Herthas Ostkurve steht wie eine Wand hinter ihrer Mannschaft.
Matthias Koch

BerlinHerthas größter Gegner ist unsichtbar, unberechenbar und tückisch. Das Corona-Virus hält auch den Bundesligisten in Atem. Dennoch gab es ja zuletzt auch einige erfreuliche Nachrichten vom Hauptstadtklub. Dem Profi aus der Bundesliga-Mannschaft, den das Virus erwischt hatte, geht es gut. Die Symptome seien nicht sehr schwer gewesen, war zu erfahren. Dennoch mussten alle Spieler in eine 14-tägige Quarantäne bis Ende März gehen. Infiziert aber, das war wieder eine positive Meldung, war keiner der Mitspieler und auch niemand aus dem Trainerstab. Nach solchen Nachrichten giert man regelrecht angesichts der Fülle der Horrormeldungen, die jeden Tag zu verarbeiten sind. Ich freue mich über jede Meldung, die Hoffnung macht in diesen schweren Stunden. Ich glaube, jeder von uns braucht das in diesen Zeiten.

Mit Manager Michael Preetz, Finanzchef Ingo Schiller und Präsident Werner Gegenbauer stehen erfahrene Persönlichkeiten in der Verantwortung, den 37.000-Mitglieder-Verein Hertha BSC möglichst vor ganz schweren Erschütterungen zu schützen. Der Vorteil: alle drei haben schon Krisen bei Hertha erlebt und durchgestanden – zwei Abstiege unter ihrer Ägide 2010 und 2012 waren schwer wiegend und damals beinahe so unvorstellbar wie heute das Virus. Beide Male gelang  der sofortige Wiederaufstieg.

2012, nach dem zweiten Abstieg in der unsäglichen Relegation gegen Fortuna Düsseldorf, verloren einige Mitarbeiter aus der Geschäftsstelle ihren Arbeitsplatz. Erstligastrukturen, wie sie nach dem Absturz in Liga zwei 2010 in einem Kraftakt noch erhalten wurden, waren nicht mehr möglich. Damals verzichteten Preetz und Schiller auf 40 Prozent ihrer Gehälter.

Existenzbedrohende Situationen

Krisen zu meistern gehört zur schillernden Geschichte der Hertha. Und es gab Situationen, die durchaus existenzbedrohend waren. Schon nach der zweiten Spielzeit in der 1963 eingeführten Bundesliga verurteilte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) Hertha zum Zwangsabstieg. Der Grund: die Berliner hatten überhöhte Gehälter und viel zu hohe Handgelder bei Transfers gezahlt. Die Stadt war eingemauert und deshalb für Spieler aus Westdeutschland nicht attraktiv. Nur mit Geld waren sie in die Inselstadt Westberlin zu locken.

Foto: Berliner Zeitung
Hertha-Kenner

Michael Jahn begleitet seit mehr als zwei Jahrzehnten den Berliner Fußball-Bundesligisten Hertha BSC. Immer mittwochs gibt er in dieser Kolumne seine Expertise zu der Mannschaft, dem Klub und seinem Umfeld ab.

Die nächste große Krise erreichte Hertha 1971, weil 15 Spieler in den Bundesliga-Skandal verwickelt waren und Bestechungsgelder angenommen hatten. Die Berliner Fans verziehen das nicht und ignorierten lange die Heimspiele. Noch 1970/71 betrug der Zuschauerschnitt 43.800, eine Spielzeit später, unmittelbar nach dem Skandal, lediglich 23.700. Rund 6,5 Millionen Mark betrugen die Schulden, Hertha stand vor der Pleite. Der damals neu gewählte Präsident Heinz Warneke, der vor Tagen seien 89. Geburtstag feierte, war als Krisenmanager erfolgreich. Er verkaufte schweren Herzens das beliebte Stadion, „die Plumpe“, für 6,2 Millionen Mark an eine Münchner Baugesellschaft. Der Verein war gerettet und spielte sportlich viele Jahre eine sehr gute Rolle.

Vielleicht kann Windhorst helfen

Erst Mitte der 80er Jahre erfolgte der nächste Tiefpunkt, Hertha stürzte bis in die Amateuroberliga ab und hatte kein Geld. Mitglieder des Fanklubs „Oberring“ hielten zu Weihnachten 1985 Passanten auf dem Kurfürstendamm Blechbüchsen vor die Nase und bettelten „Ham Se nich mal ne Mark für ne jute Sache?“ Erst 1990 glückte die kurzzeitige Rückkehr in Liga eins.

All diese Krisen aber waren im Gegensatz zur Corona-Krise, einst selbstverschuldet. Hertha ist dieses Mal gewappnet und kann vielleicht Dank der Millionen durch den Investor Lars Windhorst die Situation meistern. Betriebsbedingte Kündigungen seien derzeit nicht notwendig, vermeldet der Verein. Die 150 Angestellten wurden bis zum 3. April in Betriebsferien geschickt und ein Ausgaben-Stopp verordnet. Die Profis schwitzen zu Hause auf ihren Spinning-Rädern. Und: Über einen Gehaltsverzicht werde intern diskutiert. Der Kampf um den Klassenerhalt ist im Moment jedenfalls sehr weit weg.