Das Metaversum, unendliche Weiten und Erlebniswelten, unbegrenzte Entfaltungsmöglichkeiten und Wachstumspotenziale, ein Raum, viel tiefer, breiter, länger und dunkler als das Internet, wo augmented und virtual reality mit dem echten Leben verschmelzen, unzertrennlich wie Zwillinge, untrennbar wie eine Silbe werden.

Wo wir dann – Datenbrille auf, haptische Handschuhe und Anzüge an – als Avatare alles tun können, alles und überall sein werden. Gefühlsecht Klamotten anprobieren und entfernte Freunde umarmen, ohne das Bett zu verlassen. Bundesliga live und im Fanblock gucken, ohne im Stadion zu sein. Nie wieder anstehen vor Kinos, Theatern, Museen! Wir werden ohne Flugscham die entlegensten Strände und Gipfel der Erde erreichen oder gleich über Elara, den siebten Mond des Jupiters, spazieren. Wir können dann sogar, sagen Forscher voraus, potenziell echte Kinder zur Welt bringen, ohne schwanger gewesen zu sein. Und wenn die Kinder dann größer und anstrengender werden, dann drücken wir auf Pause und schauen später wieder rein.

Hach, das Metaversum, das wird wie ein zweites, nein, wie ein besseres Leben, endlich richtig im falschen, oder? Und in diesem Futur III von Zeitenwende werden vielleicht alle so heiraten wie Kevin-Prince Boateng, damals, am 11. Juni 2022. Beziehungsweise: hä?

Sternzeit 1993, Windows 3.11 lief stabil und auf weltweit zehn Millionen Personal Computern, da erschien der Roman „Snow Crash“ von Neal Stephenson. Und so sah der Autor eine nicht näher datierte Welt von übermorgen: Nach einer Weltwirtschaftskrise zerfallen die USA in ihre Einzelstaaten, es gibt unterschiedliche Gesetzgebungen, die Demokratie, sie ist nur noch ein altes Ritual. Wer Geld hat, kann sich privatisierte Dienste wie Polizei und Militär oder gleich die Mafia leisten. Parallel existiert eine andere Welt, eine schier endlose Straße im Cyberspace, auf der Menschen ihren Geschäften und Neigungen nachgehen. Doch dann, Stephenson nannte es als Erster „Metaverse“, bricht in jener virtuellen Realität ein Virus aus, das nicht die Computer, sondern die angestöpselten Menschen zum Absturz bringt, und, nun ja, tötet.

Von Metaverse sprechen heute auch Mark Zuckerberg und andere Mega-Meta-Apologeten, sie verkaufen uns eine Romandystopie als den heißesten Scheiß. Handel, Geldanlage, Immobilienmarkt, Arbeitswelt, Freizeit – alles soll sich bitteschön nach drüben verlagern, in zwanzig Jahren vielleicht. Dann wären wir etwa im Jahr 2045 angekommen und mitten im Plot des Science-Fiction-Romans „Ready Player One“ von Ernest Cline, der eine Menschheit beschreibt, die sich so beflissen an den Rand des Weltuntergangs herangepirscht hat, dass sie nicht mehr anderes will und kann, als dauerhaft in ein – hier „Oasis“ genanntes – Metaversum zu fliehen, eine virtuelle Spielwelt, wo letztlich doch wieder und ganz real kein Bonusleben, sondern der Tod auf sie wartet.

Wann werden wir alle rübermachen?

So, und wenn man jetzt auch noch Dirk „Mister Dax“ Müller hört, der gerade gegenüber dem Focus prophezeite, das Metaverse werde eines Tages größer sein als Buchdruck und Internet zusammen, und falls man überhaupt keine Ahnung hat, was Bitcoins oder NFTs sind und allein beim Gedanken an eine Blockchain wahlweise Angst hat, erschlagen oder in Ketten gelegt zu werden –  ja, was soll man dann noch tun? Wie soll man sich da noch auf die Zukunft freuen? Wie tief kann man eigentlich von einer Metaebene fallen?

Kevin-Prince Boateng also, auf den war immer Verlass in dunklen Stunden. Früher grätschte er den Problemführungsbär Michael Ballack aus dem Weg, zuletzt coachte er den Eisberg-volle-Kraft-voraus-Klub Hertha BSC zum Klassenerhalt. Doch nun das: „Am 11. Juni heiraten wir auch im Metaverse!“ So steht es bei Instagram, wo sich immer die schönsten Farbfilter über den grauen Alltag legen lassen, gepostet von Boateng und seiner Verlobten Valentina Fradegrada. Die Apokalypse, sie hat begonnen.

Hochzeiten im Metaverse sind nämlich ein neuer Trend, NFT-Hochzeitseinladungen und NFT-Hochzeitsurkunden inklusive. Irgendjemand solle mal bei Mr. Dax nachfragen, ob man bereits mit NFT-Scheidungspapieren spekulieren kann. Ansonsten bleibt uns nichts anderes übrig, als uns im analogen Leben zurückzulehnen und abzuwarten, wann das Metaversum uns holt und wir rübermachen müssen.

Und wo genau heiraten nun Boateng und Fradegrada: „An einem Weltraumort zum ersten Mal auf der Welt!“ Nicht von dieser Welt, oder?