Allein in der Menge: Das Tempelhofer Feld an einem sonnigen Tag während der Corona-Pandemie. 
Foto: dpa/Christoph Soeder

Berlin-TempelhofEs hat etwas sehr Lässiges, wie Ole so dasitzt. Seinen Kite ausgebreitet vor sich liegend und mit seiner Sonnenbrille im Gesicht lehnt er an einem alten Rollwegweiser auf dem Tempelhofer Feld. Einst hat dieser hier Piloten beim Starten und Landen Orientierung geboten, jetzt dient er Ole als Rückenlehne.

Der 36-Jährige ist einer von unzähligen Sporttreibenden, die an diesem Nachmittag auf das Tempelhofer Feld gekommen sind. Wenn er nicht gerade eine Pause macht, rollt Ole mit seinem Kite über den Rasen. Fünfzig Meter weiter schieben sich zwei Jungs einen Fußball zu. Getrennt werden die Fußballer und der Kitesurfer von der nördlichen Start- und Landebahn, auf der sich die Wege von Fahrrad- und Longboardfahrern kreuzen. So entsteht ein in Zeiten von Corona seltener Anblick von unbeschwerter Bewegungsfreude. Bemerkenswert ist das, weil das sonstige Berliner Sportleben nahezu komplett stillsteht.

Mit Abstand übers Tempelhofer Feld

Der Vereinssport ist ausgesetzt, Fitnessstudios sind genauso geschlossen wie Schwimmbäder, und Schulsport gibt es erst recht nicht. Und all das schon seit Wochen. Es bleibt also lediglich der Sport in den eigenen vier Wänden oder an der frischen Luft – maximal zu zweit und mit dem nötigen Abstand, versteht sich. Dass inzwischen viele Menschen getreu dem Motto ‚Besser so als gar nicht‘ aus der Not nun eine Tugend machen, beweist das Tempelhofer Feld. Dort bewegen sich dieser Tage Menschen von jung bis alt, sie untermauern Bedeutung des ehemaligen Flughafens als Berliner Ort des Sports.

Auch Ole weiß das weitläufige Feld derzeit besonders zu schätzen. Eigentlich würde der Tätowierer um diese Uhrzeit einen Graffitikurs für Schüler geben. Weil aber weder Tattoostudios noch Schulen geöffnet haben, geht er Kitesurfen. „Hier Sport zu machen, ist perfekt, um den Kopf freizubekommen“, sagt Ole und erklärt: „Obwohl du mitten in der Stadt bist, bekommst du hier Ruhe und frische Luft. Und du kannst genug Abstand zu allen anderen halten.“

Tatsächlich befolgt der größte Teil der Menschen auf dem Tempelhofer Feld auch beim Sport die von der Stadt Berlin aufgestellten Regeln. Von Familien einmal abgesehen, joggt, radelt und rollt der absolute Großteil der Sportler auf dem Feld höchstens zu zweit und mit viel Abstand nebeneinander her. Bestes Beispiel sind vier Boulespieler auf einem Kiesweg oberhalb der Landebahnen. Während zwei von ihnen mit ihren silbernen Kugeln gerade die kleine gelbe Cochonnet zu treffen versuchen, gönnen die anderen beiden sich eine Pause. Jeweils mit einem Kaltgetränk in der Hand unterhalten sie sich zwar angeregt, aber brav mit gleich mehreren Armlängen Abstand voneinander.

Etwas weniger Abstand haben die zwei Kinder und ihre Mutter zwischen sich, die den östlichen Teil des asphaltierten Rings entlang skaten, sie lassen es entspannt angehen. Rennradfahrer und Inlineskater sind auf dem Außenring dagegen mitunter sehr schnell unterwegs. Jeden Tag kommen sie für ein bis zwei Stunden auf das Feld, sagt die Mutter: „Um ein bisschen fit zu bleiben, Spaß zu haben und um in der Wohnung nicht verrückt zu werden.“

Ersatz für Sport in Schule und Kita

Den drohenden Lagerkoller mit Sport und Bewegung zu verhindern – ein Ziel, das auch viele andere Familien hier verfolgen. Immer wieder sieht man Eltern, die gemeinsam mit ihren Kindern Ball spielen, skaten oder radeln. Immer mit dem Ziel, dem Nachwuchs trotz Schule daheim und Kitaausfall Bewegung zu ermöglichen. Das Tempelhofer Feld ist hierfür unter den aktuellen Bedingungen der ideale Ort, das sagen alle Eltern, mit denen man hier spricht.

Dem Kitaalter schon ein paar Jahre entwachsen ist Kadir. Er ist 20. Zusammen mit seinem Trainer Fatih steht er auf dem Basketballplatz am nördlichen Ende des Feldes und boxt. Wo sich normalerweise im drei gegen drei oder im fünf gegen fünf gemessen wird, wurden die beiden Körbe abgeschraubt und ein Bauzaun in der Mitte aufgestellt.  Ein sichtbares Zeichen: Sport in Gruppen ist auch hier auf keinen Fall erlaubt.

Sport zu zweit hingegen schon. Die Frage, ob er sonst auch hier trainieren würde, verneint Kadir lachend. „Wir trainieren im Verein und im Fitnessstudio“, sagt er. Weil beides nun nicht mehr geht, Kadir als leistungsorientierter Boxer aber fit bleiben muss, trainiert er seine Schlagkombinationen jetzt hier. Natürlich wäre es schön, einen Sandsack und die passenden Geräte fürs Krafttraining zu haben, sagt Trainer Fatih. Nichtsdestotrotz erklären sowohl er als auch sein Boxschüler, dass sie glücklich seien, überhaupt einen Ort wie das Tempelhofer Feld in der Nähe zu haben.

Es ist ein Ort des Sports eben, der es den Menschen möglich macht, sich fit zu halten und sich eine kleine Auszeit vom Corona-Alltag zu gönnen. Und manchmal auch eine Auszeit vom Sport, gelehnt an einen Rollwegweise. Wie Ole, der Kitesurfer an diesem Nachmittag.