Leere Sitze, leerer Platz, leere Worte? Die Fußball-Bundesliga trägt nun doch nicht den 26. Spieltag aus.
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BerlinDie Mitteilung der Deutschen Fußball Liga (DFL), den Spieltag der ersten und zweiten Bundesliga an diesem Wochenende noch irgendwie durchziehen zu wollen, entfachte sofort eine heftige Debatte. Und das völlig zurecht, denn der Beschluss vom Freitagvormittag zeigte vor allem: Der Fußball und der Sport im Allgemeinen agieren viel zu oft im krassen Gegensatz zu ihrem PR-Gebaren, ob nun beim Kampf gegen Doping oder dem aktuell alles bestimmenden Coronavirus. Am Nachmittag folgte die Rolle rückwärts: Die DFL sagte alle Spiele ab. Es war eine späte Einsicht, eine zu späte.

Worte passen nicht zu Taten

Viel ist auch dieser Tage von der Vorbildfunktion die Rede, und viele Funktionäre beeilen sich, die Vorbildfunktion des Fußballs zu betonen. Die Gesundheit aller, heißt es von DFL und Vereinen, stehe nun an erster Stelle. Zugleich wird zunächst so getan, als agiere der Fußball bei Geisterspielen in einem eigenen Kosmos ohne Corona. Dabei sollte mittlerweile jeder verstanden haben, dass die Viren an diesem Wochenende ohnehin mitgespielt hätten.

Erste Coronafälle im Fußball waren längst bestätigt, auch in Deutschland mehrten sie sich. Allerdings laufen die aktuellen Statistiken und positiven Testergebnisse der tatsächlichen Ausbreitung deutlich hinterher. Viele, gerade junge, gesunde Sportler, zeigen oft keine Symptome. Die Inkubationszeit beträgt zudem mehrere Tage.

Wer unter diesen Voraussetzungen glaubt, dass Spiele in den beiden Bundesligen an diesem Wochenende durch den Ausschluss der Zuschauer auch unter Ausschluss der Coronaviren durchgeführt hätten werden können, hat einiges vom Wesen einer Pandemie und ihrer exponentiellen Ausbreitung nicht verstanden. Oder aber, und genau das ist leider anzunehmen, er ignoriert bewusst, was Virologen und andere Experten eindringlich raten.

Kanzlerin Angela Merkel hat deren bisheriges Wissen über das Virus und dessen voraussichtliche Ausbreitung in dieser Woche weitergetragen, als sie sagte, dass sich bis zu 70 Prozent der Bevölkerung infizieren könnten. Um das Tempo der Ausbreitung zu drosseln, damit das Gesundheitssystem nicht kollabiert, seien sämtliche Sozialkontakte möglichst zu vermeiden, auch um Risikogruppen zu schützen. Am Wochenende aber sollte der Kontaktsport Fußball in den Bundesligen, anders als in Europas anderen Topligen in Spanien, England, Italien und Frankreich, noch irgendwie am laufen gehalten werden und erst von Dienstag an pausieren. Sozial war dieses Ansinnen nicht, sondern vielmehr eine Farce, Termin- und Wirtschaftsdruck hin oder her.

Thomas Bach ringt sich ein Ja ab

Es ist nachvollziehbar, dass die DFL gerade auch wirtschaftlich mittel- bis langfristig denkt, da diese Krise für einige Vereine existenzbedrohend werden kann. Das muss die DFL bedenken, genauso wie IOC-Präsident Thomas Bach, der am Donnerstabend in den Tagesthemen ankündigte, an den Olympischen Spielen in Tokio ab Ende Juli vorerst festhalten zu wollen. Allerdings: Erst auf die wiederholte Frage, ob man dem Rat der Weltgesundheitsorganisation (WHO) folgen werde, auch im Falle einer Absage-Empfehlung, rang er sich ein Ja ab. Bei beiden Beispielen DFL und IOC zeigt sich, dass sich ihre PR-Aussagen zur Gesundheit an erster Stelle als schöner Schein entlarven, wenn noch immer wirtschaftliche Fragen im Vordergrund stehen. Dabei ist jetzt genau das Gegenteil gefragt, verbunden mit wirtschaftlicher Solidarität von oben nach unten.

Es wäre an der Zeit für echte Vorbilder mit einem uneingeschränkten gesundheitlichen und wirtschaftlichen Verantwortungsbewusstsein. Das gilt auch für die eigentlichen Protagonisten, die Fußballer, vor allem für jene aus den großen Ligen. Sie bestimmen den Alltag vieler Menschen und sind deshalb ein wichtiger, Freude stiftender Lebensinhalt, der vorerst fehlen wird. Zugleich hätten sie jetzt die Chance, wie echte Vorbilder zu handeln. Nicht nur symbolisch oder vor allem aus Eigeninteresse in sozialen Netzwerken, sondern fundamental und zuerst altruistisch.

Spieler, setzt ein Zeichen!

Sie könnten zum Beispiel auf wesentliche Teile ihrer Millionengehälter verzichten, damit ihre Klubs entlasten und sich mit üppigen Spenden an einem möglichen Hilfsfond für kleine und mittlere Vereine beteiligen, denen nun Insolvenzen drohen.

Das Zeichen, das solche Spieler damit setzen würden für die gesamte Gesellschaft, wäre ungleich wertvoller als jede PR-Kampagne. Und auch sie hätten etwas davon, wenn die Krise einmal ausgestanden sein wird und sich die Stadien wieder füllen. Die Fans würden diese Vorbilder umso mehr verehren, zusätzliche Einnahmen aus Merchandising und TV-Erlösen für die Vereine inklusive, jedenfalls mittelfristig.