Union und Christian Gentner (l.) spüren die Auswirkungen der Corona-Krise. Hertha und Marko Grujic könnten dagegen profitieren.
Foto: Imago/Images

BerlinEs gab mal einen kleinen Belgier, der den Fußball revolutionierte. Der nur 1,72 Meter große Mittelfeldmann war zwar kein herausragender Spieler, dafür hatte er exzellente Anwälte. Seine simple Klage auf Schadensersatz erschütterte nach fünf langen Prozessjahren 1995 die Fußballwelt, machte den damaligen Spieler des RFC Lüttich weltweit berühmt: Jean-Marc Bosman und das nach ihm benannte Urteil legten den Grundstein, dass Ablösesummen seitdem nur noch für Spieler mit gültigen Verträgen eingefordert werden können.

Nun, 25 Jahre später, steht der Transfermarkt vor ähnlichen Einschnitten. Diesmal nicht juristisch durchgesetzt, sondern durch die wirtschaftlichen Konsequenzen der Corona-Pandemie begründet. Kannte die Fußball-Welt seit dem Bosman-Urteil nur eine Richtung, haben sich die finanziellen Vorzeichen vor dem ab Mittwoch geöffneten Transfermarkt gravierend geändert. Paradoxerweise scheint es dennoch in die gleiche Richtung zu gehen. Wie für eine Krise üblich, wird die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinandergehen. Die Topklubs, die ohnehin der Konkurrenz meilenweit enteilt sind, werden ihren Vorsprung weiter ausbauen können.

Insofern sind die von Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge zu Beginn der Corona-Krise erwarteten „Bremsspuren auf dem Markt“ und die These, „dass im Sommer nicht viele große Transfers getätigt werden“, bisher nur bedingt eingetreten. Die Münchner verpflichteten Nationalstürmer Leroy Sané von Manchester City für rund 60 Millionen Euro, Chelsea lotste wiederum Leipzigs Timo Werner für mehr als 53 Millionen nach London. Und in Leverkusen befürchtet man trotz des von Sportchef Rudi Völler verweigerten Corona-Rabatts, dass der ein oder andere Verein die vom Werksklub geforderten 100 Millionen Euro für den 21-jährigen Kai Havertz bezahlen wird. Auch in Sachen Gehalt sind bei den Top-Spielern keine Abstriche zu erkennen. Sané und Werner verdienen bei ihren neuen Klubs mehr als 15 Millionen Euro im Jahr, sodass man sich durchaus fragen könnte: Corona, war das was?

Doch für die kleineren Vereine sind die Auswirkungen der Pandemie bereits deutlich zu spüren. Die fehlenden Zuschauereinahmen durch die Geisterspiele hinterlassen genauso Millionen-Löcher im Etat wie geschrumpfte Sponsoren- und TV-Gelder. Bremens Finanz-Chef Klaus Filbry bezifferte den Corona-Schaden für Werder auf bisher 30 Millionen Euro. Mönchengladbachs Manager Max Eberl sprach davon, „dass die Rücklagen wie Eis in der Sonne schmelzen“.

Auch viele Spieler, deren Verträge auslaufen oder bereits ausgelaufen sind, spüren die veränderte Marktlage. „Für sie wird es schwerer Vereine zu finden“, prophezeit Eintracht Frankfurts Sportvorstand Fredi Bobic. „Die Schwemme von Spielern auf dem Markt wird im August sicher groß sein“, vermutet der ehemalige Stürmer angesichts der besonders in England aufgeblähten Premier-League-Kader mit häufig mehr als 40 Profis.

Weil auf der Insel genauso wie in Spanien noch bis Ende Juli die Liga zu Ende gespielt wird und das Transferfenster aufgrund der vielen Unwägbarkeiten erstmals bis zum 15. Oktober geöffnet ist, brauchen Vereine wie Spieler Geduld. Bobic vermutet, dass die heiße Transferperiode dieses Jahr erst später beginnen wird. Da die Bundesliga Mitte September in die neue Saison startet, könnten Klubs später auf mögliche Schwachstellen oder Verletzungen reagieren. „Das verändert viel. Normalerweise hast du nur vier, fünf Spiele bis zum Ende der Transferperiode“, erklärt Bobic.

Für die beiden Berliner Bundesligaklubs könnten die Voraussetzungen, um sicher durch die Krise zu kommen, nicht unterschiedlicher sein. Hertha BSC verfügt dank der 337 Millionen Euro von Investor Lars Windhorst über eine gut gefüllte Klubkasse. Während direkte Konkurrenten zum Verkauf von Topspielern gezwungen sind, plant Hertha den Angriff auf die Europapokalplätze. Der neue Sportdirektor Arne Friedrich sprach zwar von einem „richtig komplizierten“ Markt, aber auch davon, dass Hertha Spieler verpflichten will, „die den Unterschied machen und uns qualitativ weiterbringen.“ Sparkurs klingt anders.

Während die Konkurrenz die Blau-Weißen durch die neue Liquidität auf der Überholspur sieht, spürt der 1. FC Union die Folgen der Krise härter. Bisher wurden mit Niko Gießelmann und Sebastian Griesbeck zwei ablösefreie Spieler verpflichtet. Dem Vernehmen nach sehen sich die Eisernen zwar durchaus handlungsfähig. Aber um in Corona-Zeiten einen Topspieler zu verpflichten, müssen wohl begehrte Spieler wie Sebastian Andersson und Marius Bülter verkauft werden. Bis diesen Sommer lukrative Angebote eintrudeln, könnte es durchaus dauern.