Berlin/Inzell - Alle scheinen sich Ruhe zu wünschen. Es geht schließlich um Medaillen bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi. Sie sind die Währung für Erfolg oder Misserfolg, sie können das Selbstwertgefühl einer ganzen Nation beeinflussen. Die Deutschen sollen stolz sein auf ihre Athleten. Dann, so hoffen die Sportfunktionäre, lassen sich höhere staatliche Fördergelder für den Spitzensport herausschlagen. Und sie wissen: Je mehr Ruhe herrscht in der Vorbereitung auf Olympia, desto konzentrierter können Sportler trainieren, um optimal vorbereitet ab übernächstem Freitag in Sotschi an den Start zu gehen.

Claudia Pechstein erweckte in den vergangenen Jahren nicht den Eindruck, dass Ruhe zu ihr passt. Die Berliner Eisschnellläuferin war immer streitbar. Seit sie 2009 wegen ungewöhnlicher Blutwerte für zwei Jahre gesperrt wurde, bekriegt sie das ganze System des deutschen Sports samt dessen Rechtswesen.

Diese Woche hat Pechstein in Inzell trainiert. Dort in Oberbayern ist Deutschland fast zu Ende, abgeschiedener geht es kaum. Und Pechstein gibt Interviews sowieso nur noch ausgewählten Journalisten. „Claudia hat sehr gut trainiert, man muss den Hut ziehen vor dem, was sie abgeliefert hat“, sagt der Bundestrainer Markus Eicher, ein freundlicher Mann mit bayerischem Zungenschlag und kräftigem Händedruck, „es war relativ ruhig, nur ein Team vom ZDF war da.“

Erstklassige Leistungen mit 41 Jahren

Pechstein ist seit dem Ende ihrer Sperre die wichtigste Athletin seiner Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG). Zwar ist Deutschlands erfolgreichste Winterolympionikin inzwischen schon 41 Jahre alt, aber keine andere liefert so zuverlässig erstklassige Leistungen ab. Daraus erwächst nun ein delikates Problem: Ihre Erfolge legen den Verdacht nahe, der Verband habe in der Nachwuchsausbildung geschlampt. Sogar der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Alfons Hörmann, hat sich daher kritisch in die Belange der DESG eingemischt. Für die Föderation, klagt er, wäre es „der größte Rückschlag“, würde Pechstein „nach Olympia die Karriere beenden“. Bundestrainer Eicher rechtfertigt sich damit, „dass die Claudia nicht nur unseren Jungen wegläuft, sondern auch anderen Nationen wie Polen oder Russland – sie ist eine Ausnahmeathletin wie Gunda Niemann-Stirnemann oder Anni Friesinger. Wir hatten auch von unserer zweiten Reihe mehr erhofft, aber man kann das nicht erzwingen“.

Kommenden Donnerstag fliegt Pechstein mit der Mannschaft von Frankfurt nach Sotschi. Hörmanns DOSB bemüht sich, der Eisschnellläuferin dort ein optimales Umfeld zu garantieren nach all dem Hickhack. Der Dachverband hat auf Vorschlag der DESG gar ihren Freund Matthias Große als Betreuer im Olympiateam nominiert.

Große ist ein stämmiger Mann mit breitem Kreuz, der bis kurz vor der Wende fünf Jahre lang an der Militär-Hochschule in Minsk ausgebildet worden ist. Er hat Pechstein kurz nach Bekanntwerden der Dopingsperre kennengelernt, als er ihr Hilfe anbot. Seither scheint der Immobilienhändler ihr wie ein Bodyguard nicht mehr von der Seite zu weichen. Nicht nur, weil er seine Freundin in einer zivilen weißlackierten Variante eines amerikanischen Militärfahrzeugs herumkutschiert, wirkt auch er immer ein wenig, als sei er im Krieg. Vor Menschen, die er dem feindlichen Lager zurechnet, baut Große sich zuweilen bedrohlich auf. Mal ist er wütend ins Berliner DOSB-Büro gestürmt, mal hat er einen Rechtsanwalt auf den Fluren eines Gerichts angepöbelt: „Sie haben gelogen.“

Ein Berliner Boulevardblatt, das gern Sprachrohr Pechsteins wäre, hat angekündigt, dass auch Große die Kolumne seiner Freundin aus Sotschi fortführen werde, wenn Olympias Regeln Pechstein das Schreiben verbieten. Andere Journalisten und Sportler haben sich von Große eher eingeschüchtert gefühlt. Daher ist es erstaunlich, dass der DOSB ihn nach Russland mitnimmt. Schließlich ist Olympia keine Prämie eines Treueprogramms für Freunde und Familien. Der Verband hat eigens eine Rechtfertigung vorbereitet: „Er gehört auch im Weltcup zum festen Betreuerteam der DESG. Wir wünschen uns, dass Claudia Pechstein ihre Bestleistung abrufen kann und in Sotschi ihre zehnte olympische Medaille gewinnt.“

Mit dem Sonderstatus Pechsteins wagen sich die Sportfunktionäre auf gefährliches Terrain. Das liegt nicht allein daran, dass sich für den 6. Februar schon der nächste Krawall um die Sportlerin anbahnt. Einen Tag vor der Eröffnungsfeier will der DOSB bekanntgeben, wer beim Einmarsch des Teams mit der Bundesflagge vorwegmarschieren darf. Die Ehre wird in der Regel den verdientesten Olympioniken zuteil. Seit am Donnerstag der Diskuswerfer Robert Harting für Pechstein warb, droht ein Konflikt, sollte der DOSB die verdiente Biathletin Andrea Henkel auswählen, um zu verhindern, dass mit Pechstein eine rechtskräftig wegen Dopings gesperrte Athletin die Nation an exponierter Stelle repräsentiert.

Polizei vermutete Hells-Angels-Mitglieder in Pechsteins Haus

Ohnehin könnten dem DOSB Vorzugsbehandlungen als schlechtes Gewissen ausgelegt werden. Pechstein war 2009 als erste Sportlerin nur aufgrund einer indirekten Dopingbeweislage gesperrt worden. Ein Blutwert fiel bei ihr erheblich aus der zulässigen Toleranz. Die Anzahl junger roter Blutkörperchen, der Retikulozyten, erreichte bei ihr unerlaubte Höhen. Einen positiven Test auf verbotene Substanzen lieferte Pechstein, eine Angestellte der Bundespolizei, nie, obwohl sie inzwischen über 500 Mal kontrolliert wurde. Auch wurde ihr Telefon abgehört. Zwischenzeitlich durchsuchte die Polizei gar ihr Haus in Diensdorf-Radlow am Scharmützelsee, weil sie dort Mitglieder der Hells Angels vermutete.

Die Dopingbeweislage verdichtende Indizien konnten nie aufgetrieben werden. Sechs Tage, nachdem das Weltschiedsgericht für Sport, der CAS in Lausanne, ihre Zweijahressperre bestätigt hatte, traten neue Antidopingregeln in Kraft. Seither reicht ein abweichender Wert wie bei Pechstein nicht mehr für eine Sanktion, mindestens vier Parameter müssen nun auffällig sein. Obwohl die Vereinbarkeit des Urteils mit geltendem Recht durch alle Instanzen festgestellt wurde, bereitet es inzwischen auch Antidopingfachleuten Unbehagen. „Die Sperre für Frau Pechstein war nicht okay“, formuliert es der Mainzer Sportmediziner Perikles Simon.

Pechstein hat Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um natürliche Ursachen für ihre Blutwertabweichungen finden zu lassen. Vor drei Jahren diagnostizierte der Münchner Hämatologe Stefan Eber schließlich eine Blutanomalie namens Xerozytose bei Pechstein, die das ungewöhnliche Blutbild erkläre.

Trotzdem würden die renommiertesten Antidopingjäger nicht so weit gehen, eine Rehabilitation Pechsteins zu verlangen. Der Spitzensport hat durch spektakuläre Dopingfälle wie dem der Sprinterin Marion Jones oder dem des Radprofis Lance Armstrong seinen Kredit verspielt. Nur noch die naivsten Zuschauer trauen heute aufsehenerregenden Weltrekordlern wie dem Jamaikaner Usain Bolt zu, ihre Sensationen ohne Schummelei geschafft zu haben. Hartnäckige Enttäuschungen durch gedopte Stars nähren Zweifel. Gerade bei Rekordzeiten liefernden Ausdauerathleten wie Pechstein, mögen die auch noch so heftig ihre Unschuld beteuern. Die Bereitschaft auch unter deutschen Sportlern, Leistung zu manipulieren, ist belegt: So haben Ermittler ein Telefonat über Blutbehandlungen bei einem Erfurter Arzt abgehört. Eine Athletin hatte der anderen eine UV-Bestrahlung des Bluts empfohlen. Auf deren Nachfrage, ob das Doping sei, beruhigte die Tippgeberin: Das sei doch nicht nachweisbar.

Fachleute wie der Heidelberger Molekularbiologe Werner Franke fürchten, dass Pechsteins respektable Gutachter wie der Hämatologe Stefan Eber zu gutgläubig sind. Ausgeklügeltes Doping erlaubt es längst, Sportler auf bestimmte Werte relativ genau einzustellen, so dass sie in Tests trotz verbotener Behandlungen unauffällig bleiben. Ärzte wie Eber sind es gewohnt, bei Untersuchungen ehrliche Antworten von Patienten zu bekommen, weil die Interesse an einem Heilungserfolg haben. Bei einer Anamnese eines gedopten Sportlers aber müssten sie damit rechnen, dass der Athlet nicht vollständig Auskunft gibt. Die Experten können daher nicht ausschließen, dass bei Pechsteins Blutkonstellation trotz erklärender Gutachten nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist.

Hoffnung auf vier Millionen Euro

Unglücklich für Pechstein fügt sich dazu ihre Neigung, kaum einem Streit aus dem Weg zu gehen. Über die Jahre schien es egal zu sein, wer gerade als ihre härteste Widersacherin um die Publikumsgunst im Eisschnelllauf antrat − Pechstein führte mal mit Gunda Niemann-Stirnemann, mal mit Franziska Schenk oder Anni Friesinger Auseinandersetzungen, die vom Boulevard als „Zickenkrieg“ ausgeschlachtet wurden. In der von ihrem Manager Ralf Grengel verfassten Biografie „Von Gold und Blut“ knöpfte sie sich nicht nur alle missliebigen Journalisten einzeln vor, sondern sorgte auch dafür, dass ihr Comeback nicht zu harmonisch verlief. Der hoffnungsvollsten nachrückenden Eisschnellläuferin, Stephanie Beckert, widmete sie eine aus einem Grönemeyer-Lied entliehene Kampfansage: „Meine Faust möchte unbedingt in ihr Gesicht.“

Insofern ist es auch nicht erstaunlich, dass gerade ein erneuter Schlichtungsversuch des Münchener Landgerichts zum Scheitern verurteilt war. Nachdem sie bisher alle Dopingverfahren verloren hat, klagt Pechstein dort unter dem Aktenzeichen 37 O 28331/12 gegen den Eislauf-Weltverband ISU. Sie will 3,584 Millionen Euro Schadensersatz plus Zinsen sowie 400.000 Euro Schmerzensgeld und die Feststellung weiterer Schäden. Juristen zweifeln an der Zulässigkeit der Klage gegen den in Lausanne ansässigen Weltverband. Die haben Pechsteins Anwälte mit einem Kniff konstruiert: dem Rückgriff auf die Pechstein wohlgesonnene DESG als deutschem ISU-Ableger.

Das Gericht mühte sich kurz vor Weihnachten noch, Frieden zu stiften: Die ISU möge einräumen, dass Pechstein in der nun geltenden Rechtslage nicht schuldig gesprochen worden wäre, Pechstein möge ihre Klage im Gegenzug zurückziehen. Doch Pechstein hat angekündigt, dass ihr Verfahren weitergeht. Am 26. Februar hat sie den nächsten Termin in München. Drei Tage nach der Abschlussfeier in Sotschi.