Verantwortlichen im Klub, kommuniziert im Mannschaftskreis. Wir wussten ja alle nicht, wie es weitergeht. Auch der Trainingsbeginn wurde ja ständig verschoben. Da war die Kommunikation, aber auch die Selbstdisziplin das Wichtigste. Jeder von uns musste da ja zu Hause sein Programm absolvieren.

Haben Sie diese Phase in einer Zeichnung, ja, vielleicht sogar in einem Tattoo bildlich festgehalten?

Nee, gar nicht. Das sind Wünsche meiner Kunden, die ich da umsetze. Andererseits bin auch kein Sammler, der sich selbst Ereignisse unter die Haut sticht. Ich habe sehr viel im japanischen Stil auf der Haut und da geht es weniger um Daten und dergleichen. Das hab ich nicht, werde ich wohl auch nicht haben. Für mich ist das Kunst. Etwas, was ganz viel mit Tradition zu tun hat. Ich sehe den Tätowierer als Künstler, den ich dann einfach machen lasse.

Wie fühlt sich das momentan an für Sie: Die Menschen gehen wieder in die Parks, in die Restaurants, zum Teil gar auf Demonstrationen. Und die Spieler sind immer noch in diesem Hygienekonzept gefangen. Ist das ein bisschen wie im Käfig gehalten zu werden?

Am Anfang dachte ich schon, dass das irgendwie ein Problem wird. Aber mittlerweile hat man sich schon so an die Abläufe gewöhnt, dass es schon fast normal ist. Die ersten Wochen waren umständlich. Da vergisst man schon mal was. Was ja auch durchaus menschlich ist. Deswegen habe ich auch von Beginn an gesagt, dass man da ein bisschen mehr Verständnis zeigen muss. Da nehm’ ich das Beispiel Torjubel her. Da wurden die Ersten in den Medien gleich so scharf verurteilt, dass man sich nur wundern konnte. Es ist eben nicht so einfach, weil da ganz viele Emotionen mitschwingen.

Da bin ich ganz bei Ihnen.

Und dann muss man sich doch einfach nur bei den Menschen bedanken, die das ganze Drumherum planen und organisieren. Wie oft wir allein die Situation hatten, dass unsere Teammanagerin oder die Physiotherapeuten darauf hinweisen mussten, hey Jungs, Abstand halten … Aber das war notwendig, dass das auch funktioniert. Oder die Trainer, die eine Zeit lang jeden Tag von 7 bis 18 Uhr auf dem Trainingsplatz standen und gefühlt mit acht Gruppen trainieren mussten.

Fehlt in der Mannschaft diese typische Kabinensituation, dass man sich mal neckt, mal abklatscht? Dass eine engere Interaktion im Team möglich ist?

Es ist natürlich schon besser, wenn alle in einer Kabine sitzen. Aber wir haben das gut aufgeteilt, die Wege sind nicht so weit, wenn man von einer Kabine in die andere geht. Und wir wechseln auch, changen jede Woche, damit nicht immer die gleichen in einem Raum sitzen. Das haben wir dahingehend wirklich gut gelöst. Es ist echt in Ordnung.

Gab es Spieler, denen anzumerken war, dass sie Ängste haben. Und gab es welche, die das offen kommuniziert haben?

Ich fand schon, dass wir das innerhalb der Mannschaft sehr, sehr ehrlich kommuniziert haben. Wir hatten viele Videokonferenzen mit der Mannschaft, mit dem Trainerteam oder mit dem Sportdirektor, und da wurden die Dinge auch ganz offen angesprochen. Das ist ja auch wichtig, denn wenn einer unsicher oder ängstlich ist, macht das auch keinen Sinn, ihn irgendwo reinzudrängen. Ich fand auch sehr wichtig, dass da auch die medizinische Abteilung von Beginn an eingebunden war und dabei sehr viel Druck, sehr viel Angst rausgenommen hat. Dass sie uns vermittelt haben, dass wir dem Konzept vertrauen sollen. Die Botschaft war immer: Das wird schon alles gut.

Wir seid Ihr damit umgegangen, dass in der Öffentlichkeit schnell wieder Klage über die viel zu gut bezahlten Profis geführt wurde? Dass über die „Scheiß Millionäre“ gelästert wurde, die vollkommen entrückt sind und keine gesellschaftliche Verantwortung tragen wollen.

Ja, das bekommt man natürlich mit. Und man macht sich da schon seine Gedanken. Ich glaub, wichtig war bei uns hier letztlich, dass der Verein finanziell nicht geschädigt wird. Das haben wir, glaube ich, ganz gut hinbekommen. Uns war auch wichtig, dass jeder einzelne Mensch, der vom Verein in Kurzarbeit geschickt wurde, auch keine existenziellen Probleme bekommt. Und wir wussten schon auch, dass wir in so einer Phase eine besondere Rolle haben, weil wir in dieser Unternehmung von allen natürlich auch am meisten verdienen. Aber natürlich bekommt man die Diskussionen mit, denkt sich einerseits, warum gerade wir diese Sonderrolle bekommen, andererseits habe ich das auch als Chance verstanden, dass wir Vorreiter für andere Bereiche sind.

Was auch der Fall war …

Ich habe einen sehr guten Freund im Berliner Symphonie-Orchester. Der findet es schön zu sehen, dass es im Fußball inzwischen sehr gut klappt. Und die gucken natürlich auch auf uns, auch wenn das eine ganz andere Welt ist. Die sagen sich: Schaut doch, beim Fußball funktioniert es! Warum sollte es nicht auch bei uns funktionieren? Die machen das jetzt auch step by step. Ich finde das jedenfalls gut, dass wir so eine Art Vorreiter sind.

City-Press
Zur Person

Christopher Trimmel stammt aus dem Burgenland, spielte in der Jugend für den UFC Mannersdorf und ASK Horitschon. 2008 nahm ihn der SK Rapid Wien unter Vertrag, bei dem er – damals noch als Stürmer – im August 2009 sein Debüt in der ersten österreichischen Liga gab. Nach 149 Einsätzen für den österreichischen Traditionsklub wechselte er zur Saison 2014/15 zum 1. FC Union, feierte mit Eisernen schließlich im Sommer 2019 den erstmaligen Aufstieg in die Bundesliga. Trimmel kam bis dato zu sieben Einsätzen in der österreichischen Nationalmannschaft.

Jetzt gab es da einen, der einen Alleingang hingelegt hat, nämlich Sebastian Polter. Er war offenbar der Einzige, der beim Thema Gehaltsverzicht eine individuelle Lösung haben wollte. Hat Sie das überrascht?

Wie soll ich sagen: Es ist und bleibt ein sensibles Feld. Und ich bin da wirklich sehr vorsichtig. Ich hab da keinen einzigen Menschen verurteilt. Wichtig ist mir nur als Kapitän, wie sich die Spieler intern verhalten. Und da kann ich Sebastian überhaupt nichts vorwerfen. Er gibt sein Bestes und ist wie immer ein wichtiger Bestandteil von uns. Es wird im Fußball immer wieder Dinge geben, die zwischen Verein und Spieler aufkommen. Aber da soll man sich als Mitspieler nicht einmischen. Das sind Dinge, die passieren. Wenn das das Mannschaftsklima nicht stört, ist es kein Thema bei uns. Und das war es auch nie.

Gehen wir mal davon aus, dass Union den Klassenerhalt schafft. Wenn es nächste Saison mit Geisterspielen weitergeht, ist das insbesondere für euch doch ein erheblicher Wettbewerbsnachteil.

Klar, ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, wir profitieren nicht von unserem Publikum. Ich glaube, das trifft aber auf viele kleine Vereine zu. Für den Fußball wäre es aber sicher schade, wenn das weiterhin in so einem Rahmen stattfinden muss. Wenn es notwendig ist, okay, dann machen wir das. Aber es fehlt einfach was. Und das ist für mich schon sehr groß. Ich versuch’ das professionell anzugehen, die gleiche Leistung zu bringen, aber es ist natürlich komplett etwas anderes. Ich lass mich da überraschen, ob man da step by step vielleicht etwas lockern kann. Aber da kann man nur spekulieren.

Wie baut man denn in so einer Situation Spannung auf? Du sitzt in der Kabine – und du hörst nichts. Und gehst raus – und da ist niemand.

Das ist sehr, sehr individuell. Und das ist ganz, ganz eigen. Die schwierigste Phase ist ja fast das Aufwärmen. Es ist mucksmäuschenstill. Und dann sich da aufzuladen, sich zu fokussieren, ist echt nicht einfach. Wenn der Schiedsrichter dann anpfeift, ist es etwas anderes. Dann ist man da, dann ist man im Spiel. Das ist aber sehr individuell. Wenn jetzt einer die Zuschauer unbedingt braucht, kann ich ihm aber auch nicht weiterhelfen. Da gibt es kein Rezept dafür.

Was stellt man jetzt an, wenn man im Falle eines Klassenerhalts tatsächlich keine Feier machen kann?

Über so etwas darf man einfach noch nicht nachdenken, die Situation ist immer noch gefährlich. Es ist schwer genug, die nötigen Punkte noch zu holen. Aber wenn wir das schaffen, fällt uns sicher etwas ein.

Jetzt geht es für Sie am kommenden Wochenende also erst einmal nach Köln. Bundesliga statt Europameisterschaft, die ja an sich am 12. Juni hätte losgehen sollen, aber wegen der Corona-Pandemie verschoben werden musste. Sie waren ein sicherer Kandidat für den Kader von Österreichs Nationaltrainer Franco Foda.

Ich seh’ das jetzt auch nicht so negativ, mach mir da eigentlich gar keinen Kopf. Ich hab in den letzten Lehrgängen gezeigt, dass der Trainer mit mir rechnen kann. Dass ich da bin, wenn er mich braucht. Dass ich flexibel in den Positionen bin, was kein so schlechter Faktor für so ein Turnier ist. Okay, es ist verschoben, aber ich seh’ das auch wieder als eine neue Herausforderung für mich. Wieder ein Jahr Gas geben, gute Leistungen zeigen, um eben da wieder hinzukommen. Ich hab mich über die Verschiebung nicht einmal geärgert.

Ist Union schon so etwas wie Ihr Herzensklub? Und können Sie sich vorstellen, bis zum Karriereende und vielleicht sogar darüber hinaus in Berlin zu bleiben?

Sicher! Warum nicht? Ich fühl mich mit meiner Familie, meiner Frau sehr wohl in Berlin. Das kann ich gar nicht bestreiten. Union liegt mir am Herzen. Da ist schon sehr, sehr viel Positives dabei. Ich brauch’ da auch nichts mehr Exotisches. Ich bin da, wo ich hinwollte: in der Bundesliga. Und das will ich noch weiter genießen. Ich möchte gemeinsam mit dem Verein das Ziel Klassenerhalt schaffen. Und im nächsten Jahr mich dieser geilen Herausforderung erneut stellen.

Das Gespräch führte Markus Lotter.