Die Special Olympics finden 2023 in Berlin statt, natürlich auch mit einem Wettbewerb im Weitsprung.
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BerlinEinige mehr Kisten als sonst stehen aktuell in den Räumlichkeiten. Manche davon stammen noch von einem Einsatz zu Beginn des Jahres, andere hätten erst noch zum Einsatz kommen sollen und wiederum andere konnten einfach noch nicht ausgepackt werden. 

Die Kisten in der Geschäftsstelle von Special Olympics stehen aber nicht für mangelnden Ordnungssinn, sondern symbolisch für die vergangenen Wochen. Für die Zeit, in der die Corona-Krise so viele Leben auf den Kopf gestellt, so viel Büroarbeit zum Erliegen gebracht hat und so viele Projekte nur im Homeoffice bearbeitet werden konnten. Seit wenigen Wochen können die Büroräume in der Invalidenstraße immerhin wieder betreten werden. Mitarbeiter der Geschäftsstelle dürfen sich wieder relativ normal durch ihre Räumlichkeiten bewegen, für Besucher gelten natürlich die Corona-Regeln. Kein Handschlag zur Begrüßung, der immer noch notwendige Abstand von 1,5 Metern und eben die Bedeckung von Mund und Nase müssen eingehalten werden.

Die Corona-Krise hat auch die Arbeit des Teams von Special Olympics Deutschland verändert und vor allem noch einmal deutlich vor Augen geführt, woran es arbeiten muss. Denn während nach und nach Lockerungen vollzogen werden, Sperrstunden wegfallen und Sporthallen wieder öffnen, die Gesellschaft wieder zum Leben erwacht, bleibt ein der Teil der Gesellschaft außen vor.

„In der aktuellen Diskussion über Öffnungen fehlen uns komplett die Bedürfnisse von Menschen mit geistiger Behinderung“, erzählt Sven Albrecht, „uns zeigt die Corona-Krise noch einmal deutlich, wie wichtig unsere Aktivitäten auf kommunaler Ebene sind, um Menschen mit geistiger Behinderung überhaupt sichtbar zu machen.“ Die Kisten in den Räumlichkeiten der Geschäftsstelle in Mitte zeigen, dass diese Arbeit etwas ins Stocken geraten sind.

Die Arbeit, das der Bundesgeschäftsführer und sein Team seit vielen Jahren machen, muss man noch immer als Entwicklungsarbeit bezeichnen. Denn obwohl der Verband im Jahr 1991 gegründet wurde, wissen nur wenige von dessen Existenz oder verwechseln ihn mit den paralympischen, der körperlich behinderten Sportlern. Die haben sich im Sog der Olympischen Spiele, an die sie mittlerweile gekoppelt sind, in das Bewusstsein der Gesellschaft gearbeitet. Da möchte das Team mit dem Hauptsitz in Berlin erst noch hin. „Der Kernbestandteil ist es bei uns immer noch, den Bekanntheitsgrad von Special Olympics zu steigern, aufzuklären und für das Thema Inklusion im organisierten Sport zu sensibilisieren“, erzählt Florian König, „die Struktur von Special Olympics kennen selbst im organisierten Sport leider nur die wenigsten.“

Nur acht Prozent treiben Sport

Als Bundesprojektleiter und Regionalkoordinator Berlin für das Projekt „Wir gehören dazu“ versucht er genau das seit fast einem Jahr umzusetzen. Ansatzpunkte gibt es jede Menge, das wird schon beim Blick auf ein paar Zahlen deutlich. So sind laut Statistik von Menschen mit körperlicher Behinderung ungefähr 33 Prozent sportlich aktiv, viele davon auch in Sportvereinen verankert. Menschen mit geistiger Behinderung treiben jedoch nur zu acht Prozent Sport.

Und: „Es wird noch dramatischer, wenn man sich anschaut, dass dieser Sport eigentlich fast nur in den Einrichtungen, in den Werkstätten, Wohnheimen oder Diensten stattfinden, leider so gut wie gar nicht in den Sportvereinen“, erzählt Florian König. Schätzungen gehen davon aus, dass in ganz Deutschland mindestens 320.000 Menschen mit geistiger Behinderung leben. Immerhin gibt es in Deutschland schon ein paar Vereine, die in diesem Bereich ganz gute Arbeit leisten.

Pfeffersport hat sich in Berlin im Bereich Inklusion sehr hervorgetan und ist bereits mehrfach für diese Arbeit ausgezeichnet worden. „Das ist aber leider nicht flächendeckend so, sondern es gibt nur ein paar Leuchttürme“, so Albrecht, „da müssen wir die Breite erhöhen.“ Neben dem Projekt „Wir gehören dazu“, welches sich mit hauptamtlichem Personal in sechs Modellregionen diesem Thema widmet und welches die Akteure aus Sportvereinen, der Behindertenhilfe, aber auch aus Schulen, Kitas, Kommunen sowie die Partner aus der Wirtschaft an einen Tisch holt und vernetzt, liegt die die große Chance für Special Olympics Deutschland im Jahr 2023.

Da soll Berlin Austragungsort für die Welt-Sommerspiele sein. So etwas wie Olympische Spiele für Sportler mit einer geistigen Behinderung. Etwa 7000 Athleten werden erwartet, 20.000 Volunteers im Einsatz sein. Die Messe, der Olympiapark, der Wannsee, die Straße des 17. Juni, Alexanderplatz, das SSE und das Velodrom sollen die zentralen Punkte dieser internationalen Großveranstaltung sein. 2018 hat Berlin den Zuschlag bekommen und sich dabei gegen Moskau in einem Bewerbungsverfahren durchsetzen können.

Mitbekommen haben es allerdings nur die wirklichen Insider. Und trotzdem „ist das eine einmalige Chance, für Berlin und für Deutschland“, sagt Sven Albrecht, „das Konzept richtet nicht nur den Blick auf Berlin, sondern auf das gesamte Bundesgebiet. Es geht um die große Aufgabe, die Teilhabe von Menschen mit geistiger Behinderung an unserer Gesellschaft zu verbessern.“ Das heißt für Berlin: wie kann man die Barrierefreiheit für Menschen mit geistiger Behinderung vorantreiben. Für Berlin und ganz Deutschland: wie schafft man es über Vereins- und Schulprojekte, die Köpfe zu erreichen, Begegnungen zu schaffen, um die Voraussetzungen zu erfüllen, dass eine Teilhabe von Menschen mit geistiger Behinderung an der Gesellschaft selbstverständlich wird.

Nachhaltig sollen die Sommerspiele sein. Weniger für die Stadtentwicklung und -infrastruktur in Berlin, viel mehr für die Erhöhung des Organisationsgrades von Menschen mit geistiger Behinderung im Sport in Deutschland. Den Scheinwerfer Sommerspiele 2023 wollen Sven Albrecht, Florian König und ihre Mitstreiter nutzen, um in den nächsten dreieinhalb Jahren aufzuklären, Begegnungen zu schaffen und für das Thema zu sensibilisieren. Eine Aufgabe, die in den vergangenen Wochen etwas anders gestaltet werden musste und in der so manche Kiste stehengeblieben war. Aber nach und nach werden die verschwinden und die Inhalte für ihren eigentlichen Zwecke benutzt.