Training auf 2700 Metern Höhe: Cody Kessel zu Hause in der Bison Peak Lodge.
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BerlinDer Volleyballspieler Cody Kessel hat sich in den vergangenen Wochen im wohl ungewöhnlichsten Fitness-Studio aller Berliner Athleten in Form gehalten. Der Außenangreifer der BR Volleys baute sich zu Hause in den Puma Hills einen Freiluft-Parcours. Kürzlich lag auf seinen hölzernen Hanteln, seinem selbstgebauten Seilzug mit Steingewicht im Eimer und seiner Holzbank am frühen Morgen sogar Schnee. In 2700 Metern Höhe schneit es im Juni hin und wieder. 

Kessels Vater und Stiefmutter betreiben unweit von Colorado Springs am östlichen Rand der Rocky Mountains die Bison Peak Lodge, ein Urlaubs-Resort das Übernachtungen im nobel eingerichteten Tipi anbietet.  Sogenanntes Glamping, glamouröses Camping, das den Luxus eines Hotels mit der Romantik der Natur verbindet. Das Resort wird gern von Hochzeitspaaren gebucht. Amerikanische Feuerwehrleute oder Veteranen dürfen sich dort umsonst erholen. „Es könnte auch ein toller Erholungsort für die Ärzte und Krankenpfleger sein, die viel Kraft im Kampf gegen Corona aufgewendet haben“, meint Cody Kessel.

Der 28-Jährige sagt, für ihn sei es der Jackpot, seinen Eltern und seiner Schwester McKenzie beim Betrieb des Resorts helfen zu können. Und so hat er seinen durch Corona verlängerten Heimat-Aufenthalt mit dem Bau eines charmanten Fitness-Studios verbunden. Drei Wochen brauchte er, um den Großteil der Geräte zu bauen. Immer wieder überlegte er: „Haben wir dafür ein Werkzeug? Kann ich das von Hand anfertigen?“ Ein paar Ideen schaute er sich aus Videos ab. Den Rest probierte er einfach aus.

Aus Altholz und Altmetall, das er in dem Naturpark zusammensuchte, baute er Lang- und Kurzhanteln, die er mit Steinen füllte, um das Gewicht zu erhöhen. Klimmzüge macht er am Ast eines Baums. „Nur die Umlenkrolle für den Seilzug hat mir mein Vater aus dem Baumarkt mitgebracht, sonst war alles hier“, sagt Kessel. In einem Video, das er bei Instagram gepostet hat, kann man sehen, wie der Berliner Volleyballer auf einem Felsplateau den Seilzug zum Erhalt seines Bizeps nutzt. Statt an Einhandgriffen zieht er dabei an einem Wapiti-Geweih. „Auch unsere Gäste können das Fitness-Studio jetzt nutzen“, sagt Kessel. 

Der Absolvent der amerikanischen Elite-Universität Princeton ist einer, der für andere mitdenkt, ein Teamspieler. Die Volleys hatten mit dem US-Nationalspieler, der von der SVG Lüneburg nach Berlin gewechselt war, einen Zweijahresvertrag mit Entscheidungsoptionen nach der ersten Spielzeit abgeschlossen. Die Verlängerung seines Vertrages in Berlin hat ihm Volleys-Manager Kaweh Niroomand in erster Linie angeboten, „weil er charakterlich ein unglaublich guter Junge ist. Ein Vorbildsportler. Einer, der gut damit zurechtkommt, dass er um seinen Stammplatz kämpfen muss“.

In der vergangenen Saison, in der die BR Volleys den Supercup und den deutschen Pokal gewannen, zeigte sich Kessel flexibel. Als bei den BR Volleys beide Diagonalangreifer verletzt ausfielen, ausgerechnet bei der Auswärtspartie beim großen Rivalen VfB Friedrichshafen, sprang er als Hauptangreifer ein. Die Berliner gewannen  am Bodensee. Und jedes Mal, wenn Samuel Tuia oder Moritz Reichert nicht auf der Höhe waren, wenn die anderen Außenangreifer schwächelten, nutzte Kessel seine Chance.

Er glänzte, wenn er aufs Feld kam, überraschte mit seiner gewaltigen Sprungkraft, seiner Reichhöhe von 3,60 Metern, riss die anderen mit seinem Optimismus mit und schaffte es so auch immer wieder zu Einsätzen von Beginn an. Dass die Leistung der Berliner, die national eine ganze Saison lang in allen Wettbewerben ungeschlagen blieben, nicht mit dem Meistertitel gekrönt wurde, sei natürlich traurig gewesen, sagt Kessel. Aber durch Corona seien eben viele Dinge zur Seite geschoben, unwichtig geworden. 

Kessels Manko war bislang sein Aufschlag. "Den muss er verbessern, das weiß er. Der ist zu harmlos. Ansonsten ist er groß, hat einen guten Block und ist immer gierig auf den Punkt", sagt Manager Niroomand. „Cody hat hier bei uns viel dazugelernt und mit seiner vortrefflichen Einstellung wird er das auch weiterhin tun“, prophezeit Trainer Cedric Enard.

Bei seinen Profistationen in der Schweiz und in Lüneburg hat Kessel ziemlich gut Deutsch gelernt. „Ich liebe unser Team, die Mitarbeiter und die Fans, die diesen Verein ausmachen", sagt er. "Es ist großartig, ein Teil dieses ambitionierten Klubs und eines der weltweit spannendsten Volleyball-Projekte zu sein."

Trainer Enard hat sich Kessels Fitness-Übungen im Naturpark der Rocky Mountains angesehen und das Video mit einem "Daumen nach oben"-Piktogramm versehen. Zu etwa 70 Prozent, sagt Kessel, könne er die selbstgebauten Geräte für seinen wöchentlichen Trainingsplan nutzen. Volleyball spielt der 1,98 Meter große Athlet derzeit in der Bison Peak Lodge mit seiner Schwester, deren Freund und seinem Vater, der früher selbst Volleyballprofi war. Das Netz ist zwischen den Tipis aufgestellt. "Zum Glück kann man sich im Volleyball durch einfache Wiederholungen sehr verbessern" sagt Kessel. "Ich arbeite gerade viel an meinem Aufschlag."