Ferrari probt mit Fahrer Charles Leclerc einen Boxenstopp.
Foto: Joan Monfort/AP

MelbourneDiesmal werden es nicht die Technischen Kommissare des Weltautomobilverbandes (Fia) sein, die die Menschen mit dem Ferrari-Pferdchen auf der Jacke zur Seite bitten und einem Verhör unterziehen werden. Diesmal geht es auch nicht um Unregelmäßigkeiten beim Benzindurchfluss im Rennmotor, den Offizieren der australischen Einwanderungs- und Gesundheitsbehörden ist es weit ernster. Sie entscheiden darüber, ob mehrere Hundertschaften Italiener, die zum Großen Preis von Australien am kommenden Wochenende in Melbourne anreisen, tatsächlich auch einreisen dürfen. Die Formel 1 trotzt dem Coronavirus und will den Saisonstart nicht verschieben. Neben Ferrari kommen auch das B-Team von Red Bull, das sich jetzt Alpha Tauri nennt, vor allem aber die Reifentechniker von Pirelli aus dem Risikoland Italien. Und es ist klar: Ohne Ferrari, vor allem aber ohne Pneus wird es kein Rennen geben – jedenfalls keines, das zur Weltmeisterschaft zählt.

Am Donnerstag hatten die australischen Behörden diskutiert, ob aus Italien ankommende Fluggäste abgewiesen oder in Quarantäne gesteckt werden sollen, wie es bislang für Reisende aus der chinesischen Provinz Wuhan und dem Iran gilt. Dagegen hätte auch die wackere Formel 1 keine Chance gehabt, die während der Sars-Pandemie in Asien gefahren ist, die kurz nach dem 11. September 2001 in den USA fuhr, die Erdbeben und Taifune ignoriert, wenn es um die Einhaltung von Fernsehzeiten geht.

Die Formel 1 meidet neuralgische Flughäfen

Die Veranstalter in Melbourne, hinter denen auch die Regierung des Bundesstaates Victoria steht, waren immer zuversichtlich gewesen. Sie hatten sogar über eine Sonderbehandlung des aus Europa kommenden Renn-Trosses nachgedacht. Die gibt es jetzt insofern, als dass die Rennställe die neuralgischen Flughäfen in Hongkong und Singapur meiden. Dubai ist das scheinbar sichere Drehkreuz, und die italienischen Delegationen sollen mit einer einzigen Großraummaschine gen Australien befördert werden, das würde es für alle einfacher machen. Bei der Einreise solle es Gesundheits-Schnelltests geben.

Die australischen Zeitungen schwanken in ihrer Einschätzung der Lage. Der Sydney Morning Herald fürchtet in der Titelzeile den Ausbruch eines Krieges im Gesundheitssystem, weckt auf der gleichen Seite aber die Hoffnung, dass sich die Ausbreitung des Virus verlangsamt. Manche Blätter drucken für ihre Abonnenten leere Seiten als Ersatz für Küchenrollen und Klopapier, die auch am anderen Ende der Welt Panikkäufen ausgesetzt sind.

Der Große Preis von China, für den 19. April in Schanghai geplant, ist längst „auf unbestimmte Zeit verschoben“, von den Veranstaltern. Das ist dem Formel-1-Management wichtig, so ist die Regressfrage geklärt. Zu Ungunsten der Austragungsorte, die Antrittsgelder in zweistelliger Millionenhöhe berappen müssten. Es sei denn, sie können höhere Gewalt geltend machen. Die Formel 1 muss vertragsgemäß nur dafür sorgen, dass mindestens zwölf (von 20 möglichen) Autos starten.

Erinnerungen an Skandal-Rennen

Man erinnert sich noch gut an das durch unsichere Michelin-Reifen verursachte Skandalrennen in Indianapolis 2005, mit lediglich sechs Fahrzeugen – gewertet wurde das von Michael Schumacher gewonnene Rennen dennoch. Das wäre diesmal anders, wie Ross Brawn als Formel-1-Geschäftsführer erklärt: „Wenn auch nur ein Team nicht einreisen darf, gibt es keinen WM-Status, denn das wäre unfair.“ Anders wäre es nur, wenn ein Rennstall von sich aus verzichten sollte.

Wenn auch nur ein Team nicht einreisen darf, gibt es keinen WM-Status, denn das wäre unfair.“

Ross Brawn

Rechteinhaber und die Funktionäre geben sich bislang abwartend, wie es nach Melbourne weitergehen soll oder kann. Wie sicher die Austragung des Rennens in Bahrain in der übernächsten Woche ist, kann heute keiner sagen. Der arabische Inselstaat ist nur durch den Persischen Golf vom Iran getrennt. Auch die Premiere des Großen Preises von Vietnam am 5. April ist gefährdet. Nicht nur, weil Hanoi nahe der chinesischen Grenze liegt, sondern weil die dortigen Behörden für Italiener eine 14-tägige Quarantäne fordern. Gut möglich, dass der ursprünglich die Rekordzahl von 22 Rennen umfassende Kalender eingekürzt wird – oder die Rennen zwischendurch nachgeholt werden. Das Schreckgespenst von drei WM-Läufen Ende November innerhalb von drei Wochen auf drei Kontinenten geistert bereits durchs Fahrerlager.

Weder nach Melbourne noch nach Manama noch nach Hanoi wird der Fernsehsender RTL seine Teams entsenden, dem Arbeitgeber ist das Risiko zu hoch. Produziert wird jetzt aus Köln. Bezahlsender Sky wird seine Reporter schicken, dort vertraut man wie die Rennställe dem Weltverband und dem Formel-1-Management. Dessen Chef Chase Carey wiederholt bislang mit fester Stimme: „Die ersten drei Rennen in Australien, Bahrain und Vietnam finden statt.“ Dort wird die Lage täglich neu bewertet, und auch wenn aus Melbourne „Alle Ampeln auf Grün“ gemeldet wird, ist das bei einer sich permanent verändernden Situation keine Garantie. Keiner weiß genau, wie es weitergeht, zuletzt war ein Reifentest auf der Ferrari-Privatpiste in Fiorano abgesagt worden, obwohl dort die Italiener unter sich geblieben wären.

Formel Corona

Fährt die Formel 1 wie geplant, wäre das ein Zeichen, dass der Weltsport trotz der Bedrohung durch den Virus nicht ganz lahmliegen muss, und besonders die Olympia-Ausrichter in Japan werden sich gern auf den Präzedenzfall des Anti-Viren-Grand-Prix in Melbourne berufen. Der ersten Läufe zur Motorradweltmeisterschaft in Katar ist vorsorglich abgesagt worden, die Serie wird stark von Italienern und Japanern geprägt. Wohl aber auch, weil viele Fans aus dem Ausland derzeit lieber aufs Reisen verzichten.

Der Fernsehsender Channel Ten, der stundenlang aus Melbourne übertragen will, hat seine Werbespots gerade verschärft: „Genug geredet. Die Zeit fürs Rennen ist gekommen.“ Formel Corona.