Ziemlich vernebelt: Der Berliner Fußball-Verband rückt sich selbst nicht gerade ins beste Licht.
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BerlinDer Verschleiß an Vizepräsidenten in diesem Jahr ist hoch beim Berliner Fußball-Verband (BFV), die Verweildauer kurz. Sascha Kummer war im Mai genau 19 Tage im Amt. Kamyar Niroumand, der ihm am 1. September als Vizepräsident Qualifizierung und Soziales nachfolgte, blieb elf Tage länger im Gremium des mit 170.000 Mitgliedern größten Berliner Sportfachverbandes. Am 1. Oktober informierte Niroumand BFV-Präsident Bernd Schultz dann darüber, sein Amt mit sofortiger Wirkung niederzulegen.

Was hat den 60-jährigen IT-Unternehmer, der sich seit 2003 als Präsident des Fußballklubs Hertha 03 Zehlendorf engagiert, dazu gebracht, beim BFV hinzuschmeißen? Schließlich war er den Posten mit ernsthaften Vorsätzen und der Vision angegangen, die Kluft zur Basis, zu den 382 Berliner Vereinen, zu verringern. Niroumand sagt, er habe diesen Schritt gemacht, um ein Signal an das restliche Präsidium zu senden: „Damit sie alle zurücktreten und den Weg frei machen für ein neues Team, in dem alle die gleiche Zielsetzung haben.“

Dass es innerhalb des Präsidiums unterschiedliche Strömungen gibt und dass es dem Polizeibeamten Schultz offenbar an Führungsstärke mangelt, alle in eine gemeinsame Richtung zu dirigieren, war immer mehr zutage getreten. „Eine konstruktive und teamorientierte Arbeit im Sinne der Berliner Fußballvereine ist in der derzeitigen Konstellation aus meiner Sicht nicht möglich“, wird Niroumand in der Mitteilung des BFV zitiert.

Für die Außendarstellung des Verbandes ist der Rücktritt ein erneutes Debakel nach der mangelhaften Moderation des Schiedsrichterstreiks im vorigen Herbst, der desaströsen Kommunikation rund um den Rücktritt von Kummer im Mai sowie dem viel zu unstrukturierten, uninspirierten und politisch defensiven Umgang mit den Hygienevorgaben des Landes. Dass der BFV ohne Votum der Vereine beschloss, unterhalb der Berlin-Liga und im Jugendbereich nur eine einfache Runde spielen zu lassen, stößt beim Gros der Vereine immer noch auf Kopfschütteln.

Es gebe, sagt Niroumand, zwar eine Gruppe innerhalb des Präsidiums, Schultz eingeschlossen, die Verdienste um den Berliner Fußball haben. „Es gibt aber auch neue Leute, die eine Profilneurose haben.“ Im Rechts- und Infrastrukturbereich sei der Egoismus der Präsidiumsmitglieder so groß, „dass sie unter der Gürtellinie agieren“. Es habe fingierte E-Mails gegeben und großes Misstrauen gegen seine Ideen, verbunden mit der Frage: „Willst du uns entmachten?“

Auf Berlins Fußballplätzen reagieren inzwischen viele nur noch belustigt auf den BFV. Mirko Schubert, Stellvertretender Jugendleiter beim SV Blau-Gelb aus Weißensee und Vorsitzender der Jugendbußball-AG Pankow, sagt: „Ich finde es schade, dass Niroumand zurückgetreten ist. Er hat als Präsident eines großen Berliner Vereins einen sehr guten Beitrag aus der Vereinswelt eingebracht. Dass es im BFV keine Führungsperson mit Vereinstätigkeitshistorie gibt, ist das Hauptproblem im aktuellen Präsidium. Für uns Vereine ist alles sehr intransparent. Es ist eine eigene Zelle, die sich da entwickelt hat. Jetzt in der Pandemie zeigt sich ein weiteres Problem: Wir haben in Berlin keinen Sportsenator.“

Kurz nach Amtsantritt hatte Niroumand eine Task Force Spielbetrieb gebildet. Acht Berliner Vereinsvertreter diskutierten über sinnvolle Regelungen unter Einhaltung der Hygienemaßnahmen. „Die Vereine hatten gute Ideen“, sagt Niroumand. Er wollte den Einspruch von Stern 1900 vor dem BFV-Sportgericht gegen die Einfachrunde verhindern, Stern-Präsident Fiedler sei zu Verhandlungen bereit gewesen. Andere im BFV-Präsidium nicht. So kam es zur Klage. Und zum Vergleich. „Den hätte man schneller haben können, so aber hat der Verband völlig unnötig ein schlechtes Bild abgegeben“, sagt Niroumand.

Sein Rücktritt ist ein Signal nach innen, aber auch ein Signal nach draußen. Eines an diejenigen Vereine, die einen außerordentlichen Verbandstag beantragen und Neuwahlen fordern wollen. Es ist gerade sehr viel in Bewegung.