Psychologin Renate Eichenberger vor dem Alba-Trainingszentrum in Berlin-Mitte. Derzeit hält sich die Schweizerin in ihrer Heimat auf.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinDas Ambiente  hat sich deutlich verändert. Ist Renate Eichenberger in ihren Gesprächen mit Sportlern für gewöhnlich von großen Fenstern mit Blick auf belebte Straßen oder ständig neuem Interieur in Berliner Cafés umgeben, gibt es sie aktuell per Video-Telefonie vor einer weißen Wand zu sehen. „Für mich ist der Hintergrund wichtig: Ich lasse mir ungern in die Wohnung gucken, auch wenn ich es immer äußerst spannend finde, in die anderen Wohnungen zu schauen“, sagt die Sportpsychologin. Seit sie ihren Zweitwohnsitz in Berlin während der Corona-Krise gegen die Wohnung in der Schweiz eingetauscht hat, sitzt sie im Wohnzimmer in einer Ecke und führt dort ihre Gespräche mit Sportlern und Trainern von Alba Berlin, Union Berlin und auch mit Springreitern oder Tennisspielern.

Sechs, sieben Gespräche sind es derzeit pro Tag. Eigentlich, sagt sie, seien es sogar mehr als sonst. „Die Nachfrage ist tatsächlich mehr, und die Leute sind einfacher verfügbar“, sagt die Schweizerin. Ohne Training und sportlichen Wettkampf haben ihre Gesprächspartner nun viel mehr Zeit für Einzelgespräche. Reden, Fragen stellen und beantworten, reflektieren, Unterstützung bieten, wo es Unterstützung braucht und manchmal auch einfach etwas philosophieren.

So kann auch mal eine Lebenslinie erstellt und alles bereits erlebte auf einem Zeitstrahl dargestellt werden. Ein hilfreiches Tool, um zu reflektieren, was man persönlich alles - Positives wie herausfordernde Dinge - schon geleistet und gemeistert hat im Leben. Daneben gehören Gruppenselbstreflexionen mit Trainern, Webinare für die Basketball-Bundesliga und das Dozieren an einer Universität ebenfalls zum Arbeitsalltag von Renate Eichenberger. Und das alles meist sitzend vor der weißen Wand oder zur Abwechslung mal auf einem Spaziergang.

Am Thema Corona führt aber selbst in der Weitläufigkeit der Natur kein Weg vorbei. „Das kann man nicht ausblenden“, sagt sie, „es ist omnipräsent und das bei allen.“ Dennoch unterscheiden sich die Inhalte ihrer Gespräche. Nie wisse sie vorher, was sie erwarte. Es sei schon vorgekommen, dass sie dachte, sie könne geplant mit einem Sportler weiterarbeiten und dann ging es der Person an diesem Tag nicht ganz so gut. Die Frage „Wie geht es dir?“ ist zentral geworden. Besonders wichtig dabei, dass die Leute auf die Frage zum Gemütszustand „auch ehrlich antworten. Diese Situation, die wir gerade haben, lässt niemanden kalt. Das beschäftigt uns alle in irgendeiner Form. Es fällt mir schwer zu glauben, wenn jemand sagt, dass ihn das überhaupt nicht beschäftigt“, sagt sie.

Bei aller Unterschiedlichkeit der einzelnen Personen und damit der Gesprächsinhalte sind ihr drei Tendenzen aufgefallen: „Es gibt Leute, die angeschlagen sind, weil ihnen die Situation sehr stark zusetzt. Weil sie etwa nicht wissen, wie es existentiell weitergeht. Dann gibt es solche, die kommen mit dieser Situation klar, sind aber froh, wenn sie mal mit jemandem reden können. Und dann gibt es diejenigen, die diese Situation nicht groß tangiert und die mit mir, so wie vorher auch, an sportlichen Dingen arbeiten.“

Jungen Sportlern zum Beispiel ist zu Beginn des Lockdowns alles weggebrochen. Nicht nur das tägliche Training und die Spiele am Wochenende, sondern auch die Schule. Von einem Tag auf den anderen. Es war nichts mehr da und das sorgte für ein riesiges Loch und viele Fragen. Wie komme ich mit dieser neuen Situation klar? Wie gehe ich mit Langeweile oder Überforderung um? So wurden auch neue Strukturen durch Gespräche geschaffen. Daneben gibt es auch Sportler, die in relativ „komfortablen Situationen“ sind, wie beispielsweise die Springreiter. „Die haben zwar keine Turniere, aber die können täglich in den Stall, die haben täglich mit ihrem Pferd zu tun und die können ihre Ausritte und Trainings machen“, erzählt Renate Eichenberger, „natürlich merken sie die Krise, wenn sie einkaufen gehen. Aber die haben ihre Tage mit ihren Pferden schon so gefüllt, dass es darum geht, wie komme ich, wenn es weitergeht, sportlich weiter.“

Bei anderen Sportlern sind es andere Faktoren, die den Umgang mit der Coronakrise beeinflussen. Wie lange wird die Situation andauern? Reicht das Training, das ich mache, aus? Habe ich einen Korb zum Werfen oder muss ich ohne Ball auskommen? Die Anspannung sei Alltag. Selbst bei Fußballern von Union Berlin, die zumindest teils wieder trainieren dürfen. „Sie können etwas tun, das tut gut. Aber solange nicht geklärt ist, wann und selbst wenn, wie es weitergeht, macht es die Situation nicht einfacher. Ich kann nicht sagen, dass die jetzt positiver sind oder nicht. Jeder hat seinen eigenen Umgang“, so die Sportpsychologin.

Wo manch einer außerhalb sich bereits Gedanken darüber macht, wie sich abzeichnende Geisterspiele auf die Psyche der Spieler auswirken könnten, haben die Sportler selbst meist ganz andere Dinge im Kopf. In den Gesprächen gehe es eher darum, wie sich das überhaupt darstellen solle. Und natürlich auch, wie man in der aktuellen Situation optimal trainiere und den Kopf auf den Sport fokussiere. Bei aller Ungewissheit gibt es zumindest im Basketball und Fußball noch Hoffnung auf eine Fortsetzung der Saison. Das hilft in dieser Krise. Der große psychische Nackenschlag könnte noch kommen, „wenn es heißt, dass die Saison abgebrochen ist und es noch dauert, bis man wieder normal trainieren kann. Das könnte für einige Sportler nochmals brutal werden“, sagt Renate Eichenberger.

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Einer der größten Wünsche der Trainer und Sportler sei es, eine verbindliche Information zu erhalten, wann sie wieder (in der Halle) trainieren können. Bis dahin gehe es weiter darum, so etwas wie Normalität herzustellen, weiterhin für Ersatz im täglichen Leben zu sorgen. „Manchmal ist es nur die Idee mal wieder ein Buch zu lesen oder aufzuräumen. Aber schon das kann hilfreich sein. Aber man sieht ja auch im Internet, wie kreativ die Leute werden“, sagt die Schweizerin und denkt dabei etwa an den verrückten Golfparcours, den Alba Berlins Luke Sikma in seiner Wohnung baute. Daneben ist die Hauptaufgabe von Renate Eichenberger weiter ein offenes Ohr zu haben. Doch auch sie hat einen Wunsch. Wegzukommen von ihrer weißen Wand und die Gesichter ihrer Gesprächspartner nicht mehr nur auf dem Bildschirm ihres Rechners, sondern wieder in einem hübsch eingerichteten Berliner Café zu sehen und nebenbei ihren geliebten Kaffee zu trinken.