Bremen/Berlin - „Hallo, ich bin Claudio!“, sagt der Rekordspieler der Fußball-Bundesliga, kurz nachdem er den TV-Raum im Bauch des Bremer Weserstadions betritt. Ein fester Händedruck, dann schaut er seinem Gesprächspartner tief in die Augen und setzt dieses lausbübische Lächeln auf. Die Grübchen um die Mundpartie herum erreichen fast die Augenwinkel. Seit zwanzig Jahren kennt ihn die Bundesliga so. Die Liste an Rekorden, die Claudio Pizarro seit 1999 aufgestellt hat, ist lang. 197 Tore erzielte der Stürmer in 475 Spielen für Werder, Bayern und Köln. Am Sonnabend kann der Peruaner an der Alten Försterei gegen den 1. FC Union (15.30 Uhr) eine erneute Bestmarke aufstellen. Es ist seine letzte Saison. Danach soll endgültig Schluss sein. Oder etwa doch nicht?

Herr Pizarro, Sie werden am 3. Oktober 41 Jahre alt und spielen immer noch auf Topniveau. Verraten Sie uns das Geheimnis Ihrer Fitness?

Ich mache eigentlich alles wie immer. Nach dem Training dehne ich mich ausgiebig und habe anschließend eine längere Massageeinheit. Nun gut, ich habe vor fünf Jahren meine Ernährung umgestellt, vielleicht ist es das. Das sind Kleinigkeiten, die in unserem Beruf entscheidend sein können.

Gehen Sie dem veganen Trend nach?

Nein! Ich bin Südamerikaner und brauche Fleisch und Fisch. Ich verzichte weitestgehend auf Weizen- und Milchprodukte, nehme stattdessen Dinkelnudeln und Mandel- oder Sojamilch zu mir. Ich habe an meiner Verdauung gemerkt, dass es mir dadurch besser geht. Mittlerweile merke ich sofort, wenn ich eine Ausnahme mache. Dann habe ich sofort ein ungutes Gefühl im Bauch.

Sie spielen seit 20 Jahren in der Bundesliga. Was hat sich verändert?

Vieles. Wir haben ja eben über Ernährung gesprochen. Wir Fußballer achten heutzutage viel mehr auf unsere Körper. Ich habe die Entwicklung hin zur absoluten Professionalität miterlebt. Früher hat oft die Qualität eines Spielers alleine ausgereicht, mittlerweile genügt das nicht mehr. Der Konkurrenzkampf ist höher, ein Fußballer muss noch professioneller sein, auf Ernährung, Gewicht, Fitness achten. Dazu gehören Vor- und Nachbereitung, Regeneration. Gerade in meinem Alter dauert das mit der Erholung etwas länger.

Wie lange?

Ich brauche einen Tag mehr als früher. Das ist im Vergleich zu den jüngeren Spielern echt eine Menge. Um auf die Frage nach den Veränderungen zu kommen: Der Fußball ist mittlerweile mehr Taktik, mehr System, mehr Wissenschaft. Es gibt Studien darüber, Bücher. Früher war das einfacher: Wir sind rausgegangen und sollten ein Fußballspiel gewinnen. Das war’s. Mittlerweile achtet man auf viele Faktoren. Natürlich ist auch viel mehr Geld im Umlauf.

Was lösen Transfersummen wie die 222 Millionen Euro für Neymar in Ihnen aus?

Es ist verrückt, gehört mittlerweile aber dazu. Das Fußball-Geschäft hat sich rasant entwickelt, überlegen Sie mal was alles dazugehört, allein hier bei Werder: Sponsoren, Ticketing, Merchandising. Wenn du bei den Summen und Gehältern nicht bis zu einem für den Verein möglichen Grad mitgehst, versinkst du im Mittelmaß oder gehst vielleicht sogar in die Zweite Liga.

Wissen Sie eigentlich, was Ihr höchster Marktwert war?

Puh, keine Ahnung. Sagen Sie es mir.

Im Jahr 2005 waren Sie als Stürmer des FC Bayern München 12,5 Millionen Euro wert. Das ist im Vergleich zu den heutigen Preisen fast ein Witz für einen Spieler Ihres Formats, oder?

Die Zeiten haben sich auch dahingehend total verändert. Vor kurzem erst hat mir Jupp Heynckes erzählt, dass er früher als Spieler 8000 Mark verdiente.

Mit wem haben Sie in all den Jahren am liebsten in einem Team gespielt?

Da könnte ich jetzt ganz viele Namen auflisten. Ob in London, Bremen oder München. Die Mannschaft, die wir 2012/2013 bei den Bayern hatten, war die beste aller Zeiten. Wir hatten ein Superjahr, hatten durchgehend Spaß und letztlich das Triple gewonnen. Das lag auch am Trainer, der uns 25 oder 26 Mann im Kader, glücklich gemacht hat.

War Heynckes also der beste Trainer?

Ich hatte sehr viele gute Trainer in meiner Karriere und habe von jedem etwas gelernt. Aber das Verhältnis zwischen Jupp und uns Spielern war besonders. Auch Pep Guardiola war speziell. Unfassbar, wie akribisch er gearbeitet hat. Wir waren für jedes Spiel perfekt vorbereitet.

In der Bundesliga bildeten Sie mit Ailton ein kongeniales Sturmduo. Der Satz „Pizza-Toni liefert wieder“ bürgerte sich in Bremen ein. Wie ist Ihr Verhältnis zueinander?

Als ich damals nach Deutschland kam, saß Ailton nur auf der Tribüne. Ich konnte die Sprache nicht, Ailton auch nicht. Ich war damals ein guter Beobachter und habe mir Ailton eine Weile angeschaut. Ich habe mich gefragt: Wie kann man das Beste aus ihm rausholen? Ich sah, dass er Spaß brauchte und ihn Tore glücklich machten. Wir hatten dann viel Spaß zusammen – was man an den vielen Toren gesehen hat.

Am Donnerstag jährte sich Ihr erstes Bundesliga-Tor zum 21. Mal. War die Anfangszeit in Deutschland schwer?

Mein erstes Spiel war in Berlin. Beim 1:1 gegen Hertha wurde ich damals eingewechselt, das vergesse ich nie. Wie schwer ich es hatte? Es ging. Ich hatte nur Fußball im Kopf, musste ja für meine Frau und mein Kind sorgen. Ich konnte anfangs kein Deutsch. Fußball war meine Sprache. Ich habe dann versucht, die Kultur zu verstehen und mich zu integrieren. Das war nicht einfach, weil die Deutschen anfangs nicht leicht sind. Wenn sie dich nicht kennen, sind sie sehr zurückhaltend. Nach einem Jahr etwa konnte ich die Sprache. Dann war es leicht.

Was ist so richtig deutsch an Ihnen?

Ich bin mittlerweile sehr pünktlich und diszipliniert. Früher war das sicher nicht so. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wenn ich in Peru zu Besuch bin und wir mit Freunden 8 Uhr als Zeit ausmachen, bin ich um 8 Uhr da. Der eine kommt um 8.30 Uhr, der andere um 9. Die Leute sind dort nie pünktlich. Ailton würde bei 8 Uhr wahrscheinlich um 9.30 Uhr kommen. Bei ihm weiß ich sogar, dass ich ruhig später kommen kann. Bei den deutschen Freunden und Teamkollegen bin ich dagegen sehr pünktlich. Das habe ich den Kindern weitergegeben und finde das sehr gut.

Was ist südamerikanisch an Ihnen?

Dieses Schlitzohrige, von dem ihr immer alle sprecht. Das ist sicher auf mein südamerikanisches Temperament zurückzuführen. Und auch meine Liebe zum peruanischen Essen wird für immer bleiben. Ich liebe Ceviche, das ist unser Nationalgericht. Roher Fisch in einem Sud mit Zitrone, Zwiebel, Chili – lecker.

Und deutsche Speisen?

Ich gehe sehr gerne aufs Oktoberfest, aber nicht wegen des Biers, sondern des Essens. Ich mag Schweinshaxe, Hendl und Ente.

Wir haben gehört, dass Sie die Kollegen gern zu Grillabenden einladen. Steht Claudio Pizarro dann mit der Zange hinterm Grill und bedient alle?

Aber ja doch. Wenn ich der Gastgeber bin, bediene ich auch alle. Das ist normal und gehört zu unserer Kultur. Ich versuche immer mal wieder, solche Abende zu organisieren, um das Team bei Laune zu halten.

Sie haben Berlin angesprochen. Ihr erstes Bundesligaspiel machten Sie in der Hauptstadt, zudem wurden Sie am 16. Februar mit dem Freistoß-Treffer zum 1:1 gegen Hertha zum ältesten Bundesliga-Torschützen mit 40 Jahren und 227 Tagen. Berlin und Pizarro – das passt, oder?

Stimmt. Jetzt, wo Sie es sagen. Daran habe ich nie gedacht. Vielleicht haut es ja auch am Sonnabend gegen Union hin.

Sie können wieder einen Rekord knacken. Wissen Sie das?

Nee, jetzt bin ich aber gespannt.

Längster Zeitraum zwischen dem ersten und letzten Bundesliga-Tor in der Bundesliga. Zurzeit ist es Lothar Matthäus mit 7 287 Tagen. Wenn Sie gegen Union treffen, sind es 7 307 Tage.

Verrückt. Ich erfahre das mit den Rekorden ja immer von euch Reportern. Dann wäre es doch schön, wenn es in Berlin wieder klappt.

Rekorde bedeuten Ihnen nicht so viel?

Es gibt wichtigere und unwichtigere Rekorde. Wissen Sie, was mich ärgert? Ich war in meiner ganzen Zeit nie Torschützenkönig. Jetzt, wo sich alles dem Ende zuneigt, denke ich: Schade, das wäre ich gerne mal gewesen. Vielleicht war ich zu sehr Teamspieler (lacht). Ich hätte nicht so oft abgeben sollen.

Haben Sie ein Lieblingstor?

Dieses Tor im Weserstadion gegen Schalke, 2001 war das: Ballannahme aus der Luft, Direktabnahme über den Torwart. Aber auch der Treffer gegen Hannover war schön, wo ich erst den Gegenspieler überlupfe und dann abziehe.

Bremen oder Bayern?

Schwierige Frage. Beide Vereine sind toll. Ich werde Werder immer im Herzen haben, weil mir die Leute hier die Tür nach Europa geöffnet haben. Ich bin nicht umsonst zum vierten Mal in Bremen. Meine Kinder fühlen sich hier sehr wohl. Gleiches gilt aber auch für Bayern.

Auch für Claudio Pizarro, der so gut wie alles erlebt hat in seiner Karriere, gibt es noch Premieren: Am Sonnabend spielen Sie zum ersten Mal an der Alten Försterei. Was erwartet Sie?

Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht so viel über Union. Ich habe nur gehört, dass die Fans unfassbar emotional sind, dass uns ein kleines, enges Stadion erwartet. So etwas mag ich ja. Ich habe das Spiel gegen Dortmund gesehen. Super! Die haben richtig gute Jungs in der Mannschaft. Da müssen wir aufpassen.

In Felix Kroos und Anthony Ujah spielen zwei frühere Werder-Kollegen bei Union. Wie ist Ihr Kontakt?

Felix war mal in Bremen zu Besuch, da haben wir gesprochen. Das ist länger her. Mit Tony schreibe ich ab und zu über Instagram. Ich freue mich darauf, beide wiederzusehen.

Herr Pizarro, man sieht Sie immer gut gelaunt, immer mit einem Lächeln im Gesicht. Was bringt Sie eigentlich so richtig auf die Palme?

Wenn es in den Spielen nicht so gut läuft und wir einfache Fehler machen. Aber ich zeige das dann nicht so in der Öffentlichkeit. Das wäre nicht gut. Zuhause nervt es mich, wenn meine Kinder mal wieder Sachen machen, die sie nicht sollen. Da kann ich schon ausrasten. Und sonst stört mich vor allem die Korruption in meinem Heimatland Peru.

Mit Ihrer Bekanntheit könnten Sie dort in die Politik gehen.

Ich habe wirklich mal überlegt, ob ich etwas in die Richtung machen soll. Dazu braucht man aber die richtigen Leute um sich herum und das ist nicht einfach. Korruption ist in Peru groß. Man kommt ganz oben gar nicht durch. Leider. Ich will die Verbindung zu Peru halten, in welcher Position, weiß ich noch nicht.

Also ist nach dieser Saison mit dem Fußball wirklich Schluss?

Nach der Saison ist Schluss – und dann werden wir sehen. Aber im Ernst: Ich glaube, dass dann wirklich Schluss ist.