Alba Berlins Basketballer Niels Giffey hat in der Coronakrise die Prioritäten neu gesetzt.
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BerlinNiels Giffey nutzt das Auto gern zum Telefonieren. Für den Kapitän von Alba Berlin ist es ein ruhiger Ort. In Zeiten von geschlossenen Hallen, eingestelltem Spielbetrieb und der Isolation von der Außenwelt ist das Auto zudem so etwas wie ein sicherer Ort geworden. Man schaut nicht nach links oder rechts, weil jemand neben einem niest oder hustet, in offensichtlich unsicheren Zeiten fühlt man sich hier sicher.

Auch Niels Giffey ist noch auf der Suche nach dem richtigen Umgang mit der unbekannten Situation und fühlt sich in der eigenen Haut nicht so recht wohl. „Ich bin ungerne diese Person“, sagt der 28-Jährige, „es ist gerade schwierig, für sich einen Konsensus zu finden, was für einen selbst sinnig, aber auch für das Allgemeinwohl etwas Gutes ist.“

Basketball auf der PlayStation

Das soziale Leben hat auch er in den vergangenen Tagen runtergefahren. Ja, in den Park würde er schon noch gehen, sich auch mit einen paar Freunden draußen treffen. Aber an das aktuelle Kontaktverbot hält auch er sich. Der Spielbetrieb in der Euroleague ist erst einmal unterbrochen und auch in der Basketball-Bundesliga (BBL) wird mindestens bis 30. April nicht mehr gespielt. Bis auf weiteres haben Niels Giffey und seine Teamkollegen zudem trainingsfrei. „Es ist absolut nötig. Das ist der richtige und nötige Schritt, gerade weil man Basketball nicht über die Notwendigkeit und Wichtigkeit eines ganzen sozialen Systems stellen kann“, sagt der Alba-Kapitän, „ich bin richtig froh darüber, dass unser Team sicher dafür entschieden hat, es so zu machen. Das gibt es nicht überall in der BBL.“

Das erste Wochenende hatte der Flügelspieler erst einmal genutzt, um sich von den Strapazen der Vorwochen zu erholen und sich „mit der Situation auseinandergesetzt“, erzählt er. In vergangenen Woche hatte es ein Treffen zwischen Spielern und Verantwortlichen von Alba Berlin gegeben, mit der Information, dass die Spieler weiterhin nicht trainieren werden. Das hat allerdings nicht viel zu heißen. „Es kann sich ständig ändern, positiv oder negativ“, sagt Giffey, „alle müssen sich darauf einstellen, dass der Status quo von heute nicht mehr in einer Woche oder schon gar nicht morgen gelten kann.“ Immerhin haben fast alle ausländischen Spieler die Stadt verlassen und die Heimat begeben. Basketball spielt Giffey aktuell nur auf der PlayStation und hat sich dabei zuletzt sogar auf einer Internetplattform zuschauen und Fragen von Fans stellen lassen.

Ein sehr nachdenklicher Niels Giffey

Neben der Spielkonsole hat er in seiner Wohnung immerhin auch ein Spinningrad, auf dem er auch schon geradelt ist und auch in nächster Zeit immer mal wieder sitzen wird. „Ich werde sicher nicht auf Teufel komm raus etwas machen, mich aber jeden Tag etwas fit halten, eine Kleinigkeit tun. Aber irgendwie habe ich dafür gerade auch nicht so den Kopf“, sagt er.

Er wirkt sehr nachdenklich. Sicher auch wegen der Situation rund um sein Ehefrau, die US-Amerikanerin ist, aber aufgrund des Einreiseverbots ihres Heimatlandes große Sorgen hatte. Ganz schnell seien bei Grenzschließungen gewisse Freiheiten nicht mehr vorhanden und vergrößern die Verunsicherung. „Für mich ist das noch etwas anders: Ich bin hier in Berlin, ich bin hier zu Hause. Ich habe kein Problem damit, mal ein paar Tage in meiner Wohnung überbrücken zu müssen“, sagt Giffey, „aber für sie ist das ein anderes Gefühl. Das Gefühl, in einem fremden Land und nicht frei darin zu sein, entscheiden zu können, ob sie jetzt nach Hause kann oder nicht. Das macht ihr schon zu schaffen.“

Vormals normale Dinge wie Training in einer Sporthalle, in einem Restaurant zu essen oder von A nach B zu fliegen, sind in diesen Tagen weiter entfernt als die USA von Deutschland. Gut, dass es da noch das Auto gibt. Als Ort der Ruhe, der gleichzeitigen Isolation von der Außenwelt, aber auch als Ort der Freiheit. Doch auch darauf könnte Giffey zur Not für ein paar Tage verzichten. Denn: „Es ist nicht die richtige Zeit, nur an sich zu denken.“