Leben retten, zu Hause bleiben, fordert das Plakat in Paris. Frankreich hat gerade andere Sorgen als eine Tour de France im Juli 2020.
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BerlinVielleicht ist Wikipedia nicht die erste Referenzquelle, wenn es um die Tour de France geht. Da aber das berühmteste Radrennen der Welt verschoben werden, derzeit ist vom 29. August die Rede, aber vielleicht sogar ganz abgesagt werden muss, weil in Frankreich zu Zeiten von Corona gerade andere Dinge höchste Priorität genießen, Menschenleben zum Beispiel, weshalb Großevents bis Mitte Juli nicht stattfinden dürfen, könnte Wikipedia in einer Frage zumindest helfen.

In dem Online-Lexikon steht folgender Eintrag: „Ein Heiligtum ist ein Ort, Gebäude,  Gegenstand o. ä. von zentraler religiöser Bedeutung. In den Religionen kommt einem Heiligtum eine besondere Verehrung und Wertschätzung zu, die im Besuchen oder in der Tabuisierung der heiligen Stätte, bzw. im Schützen oder in der Mitnahme desselben ihren Ausdruck findet.“

Macron kann vorerst nichts tun

Die Tour gilt als Heiligtum der Franzosen, heißt es dieser Tage. Was nun könnte die dazugehörige Religion sein, die zu bewahren sich sogar Politiker zur Aufgabe machen? Frankreichs Präsident Macron an erster Stelle, der sich wie alle seine Vorgänger gern im Licht der Tour sonnig zu präsentieren pflegt, jetzt jedoch nichts für das Kult- und Kulturgut tun kann.

Tatsächlich hat es religiöse Züge, wenn einmal jährlich, immer im Sommer, Millionen an die Strecke pilgern und feiern, als handele es sich bei der Durchfahrt von knapp 200 Berufsradfahrern um ein Hochamt nebst Werbekolonne am Anfang, Teamtross am Ende und Kamerahelikoptern darüber.

Sie musste nur während der beiden Weltkriege ausfallen, diese heilige Prozession des Profisports. Auch damals hatten andere Dinge höchste Priorität, auch damals ging es um Menschenleben. Die beiden Pausen hat die Rundfahrt schadlos überstanden, natürlich, schließlich ist sie ein Unternehmen der Unterhaltungsindustrie und Ablenkung nach Krisen  sehr gefragt. Anders als damals dürfte diesmal der Schaden deutlich größter sein durch einen Ausfall, nicht kulturell, nicht religiös oder sportlich.

Mehr als 150 Millionen Umsatz

Die Tour macht in jedem Jahr einen Umsatz von mehr als 150 Millionen Euro. Der Umsatz des Veranstalters ASO beläuft sich auf geschätzte 220, der des Mutterkonzerns Amaury Group mehr als 400 Millionen Euro. Um mit Wikipedia im Bild zu bleiben: Das Heiligtum Tour de France ist ein goldenes Kalb, das Motto Le Tour toujour für einen ewigen Tanz gemacht. Es geht um die Jahresbilanz der Eigentümer und aller anderen, die an dem Rennen mit verdienen. Es geht um viel Geld.

Das ist nicht neu, den Franzosen zumal, gerät jedoch  gern mal in Vergessenheit, überlagert durch die Predigt vom Heiligtum Tour de France. Mit der verhält es sich ähnlich wie mit Weihnachten: Viele derjenigen, die an Heiligabend die Kirchen bevölkern, glauben nicht wirklich an das, was der Pastor ihnen von der Kanzel herab erzählt. Aber sie lieben in diesem Moment die Folklore, sie kommen wegen einer Illusion.

Die gibt es umsonst. Nicht eine Tour de France im Juli 2020. Die könnte teuer werden. Sie könnte Leben kosten.