Mit Geisterspielen wie am 11. März zwischen Mönchengladbach und Köln soll die Bundesligasaison beendet werden, doch Ultras lehnen sie ab.
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Frankfurt am MainChristian Seifert hat in einer seiner ersten Stellungnahmen zu dem vom Coronavirus infizierten Fußball-Betrieb vor genau einem Monat einen prägnanten Vergleich gewählt. Der Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga (DFL) sagte, er fühle sich „wie in einem Science-Fiction-Film“. Bis heute tauchen tatsächlich Handlungsstränge auf, die für einen strukturierten Vordenker wie ihn frei erfunden wirken. Beispielsweise, wenn sich jetzt Teile der Fans gegen die für die nahe Zukunft angedachte Fortführung der abgebrochenen Saison aussprechen – und dabei ähnliche Argumente benutzen, mit denen Klaus Hofmann, Präsident des FC Augsburg, oder Dirk Zingler, Boss von Union Berlin, den Liga-Chef verstimmten.

Kritik der Fanszenen Deutschlands

Diese Funktionsträger wurde von Seifert per Rundschreiben gerade erst zur Räson gerufen, nun kritisierte der Zusammenschluss „Fanszenen Deutschlands“ in ähnlicher Form die Sonderrolle als auch die Kurzsichtigkeit des Kicker-Betriebs. „Ganz offensichtlich hat der Profifußball viel tieferliegende Probleme. Ein System, in das in den letzten Jahren Geldsummen jenseits der Vorstellungskraft vieler Menschen geflossen sind, steht innerhalb eines Monats vor dem Kollaps. Der Erhalt der Strukturen ist vollkommen vom Fluss der Fernsehgelder abhängig, die Vereine existieren nur noch in totaler Abhängigkeit von den Rechteinhabern“, hieß es. Verschiedene Ultragruppierungen haben an dem ausführlichen begründeten Schriftsatz mitgewirkt, der dem Vernehmen nach penibel abgestimmt wurde.

Die Stellungnahme erschien unter anderem auf Fan-Websites des FC Bayern, 1. FC Köln, VfB Stuttgart, SC Freiburg und 1. FC Nürnberg. Die „Fanszenen Deutschlands“ befindet sich nicht im Dialog mit DFL und dem Deutschen Fußball-Bund (DFB). Als nach den Vorfällen in Sinsheim sogar Seifert das persönliche Gespräch mit Fanvertretern suchte, war genau jenes Bündnis nicht am Tisch. Die vertretbaren Rahmenbedingungen für eine Saisonfortsetzung spalten also auch die Fankurven, denn die Vereinigung „Pro Fans“ hatte sich Anfang der Woche nicht mehr grundsätzlich gegen Geisterspiele gewehrt.

Eine baldige Fortsetzung der Saison wäre blanker Hohn gegenüber dem Rest der Gesellschaft. Der Profifußball ist längst krank genug und gehört weiterhin in Quarantäne.

Fanszenen Deutschlands

Die ablehnende Haltung ist deshalb pikant, weil sie ein Hauptargument entkernt: dass der Ball auch deshalb rollen soll, um den Menschen „eine Freude“ zu machen, wie es der bayrische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) formulierte. Wenn jetzt jedoch Anhänger, für die der Fußball ein Stück Lebensinhalt bedeutet, lieber einen Saisonabbruch in Kauf nehmen, weil sie die Coronakrise für eine Reform der aus ihrer Sicht ungesunden Strukturen nutzen möchten, ist Gefahr im Verzuge. Die Wiederaufnahme des Fußballs wird in der aktuellen Situation für nicht vertretbar gehalten, „schon gar nicht unter dem Deckmantel der gesellschaftlichen Verantwortung“, schreibt die Ultra-Vereinigung. Und weiter: „Eine baldige Fortsetzung der Saison wäre blanker Hohn gegenüber dem Rest der Gesellschaft. Der Profifußball ist längst krank genug und gehört weiterhin in Quarantäne.“

Die angeführte Argumentation hinkt nur, wenn die Protestler die „Lex Bundesliga“ mit einem Mangel an Testkapazitäten ablehnen: die scheinen nicht mehr das Nadelöhr zu sein.  Die mehr als 140 akkreditieren Labore wollen bald 550.000 Tests in der Woche anbieten. Der Berufsverband „Akkreditierte Labore in der Medizin“ (ALM) hat verlauten lassen: „Selbst wenn die 36 Vereine ihr Personal alle zwei Tage mit jeweils 40, 50 Personen durchtesten würden, liegen wir unter einem halben Prozent der Test-Kapazitäten.“  Das wäre also machbar. Die Kosten von rund 4000 Euro pro Testreihe könnten die Klubs locker aus der Portokasse zahlen.

Doch sind diese Tests auch sicher? Da tut sich nach  einem Bericht des „Spiegel“  die nächste Lücke auf. Demnach ergaben die von der Universitätsklinik Frankfurt durchgeführten Tests der 30 Teammitglieder bei Eintracht Frankfurt keine einheitlichen Ergebnisse. In knapp einem Viertel der Proben wichen die Ergebnisse voneinander ab. „Auch wenn unsere Untersuchung nicht repräsentativ ist, mahnt sie doch zur Vorsicht, sich nicht allein auf diese Schnelltests zu verlassen", sagte Eintracht-Mannschaftsarzt Florian Pfab.

Zwei infizierte Fußballprofis

Je zwei nicht namentlich genannte Profis und zwei Personen aus dem Umfeld hatten sich infiziert, danach waren sowohl der Mannschaft als auch Trainern, Betreuern bis hin zu Sportvorstand Fredi Bobic zwei Wochen Quarantäne verordnet worden. Würde sich ein solcher Fall in der virenfreien Sonderzone in den nächsten Wochen wiederholen, wären all die leidenschaftlich diskutierten Planspiele ohnehin Makulatur.