BerlinProfisport ist professionell. Das sagt schon die Bezeichnung. Businessorientiert könnte man auch sagen. Vielleicht passt es ganz gut in den Zusammenhang der vergangenen Tage, in denen die Diskussion über Sinn und Unsinn von Mannschaftsreisen durch Europa oder die ganze Welt neu entflammt ist, sich einem anderen Begriff zu nähern, der sich in den Sprachgebrauch eingeschlichen hat: Spielermaterial.

Spieler werden gehandelt, verkauft, verliehen. Und jetzt, in einer Zeit, in der es deutschlandweit ein Verbot von Übernachtungen in Hotels und Pensionen gibt und jede Flugreise, noch dazu in ein Risikogebiet, für die meisten Menschen tabu ist, wird Spielermaterial von A nach B bewegt. Von Vereinen, Verbänden; manche Athleten wie Schwimmer oder Tennisspieler bewegen sich auch von selbst. Warum? Weil Sport ihr Beruf ist. Weil der Profisport Ausnahmeregelungen in Anspruch nehmen darf. Weil er die Botschaft sendet, dass sich etwas bewegt. Weil er die Menschen, die zu Hause sitzen und nur eingeschränkt Sport treiben dürfen, unterhält.

Handball-Nationalspieler Hendrik Pekeler übt Kritik

Aber hat jeder Profisportler die Freiheit, selbst zu entscheiden, ob er von Flughafen zu Flughafen bewegt werden will? Beim Deutschen Handball-Bund, bei dem nach der Länderspielreise nach Estland vier Spieler positiv auf das Coronavirus getestet wurden, wird über den Sinn solcher Partien und die Fürsorgepflicht des Verbandes gestritten. Der Kieler Kreisläufer und Nationalspieler Hendrik Pekeler gestand ein, er habe sich rund um die Länderspielreise ins Baltikum nicht wohlgefühlt. „Jetzt hat sich im Endeffekt das bestätigt, wovor alle gewarnt haben“, äußerte der Europameister von 2016. Sein Berater Michael Hoffmann legte nach: „Natürlich müssen Handballspieler als Arbeitnehmer ihren Jobs nachgehen und trotzdem müssen Arbeitgeber das Risiko minimieren. Industrieunternehmen veranstalten aktuell auch keine Vertriebsseminare in Risikogebieten.“

Das ist der gesamtgesellschaftliche Zusammenhang, den der Profisport, das hat er immer betont, nicht außer Acht lassen will. Dass der Grat dessen, was Akzeptanz bei Publikum findet, extrem schmal ist, hat das Fußball-Länderspiel zwischen Deutschland und der Ukraine am Sonnabend gezeigt, das trotz fünf Positivtests im ukrainischen Team nicht abgesagt wurde. Dem Image des Fußballs hat das mehr genützt als geschadet.

Seit dem ersten Lockdown im März versuchen die Sportfunktionäre, sich durch einen Dschungel von Verordnungen, Sonderregelungen, Geschäftsinteressen und Verantwortlichkeiten durchzukämpfen. Nach bestem Wissen und Gewissen, sicherlich. Aber haben sie auch mal ihre Spieler gefragt? Wollen die Athleten überhaupt gefragt werden? Sind sie bereit, alles mitzumachen? Koste es, was es wolle? Und sei es Corona samt seinen Folgen?

Dass eine Infektion mit dem Virus nicht an jedem jungen, fitten Sportlerkörper spurlos vorübergeht, haben die infizierten Basketballer von Alba Berlin zuletzt gemerkt. Ebenso der dreimalige Ringer-Weltmeister Frank Stäbler, der zwar nur leichte Covid-19-Symptome spürte, dann aber beim Belastungstest fast zusammenbrach. Die WM im Dezember in Belgrad, die mangels Teilnehmer zum Weltcup heruntergestuft wurde, sagte er daraufhin ab.

Absagen meiden Ligen und Verbände der Profiteams

Um alles am Laufen zu halten, haben sie Hygienekonzepte entwickelt und bezahlt. Oder neue Formate gefunden wie der Europäische Volleyball-Verband, der die Gruppenphase der Champions League in zwei Turnieren spielen lässt, um die Reiserei durch Europa zu minimieren. Das ist begrüßenswert, solange es funktioniert.

DHB-Vizepräsident Bob Hanning sagte über die Länderspielreise nach Estland, die Situation sei vergleichbar mit dem „normalen Berufsleben oder in der Schule“. Man müsse keinem einen Vorwurf machen, weil alle versucht hätten, das Risiko zu minimieren. Und: Das Hygienekonzept der Deutschen Handball-Liga habe ja schließlich hervorragend funktioniert – bis zu dem Zeitpunkt, wo die Nationalmannschaften gespielt haben. 

Nun wurde bei den Füchsen Berlin nach Marian Michalczik und Milos Vujovic ein weiterer Spieler nach seiner Länderspielreise positiv getestet. Das gesamte Team ist seit Freitagabend in Quarantäne, die Partie am Sonntag gegen Flensburg wurde abgesagt, die Dienstagspartie in der European League gegen Sporting Lissabon verschoben. Um international dabei zu sein überlegen die Füchse gar, den Kader zu vergrößern und mit zwei Teams weiterzumachen, was sich bei all den vorangegangenen Klagen über Etatbelastung und Einnahmeverluste absurd anhört.

Die aktuelle Situation nach der Handball-Länderspielreise hat die Diskussion um die Weltmeisterschaft, die vom 13. bis 30. Januar 2021 in Ägypten stattfinden soll, weiter befeuert. Pekeler-Berater Hoffmann sagt: „Wenn Familien über Weihnachten vielleicht nicht zusammenkommen können, dann wäre eine Handball-WM mit 32 Teams nur drei Wochen später inakzeptabel.“ DHB-Vizepräsident Bob Hanning spricht dagegen von einem potenziellen Millionenpublikum am TV, das wichtig für den Handballsport sei und von der Sicherheit einer hygienisch abgeriegelten Blase bei einem internationalen Turnier.

Und die Spieler? Sind sie bereit, das Risiko einzugehen? Mit einem flauen Gefühl wie Pekeler zuletzt? Uwe Schwenker, Chef der Handball-Bundesliga forderte vom Handballbund, die Spieler einzubeziehen. „Wir können nicht über Köpfe hinweg entscheiden. Die Gesundheit ist das oberste Gut. Wir müssen raus aus der Maus-Perspektive, rein in die Vogel-Perspektive.“ Ein schöner Vorschlag, ein Aufruf zur Mündigkeit. Die Spieler sind aufgefordert, Position zu beziehen.