Wo für gewöhnlich das Herz von Borussia Dortmund schlägt: die Südtribüne im Westfalenstadion.
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BerlinEs ist eine lehrreiche Zeit für die Protagonisten des deutschen Profifußballs. Unliebsames mussten sie in Folge der Corona-Krise zuletzt schon erfahren, Unliebsames werden sie demnächst noch erfahren. Und man darf gespannt sein, ob sie aus dieser lehrreichen Zeit tatsächlich die richtigen Schlüsse ziehen. Ob die neue Bescheidenheit, mit der sie sich derzeit in der Öffentlichkeit präsentieren, letztlich nicht nur Mittel zum Zweck, also zum Go für die Wiederaufnahme des Spielbetriebs war, sondern im Nachgang doch als Basiselement für einen Wandel betrachtet werden darf. Ein Zurück zu den Vor-Corona-Verhältnissen soll es nämlich nicht sein, bitte nicht, sonst haben wir ein Problem. 

Wie Adlige durften sich die Präsidenten, Manager, Sportdirektoren, Berater, vor allem aber die Trainer und Spieler der obersten Kaste des Fußballs schon seit ein paar Dekaden fühlen. Weil wir ihnen so unglaublich viel Aufmerksamkeit geschenkt, uns mitunter in einen Star-Kult verloren haben – und ihre besten, weil untertänigen Kunden waren. Als Stadiongänger, als Fernseherzuschauer, als Konsument von Merchandising-Produkten, als Follower et cetera.

Was zur Folge hatte, dass viele von ihnen reich wurden, sehr reich sogar. Und dass sich diese kickende Oberschicht geradezu zwangsläufig in eine eigene Lebenswelt verabschiedete, entrückt und damit auch unantastbar. Aber gern auch mal ein bisschen selbstherrlich, was übrigens nicht nur für die Einzelperson, sondern auch für die eine oder andere Organisation, also Verein oder Verband, gilt. Der Fußballstar als Popstar mit entsprechenden, vielleicht einfach auch nur menschlichen Reflexen.

Und natürlich waren sie (fast) alle nach Ausbruch der Pandemie und einer ersten großen Welle der Verunsicherung fest davon überzeugt, dass die Masse sie sehnsüchtig in die Arenen zurückwünscht. Dass ihnen von der Menge der Auftrag zur Unterhaltung und Ermunterung erteilt wird. Aber denkste. Trugschluss. Da war kein Mandat, eher Unmut, dass der Fußball in seiner plötzlich auftretenden Not dann doch eine Sonderbehandlung für sich in Anspruch nehmen möchte und der Kreis der mächtigsten Fußballmacher flugs dementsprechende Szenarien entwickelte. Die Botschaft lautete vielmehr: Die Menge kommt im Moment auch ohne diesen Fußball klar. Oder andersrum: Die bedingungslose Zuneigung des Publikums ist keine Selbstverständlichkeit.

So muss sich auch der Profifußball gedulden. Geisterspiele wird es frühestens ab dem 16. Mai geben, damit die Spielzeiten in Liga eins und zwei dann hoffentlich bald ein Ende finden. Von Politikers Gnaden, mit einem doch eher emotionsarmen Okay der Fans. Und es gibt wohl tatsächlich keine andere Option, weil bei einem Abbruch der Saison die Rechteinhaber die letzte Tranche aus dem TV-Vertrag wohl nicht zahlen werden.

Um 300 Millionen Euro geht es da, was in Anbetracht eines Gesamtumsatzes der Bundesligaklubs von etwas mehr als vier Milliarden Euro gar nicht so viel zu sein scheint. Doch Corona trifft auch im Fußball nicht alle gleich, Corona trifft vor allem diejenigen Klubs, die im Schatten der beiden Großklubs FC Bayern und Borussia Dortmund ohne Unterstützung eines Konzerns beziehungsweise einer potenten Privatperson zuletzt viel zu riskant gewirtschaftet haben. Und auch hier fällt eine Verurteilung einigermaßen schwer, denn hey, das ist die Deutsche Fußball-Liga, eine Entertainment-Group, und eben keine Vereinigung der Bausparer.

Nicht, dass man dem Profifußball dieses Szenario gewünscht hätte, und doch werden Spiele ohne Stadionpublikum vor allem für die Akteure zu einem so seltsamen wie wohl auch aufschlussreichen Erlebnis. Denn ohne Kulisse keine Atmosphäre, keine Interaktion zwischen Profi und Kurve, kein Lampenfieber, das der Sportler genauso wie der Künstler braucht, um das Beste aus sich rauszuholen. Ohne Spektator kein Spektakel.

Es hat sich jedenfalls gezeigt, und es wird sich weiter zeigen, dass der Mensch für das Glück des Profifußballs wichtiger ist als der Profifußball für das Glück des Menschen.