Einzigartig: Simone Biles turnt im Oktober 2019 bei der Weltmeisterschaft in Stuttgart am Stufenbarren.
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BerlinDie Leistungen von Simone Biles mit Worten zu beschreiben, ist nicht leicht. Beschriebe man sie als „sehr gut und außergewöhnlich“, man würde ihnen nicht gerecht. Wenn man aus „sehr gut“ nun „unfassbar gut“ macht und sie „außerirdisch“ statt „außergewöhnlich“ nennt, kommt man der Sache schon näher. Aber irgendwie klingt auch das nicht so beeindruckend, so besonders und so faszinierend, wie es die Leistungen der 23 Jahre jungen Biles in der Realität sind.

Biles hat die internationalen Turnwettkämpfe der vergangenen Jahre nicht bloß dominiert, sie hat sie sich zu eigen gemacht. Die US-Amerikanerin hat bei ihren ersten und bislang einzigen Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro vier Goldmedaillen gewonnen und sich in sieben Jahren 19 Weltmeistertitel erturnt. Sie hat dabei Elemente gezeigt, die keine andere Frau vor ihr je zeigte. In anderen Worten: Simone Biles ist die mit großem Abstand beste Turnerin ihrer Zeit, vielleicht sogar die beste, die es jemals gab.

Simone Biles hat eine Einladung im Rucksack

Zum ersten Mal mit dem Turnen in Kontakt kam Simone Biles, da war sie gerade sechs Jahre alt. Mit der Kindertagesbetreuung war sie bei einem Ausflug in eine Gymnastikhalle gefahren. Dort stellte sich das kleine Mädchen so gut an, dass sie auf dem Rückweg eine Einladung zum regelmäßigen Mitmachen im Rucksack hatte. Und weil Biles sich nicht nur gut angestellt, sondern auch Spaß gehabt hatte, nahm sie die Einladung an. Genau zehn Jahre später, im Herbst 2013, sicherte Biles sich in Antwerpen, Belgien, ihre ersten beiden WM-Titel. Spätestens jetzt wusste die weltweite Turngemeinschaft um ihre turnerischen Fähigkeiten.

Dass die Fähigkeiten von Biles etwas Besonderes sind, fällt dabei selbst nicht so turnversierten Zuschauern schnell auf. Bei ihren Bodenübungen springt Biles höher als ihre Konkurrentinnen, am Sprung dreht sie sich in der Luft schneller und öfter und ihre Abgänge vom Schwebebalken suchen ihresgleichen. Versucht man die Frage nach dem Wie zu beantworten, ergibt sich eine Kombination aus verschiedenen Fähigkeiten, die Biles so unglaublich gut turnen lassen.

Zum einen wäre da Biles’ Körper mitsamt dem, was sie aus diesem herausholt. Mit einer Größe von 1,45 Metern ist sie selbst für eine Turnerin außergewöhnlich klein, hat dabei aber mit 47 Kilogramm ähnlich viel Muskelmasse wie ihre größeren Konkurrentinnen. Diese große Kraft, verpackt im kleinen Körper, erlaubt es Biles schon rein physikalisch, innerhalb einer Übung mehr Bewegungen in kürzerer Zeit auszuführen. Hinzu kommt eine gute turnerische Grundausbildung, der Wille und auch der Mut, neue und immer schwierigere Figuren zu turnen, und eine beeindruckende mentale Stärke.

Zuletzt unter Beweis gestellt hat Biles all ihre Fähigkeiten bei der letztjährigen Weltmeisterschaft in Stuttgart. Dort gewann sie nicht nur fünf von sechs möglichen Goldmedaillen, sondern brachte auch mit Hilfe von gleich zwei neuen Figuren die Zuschauer zum Staunen. Vom Schwebebalken verabschiedete sie sich als erste Frau überhaupt mit einer Kombination aus Doppelsalto und einer doppelten Schraube, und auch am Boden zeigte sie mit dem sogenannten Triple-Double ein im Frauenturnen noch nie gesehenes Element.

Um wirklich zu verstehen, was Biles bei besagtem Triple-Double leistet, braucht es eine Zeitlupe. Die zeigt, was mit bloßem Auge kaum zu erkennen ist. Nämlich, dass Biles nach dem typisch kraftvollen Absprung während des Fluges zwei Rückwärtssaltos um die Querachse macht und zeitgleich drei als Schrauben bezeichnete Drehungen um die eigene Längsachse vollführt

Strahlende Siegerin: Simone Biles lässt das Schwere leicht aussehen. 
Foto: AFP/Lionel Bonaventure

Was mit Worten nur schwer zu beschreiben ist und bislang nur einer Handvoll Männern im Wettkampf gelungen ist, lässt Simone Biles einfach aussehen. Dass der mit dem bis dato noch nie zuvor vergebenen Schwierigkeitsgrad J klassifizierte Triple-Double seit der WM in Stuttgart nun offiziell als schon viertes Element den Namen seiner Erstvorführerin trägt, erscheint da nur fair.

Serie

Der Sport ist kein Perpetuum mobile, das sich aus Selbstzweck dreht. Ein Virus lehrt uns das. Nehmen wir uns also die Zeit: Für Geschichten, die oft hinter dem Offensichtlichen zurückstehen. Serie, Teil 21: Simone Biles

Auftritte wie die in Stuttgart sind dabei keinesfalls eine Seltenheit. Sei es bei den Olympischen Spielen in Rio 2016, den Weltmeisterschaften oder anderen Turnieren – Biles verblüfft das Publikum, ihre Konkurrenz und selbst die eigenen Trainer ein ums andere Mal und gewinnt ihre Wettkämpfe dabei fast ausnahmslos. Umso beeindruckender erscheinen diese außerirdisch guten Leistungen, wenn man in Betracht zieht, dass die so fröhlich und vergnügt wirkende Turnerin es abseits von den Turnhallen dieser Welt nicht immer leicht hatte.

Die leibliche Mutter Biles’ und deren drei Geschwistern etwa hatte mit so großen Drogen- und Alkoholproblemen zu kämpfen, dass ihr das Sorgerecht für ihre Kinder entzogen wurde. Ehe Simone zusammen mit ihrer Schwester Adria 2003 von ihren Großeltern Nellie und Ron Biles adoptiert wurde, wuchs sie in Kinderheimen auf. Dass sie ihre Adoptiveltern seitdem immer wieder als die perfekten Eltern beschreibt und sie ganz selbstverständlich Mom und Dad nennt, ändert nichts daran, dass ihre frühe Kindheit sie bis heute prägt.

Auch von dem großen Missbrauchsskandal im US-Turnverband (Usag) rund um den ehemaligen Arzt Larry Nassar blieb Biles nicht verschont. Sie ist eine der mindestens 250 Turnerinnen und Turner, an denen sich Nassar in seiner Zeit beim Verband jahrelang sexuell vergangen hat. Überhaupt erst aufgeflogen war dies, als die betroffenen Athletinnen anfingen, sich auch öffentlich zu dem Missbrauch zu äußern.

Während der 56-jährige Nassar mittlerweile in mehreren Gerichtsverfahren zu insgesamt mindestens hundert Jahren Haft verurteilt wurde, ist auch der Usag in Ungnade gefallen. Dieser hat nämlich nicht nur jahrelang Anzeichen und Anschuldigungen zu Nassar und dessen Verhalten ignoriert und vertuscht, sondern sich auch nach dem öffentlichen Bekanntwerden der Vorwürfe mehr schlecht als recht verhalten.

Biles bekannte sich im Januar 2018, eines von Nassars Opfern zu sein. In einem Statement in den sozialen Medien schreibt sie von „besonderen Behandlungen“ durch den Arzt, von Machtmissbrauch und von der Schuld, die sie zunächst sich selbst gab. Im August 2019 sprach sie in einer Interviewrunde von der bleibenden Enttäuschung ihrem Verband gegenüber. „Ihr hattet eine verdammte Aufgabe und habt es nicht geschafft, uns zu beschützen“, sagte sie damals. So sei es noch immer nicht leicht, wieder für den Verband zu turnen. „Weil jeder Tag eine Erinnerung daran ist, was ich durchgemacht habe und immer noch durchmache“, so Biles. Dass die Turnerin bei alledem weiterhin so unglaublich konstant Außergewöhnliches leistet und einen Titel nach dem nächsten gewinnt, scheint da eigentlich unerklärlich.

Noch ein Jahr quälen

Definitiv noch ungeklärt ist eine andere Frage: die nach der Olympiateilnahme von Simone Biles. Eigentlich hätten die diesjährigen Spiele in Tokio, die um ein Jahr verschoben wurden, ihr letzter Auftritt auf der großen Turnbühne werden sollen. Nach 14 Jahren, geprägt von viel Schinderei und 20 bis 30 Trainingsstunden pro Woche, wollte Biles fortan ihr Leben abseits der Turnhallen leben. Diesem Vorhaben steht nun die Aussicht gegenüber, sich bis Tokio 2021 noch ein weiteres Jahr im Training quälen und mit dem Usag auseinandersetzen zu müssen.

Ganz unabhängig davon, wie die US-Amerikanerin sich mit Blick auf die Spiele in Tokio entscheidet, steht eines schon jetzt fest: Simone Biles wird als eine der besten Turnerinnen überhaupt in die Geschichte des Sportes eingehen – ganz unabhängig davon, mit welchen Worten man das von ihr Geleistete beschreibt.

Lesen Sie in Teil 22: Rugby-Legende Dan Carter und das Cricket-Match über 30 Tage.