Not macht erfinderisch: Ein Sportkletterer trainiert in der heimischen Wohnung, weil Kletterhallen derzeit gesperrt sind. 
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BerlinAus etwas Schlechtem kann Gutes entstehen - das ist ebenso wenig eine Plattitüde wie die Erkenntnis, dass eine Krise Gewissheiten ungewiss werden lässt. Derzeit gilt das für die Coronakrise und den Sport und die Ansicht, das Digitale führe zum schleichenden Ende des Analogen. Aus dieser Perspektive schrumpft mit den wachsenden Aktivitäten im virtuellen Raum die Aktivität in der realen Welt – die körperliche Bewegung.

Das Schreckensbild übergewichtiger Kinder baut sich auf, die vor einem Computer sitzend nicht viel mehr in Schwung bringen als eine Tastatur und ihre Kaumuskeln zur Aufnahme ungesunder Snacks. Dem vermeintlichen Gegensatz von Bits und Bewegung entspringt zudem die Diskussion, ob E-Sport noch Sport sei oder das eine mit dem anderen so viel zu tun habe wie eine Schweinshaxe mit Veganismus. Und auch das steckt in der These von der Unvereinbarkeit: Das Digitale führt zur Vereinsamung, der Sport aber braucht die Gemeinschaft.

Corona-Krise gibt einen Anstoß

Das stimmt einerseits, fördert andererseits jedoch allzu oft ein Missverständnis: dass sich Gemeinschaft nur auf eine Art herstellen lässt, auf eine analoge. Das strikte Versammlungsverbot in Zeiten von Corona lehrt nun etwas anderes. Da ist zum Beispiel ein Video, das inzwischen mehr als anderthalb Millionen Mal im Netz aufgerufen wurde. Es gehört zu einer Serie von Beiträgen auf Youtube, mit denen Trainer des Basketballvereins Alba Berlin Kinder und Jugendliche zum Sport animieren. Und das offensichtlich sehr erfolgreich.

Der Landessportbund Berlin hat ein eigenes Angebot aufgelegt unter dem Titel "Move at home", andere Vereine und Verbände arbeiten an ähnlichen Formaten, denn – provokant formuliert: Millionen Kinder können sich nicht irren.

Alba Berlin erreichen täglich hunderte Reaktionen, von Tempelhof bis Tirana, von Mailand bis Moabit. Es ist eine andere Art von Gemeinschaft entstanden als die, die man traditionell mit Vereinsleben in Verbindung bringt. Natürlich lässt sich darüber streiten, welche nun die bessere Gemeinschaft sei. In dem Moment allerdings, in dem keine andere Wahl besteht, dieser Tage also, wird deutlich, dass das eine möglich ist, ohne das andere auszuschließen. Ja, dass im Idealfall sogar das eine das andere am Leben erhalten kann.

Sportvereine hierzulande klagen über einen Mitgliederschwund. Zurückgeführt wird er auf Umbrüche in der Gesellschaft, nicht zuletzt durch die Digitalisierung. Das Freizeitverhalten ändert sich, vor allem aber wandelt sich die Arbeitswelt. Alte Strukturen brechen weg, Flexibilität bestimmt zunehmend die Abläufe. In einen flexiblen Tagesplan aber eine regelmäßige Trainingsstunde zur festen Zeit an einem festen Ort zu integrieren, erscheint vielen Menschen zu mühselig, ist vielen sogar unmöglich.

Sportvereine haben das erkannt. Mancherorts gehen sie auf die Menschen zu, in Berlin etwa, schicken Trainer auf Freiflächen und in Grünanlagen, wo sie die Individualisten zu erreichen versuchen. Diejenigen, die sich gar nicht erst in die Parks und Wälder aufmachen, erreichen sie damit nicht.

Die Coronakrise hat nun eine gigantische Grünanlage aufgeschlossen, eine virtuelle, zu Hause bei den Menschen, und die Chance für den organisierten Sport, für die Verbände und Vereine liegt darin, diesen Trend nach der Pandemie zu verstetigen. Frei nach dem Motto: „Sich bewegen, ohne sich wegzubewegen.“ Klingt nach: „Überholen ohne einzuholen.“ Doch den Versuch ist es wert.