Familiärer Fußball-Ausflug an die Alte Försterei: Zu sehen gibt es derzeit nur Kleingruppen-Training.
Foto: Matthias Koch

Frankfurt am MainDie Nachricht machte am Mittwoch gegen 17 Uhr die Runde: Großveranstaltungen sollen wegen der Corona-Pandemie bis zum 31. August untersagt werden, auch Fußballspiele seien betroffen. Die Ministerpräsidenten der Länder und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verständigten sich, wie sich wenig später bestätigen sollte, in einer Schaltkonferenz auf dieses prinzipielle Verbot. Konkrete Regelungen, etwa zur Größe der Veranstaltungen, sollten demnach durch die Länder getroffen werden. Ob Geisterspiele mit 250 beteiligten Personen als Großveranstaltung gelten, blieb unklar.  Das wäre „kein Thema“ gewesen, erklärte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder. „Ob und in welcher Form“ diese möglich seien, führte der CSU-Politiker während einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Kanzlerin Merkel aus, „das wird man dann noch diskutieren“. Die Prioritäten bei dem Gipfeltreffen lagen deutlich bei anderen Themen.

Neue Fakten jedenfalls waren das, die der Deutschen Fußball-Liga (DFL) kaum gefallen können. Die wollte vor der auf den 23. April verschobenen Mitgliederversammlung verhindern, dass Vereine über Einstiegsszenarien der vorläufig bis Ende des Monats unterbrochenen Saison spekulieren. DFL-Chef Christian Seifert hat in einem von ihm unterzeichneten Rundschreiben eindringlich appelliert, unüberlegte und unangemessene Meinungsäußerungen zu unterlassen. Stattdessen werden die Führungskräfte von Bundesliga und Zweiten Bundesliga auf eine einheitliche Linie eingeschworen.

Es gehe nicht darum, das Recht auf freie Meinungsäußerung einzuschränken, sagte ein Vereinsvertreter, „sondern darum, dass Vielstimmigkeit jetzt gerade keine Stärke ist, weil es das Ergebnis verkompliziert“. Die Profilierungssucht einzelner Protagonisten sei für das Gesamtkonstrukt schädlich. Der Aufsichtsratsvorsitzende der DFL GmbH, Peter Peters (FC Schalke 04), ermahnte ebenfalls per Rundmail explizit die Vereine der Ersten Liga, sich zurückzuhalten. An die Klubs der Zweiten Liga erging bereits am Freitag ein Dokument mit ähnlichem Wortlaut vom DFL-Vizepräsidenten Steffen Schneekloth (Holstein Kiel), der als Sprecher fürs Unterhaus fungiert. Drei Vorgänge mit gleichlautender Stoßrichtung zeigen, wie brisant Themen wie die Saisonfortsetzung, Insolvenz oder Kurzarbeit sind – und wie sehr der DFL im „Überlebenskampf“ (Seifert) an einer einheitlichen Linie gelegen ist.

Bundesliga soll geschlossen auftreten

Der Aufruf zur Einstimmigkeit soll ein geschlossenes Bild des Profifußballs vermitteln, der mehr denn ja auf das politische Wohlwollen angewiesen ist, um die vorerst bis zum 30. April unterbrochene Saison mit Hilfe von Geisterspielen möglichst noch bis zum 30. Juni zu beenden.

Mehrere Klubvertreter waren irritiert, dass persönliche Eitelkeiten und Interessen selbst in der Pandemie im Vordergrund ständen. Viele hätten nicht verstanden, heißt es, dass der deutsche Profifußball extrem viel Kraft und Geld aus der Gesellschaft und Wirtschaft sauge und es jetzt nicht darum gehe, den einzelnen Marktwert eines Klubs zu sichern. Manche Wortmeldungen seien vielleicht nicht boshaft, aber mindestens naiv gewesen. Auch deshalb hat die Liga nun eine Warnung ausgesprochen.

Vor allem Klaus Hofmann (FC Augsburg) oder Martin Kind (Hannover 96) dürften sich angesprochen fühlen.  Hofmann meinte: „Wenn ich lese, dass Fußball-Vereine, die ein paar hundert Millionen Euro Umsatz machen, ihre Geschäftsstellenmitarbeiter in Kurzarbeit schicken, fühle ich mich wie in einem falschen Film.“ Und auch Hannovers Patron Kind meldete sich natürlich zu Wort: „Ich hoffe, und das ist auch meine große Erwartung, dass die Politik jetzt im April das Szenario der Reaktivierung der Strukturen einleitet. Das ist zwingend notwendig.“

Es darf nicht der Eindruck entstehen, der Fußball ignoriere in seiner Selbstbezogenheit die Realität.

Christian Seifert

In der DFL-Chefetage kamen die Einzelmeinungen überhaupt nicht gut an, die nicht dazu dienen, Akzeptanz auf höchsten Ebenen herzustellen, die Saison in einer Art virenfreien Sonderzone noch zu Ende zu spielen. Chefstratege Seifert hatte zu Beginn der Corona-Krise seinen direkten Draht zu Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) betont, der nun offenbar unter bestimmten Voraussetzungen für die Fortsetzung in Form von Geisterspielen stimmt. Prämisse ist für den DFL-Chef: „Es darf nicht der Eindruck entstehen, der Fußball ignoriere in seiner Selbstbezogenheit die Realität.“ Auch die Task Force Sportmedizin/Sonderspielbetrieb mit Nationalmannschaftsarzt Tim Meyer an der Spitze gibt derzeit keine öffentlichen Wasserstandsmeldungen ab.

Dafür haben die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten jetzt offenbar die Faktenlage grundsätzlich verändert. Der Kampf der DFL erscheint immer aussichtloser zu sein.