Licht und Schatten: Viele Japaner zweifeln am Sinn Olympischer Spiele auch nach der Corona-Krise.
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TokioEs sah so aus, als wäre Japan von Covid-19 kaum betroffen. Die Leute sollten möglichst im Homeoffice arbeiten, Schulen blieben geschlossen, Sportevents wurden abgesagt. Doch die Olympischen Spiele, so betonten die Organisatoren, würden ganz bestimmt im Juli starten. Seit aber am 24. März auf großen internationalen Druck hin „Tokyo 2020“ in den Sommer 2021 verschoben wurde, sieht auch in Japan vieles anders aus.

Die Zahl bestätigter Infektionsfälle hat sich von rund 2 000 am Anfang der Woche mehr als verfünffacht. Nur einen Tag nach der Olympiaverschiebung erließ Tokios Gouverneurin Yuriko Koike Anordnungen zum Daheimbleiben, Anfang April rief Premierminister Shinzo Abe den Ausnahmezustand für die größten Metropolregionen aus, der inzwischen für das ganze Land gilt. Und in Japan kommen Zweifel auf.

Ein Professor beklagt Versäumnisse

Laut einer Umfrage des Rundfunksenders NHK finden drei Viertel, der Ausnahmezustand hätte früher verhängt werden sollen. Der Vorwurf: Offizielle hätten zu lange am Olympiaplan festgehalten und die öffentliche Gesundheit hinten angestellt.

Dem schließen sich Prominente an wie Koichi Nakano. Der Politikprofessor der Sophia Universität in Tokio gehört zu den profiliertesten Kritikern der japanischen Regierung. Am Telefon sagt er: „Politisch betrachtet ist es schwer vorstellbar, dass die beiden Dinge nichts miteinander zu tun haben. Premierminister Abe und Tokios Gouverneurin Koike wollten Olympia unbedingt dieses Jahr veranstalten. Es ging ihnen um Wirtschaftspolitik und ihr Ansehen in der Öffentlichkeit.“ Nakano meint: „Auch als sie ahnten, dass sich dieser Plan wegen des Coronavirus vielleicht nicht umsetzen lässt, warteten sie, ehe sie deutliche gesundheitspolitische Entscheidungen fällten.“ Tatsächlich war Japan schon im Februar stark vom Virus betroffen, durch das Kreuzfahrtschiff Diamond Princess auch auf dem Festland. Zeitweise zählte nur China mehr Infektionsfälle.

Dass die Fallzahlen fortan in Japan stagnierten, liegt kaum am entschlossenen Krisenmanagement. Die Testkapazitäten werden nicht ausgereizt, die Dunkelziffer bei Infektion könnte um ein Vielfaches höher sein als angegeben. Bis Ende März gab es knapp 30 000 Tests pro Woche, rund 70 000 sind es derzeit. Deutschland kam vorige Woche auf 360 000 durchgeführte Tests.

Hitoshi Oshitani, Virologieprofessor an der Tohoku Universität in Sendai und Mitglied des Krisenstabs der Regierung, hielt schon im Februar Olympia im Sommer für unrealistisch. Doch er bestreitet, dass Japans Offizielle bewusst Risiken ignorierten: „Es stimmt, dass wir das Ausmaß unserer Tests nicht besonders erhöht haben. Wir glauben, dass das auch nicht nötig ist“, sagt Oshitani am Telefon. „Wir verfolgen die Kontaktpersonen der bestätigten Infektionsfälle, um Cluster zu erkennen. Darin testen wir intensiver.“ Zwar würden so Fälle übersehen, aber dieses Problem gebe es überall auf der Welt. „Von Anfang an haben wir versucht, Menschen zu retten und nicht die Olympischen Spiele.“

Pragmatik, Wegsehen, Verharmlosung? Viele erkennen Parallelen zur Atomkatastrophe von Fukushima im Frühling 2011. „Die Regierung setzte damals als Experten vor allem Atomphysiker ein, die den Menschen fälschlicherweise sagten, alles sei nicht so schlimm“, meint Professor Nakano. „Sie sprachen in Fachwörtern und arbeiten für die Ziele der Regierung.“ Die habe an der Atomkraft festhalten wollen. Yasuo Goto, emeritierter Ökonomieprofessor der Universität Fukushima, sagt: „In Fukushima ging es um die Atomkraft. Bei Tokyo 2020 geht es der Regierung um deren Wirtschaftspolitik generell.“ Olympia sollte einen Aufschwung generieren, von der Internationalisierung japanischer Betriebe bis zum Tourismusboom. Die Verschiebung kostet nun weitere Milliarden Euro.

Hiroki Ogasawara, Soziologieprofessor an der Universität Kobe, sieht in den Olympischen Spielen sogar den Versuch, unter die Katastrophe in Fukushima einen Schlussstrich zu ziehen: „Abe hat Tokyo 2020 zu den Spielen des Wiederaufbaus nach der Krise erklärt. Deshalb sollten olympische Wettbewerbe auch in Fukushima stattfinden. Denn mit Olympia will er das Ende der Krise dort erklären, auch wenn immer noch Zehntausende Menschen nicht in ihre Heimat zurückkehren können, weil die Strahlung zu hoch ist.“

Seit dem Reaktorunglück von Fukushima ist das Vertrauen in öffentliche Institutionen zerstört. Und die Coronakrise nährt das Misstrauen nun erneut. Das liegt wohl auch daran, dass die Organisatoren der Spiele nicht geschickt darin sind, den Vorwurf der Fahrlässigkeit zu entkräften. Auf eine Anfrage ans Tokioter Organisationskomitee heißt es am 31. März per E-Mail: „Während es derzeit keine Gegenden in Japan gibt, wo viele Infektionsfälle bestätigt sind, mussten weltweit viele Qualifikationsevents abgesagt werden, weil sich in vielen Ländern das Virus verbreitet hat. Einige Athleten und Nationale Olympische Komitees haben außerdem bekanntgegeben, dass sie unter den aktuellen Umständen nicht trainieren können. Und diese neue Situation hat uns große Sorgen gemacht.“

Diese Sorgen hätten früher entstehen können, Regierungskritiker und die Mehrheit der japanischen Bevölkerung sind dieser Meinung. Berater Hitoshi Oshitani sagt, er habe schon im Januar, zwei Monate vor der Olympiaverschiebung, eine Pandemie vorhergesagt. Nun gelte es, die Schäden noch möglichst geringzuhalten. Lässt sich Olympia im Juli 2021 zuverlässig planen? Noch ehe die Frage fertig ausgesprochen ist, unterbricht Oshitani: „Kein Kommentar. Das hängt noch von zu vielen Dingen ab.“