Dan Carter hatte einen triumphalen Auftritt beim 34:17-Endspielsieg der WM 2015 in Twickenham gegen Australien.
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ChristchurchRot und Schwarz steht Dan Carter am besten. Die Farben seiner Heimatregion Canterbury und der Crusaders, des Rekordmeisters der internationalen Super-Rugby-Liga der Südlichen Hemisphäre. Ganz in Schwarz, als All Black, hat der beste Spielmacher, den Neuseelands legendäre Nationalmannschaft je hatte, die ganze Nation entzückt, wenn er zauberte.

Er selbst hat oft gelacht nach den unzähligen Siegen und Titeln, die er gewonnen hat, aber auch geweint über all das Pech, das er hatte. Doch am Ende seiner internationalen Karriere 2015 hat er jubiliert und getanzt wie ein Irrwisch, weil er in seinem letzten Einsatz für die All Blacks noch einmal demonstrierte, dass er der Größte war. Ganz in Rot wiederum hat er im Rugby-Rentenalter vor einem Vierteljahr bei den Kobelco Steelers in Japan noch mal ein tolles Comeback hingelegt.

Dan Carter spielt zurzeit nur Cricket

Aber jetzt hat „Dan the Man“, wie er genannt wird, die Farben und die Sportart gewechselt. Ganz in Weiß spielt er mit seinem Sohn Marco im Garten seines weißen Hauses in Remuera, einem noblen Stadtteil von Auckland, ein 30-tägiges Cricket-Match. So lange dauert die Ausgangssperre in seiner Heimat Neuseeland, in die er angesichts der Covid-19-bedingten weltweiten Restriktionen und des vorübergehenden Verbots von Sport und Spiel zurückgekehrt ist. Auf Instagram postet der 38-jährige Carter, wie er sich die Zeit vertreibt. Dazu gehört auch intensives Fitnesstraining. Er hat sich einen Wattbike-Heimtrainer ins Haus stellen lassen, auf dem er rekordverdächtige Einheiten abstrampelt. Einmal Profi, immer Profi. Einer, der sich trotz seines immensen Talents alles hart erarbeiten musste und wollte, auch wenn sein Leben auf den ersten Blick so einfach und perfekt wie in einer Zahnpasta-Werbung wirkt: Carter ist fast makellos attraktiv, hat das sonnigste Strahlen im Gesicht, ist mit der ehemaligen Hockey-Nationalspielerin Honor Dillon glücklich verheiratet und hat drei gesunde Söhne: Marco, Rocco und Fox.

Serie

Der Sport ist kein Perpetuum mobile, das sich aus Selbstzweck dreht. Ein Virus lehrt uns das. Nehmen wir uns also die Zeit: Für Geschichten, die oft hinter dem Offensichtlichen zurückstehen. Serie, Teil 22: Dan Carter

Aber keiner erzielt in 112 Länderspielen 1 598 Punkte, bloß weil ihn in der Wiege die Muse geküsst hat. Dan Carter hat in seinen 13 Jahren im Trikot der All Blacks – neben 29 Tries (Ballablagen hinter der Torlinie) – so viele Penalties (281) und Bonuspunkt-Kicks (293) verwandelt, weil er es wie besessen geübt hat. So war er schon als kleiner Junge.

Sein Vater Neville hat die Geschichte oft erzählt: Weil Klein-Daniel im Garten kickte, aber beim Versuch, den Ball übers Haus zu schießen, ständig die Dachrinne ruinierte, kaufte er in der Landgemeinde Southbridge südöstlich von Christchurch das Nachbargrundstück, setzte ein Rugby-Tor darauf und schenkte es dem talentierten Sohn zum achten Geburtstag. Rugby-Fans aus aller Welt pilgern zu dem Tor wie zu einer Wallfahrtsstätte. „Er ist der fitteste Spieler auf dem Platz“, sagte der damalige All-Blacks-Trainer Steve Hansen nach dem WM-Triumph 2015 über seinen Dirigenten, „seine Arbeitsmoral ist einzigartig.“

Genialer Regisseur

Was DC damals leistete, war eine Art Wunder, denn es sah so aus, als würde der Rugby-König ungekrönt abtreten. Vier Weltmeisterschaften benötigte der geniale Regisseur, um sich seinen Kindheitstraum zu erfüllen, denn der Titelgewinn der All Blacks 2011 im eigenen Land zählte nicht wirklich. Nach einem Adduktorenriss im Training war der beste Verbindungshalb der Welt im Finale gegen Frankreich nur Zuschauer.

„Ich habe mich nur deshalb vier weitere Jahre für die All Blacks verpflichtet, um dieses Ziel zu erreichen, und musste viele Tiefschläge wegstecken; ich hatte oft Zweifel, ob ich es noch einmal schaffen würde“, sagte er vier Jahre später nach seinem triumphalen Auftritt beim 34:17-Endspielsieg in Twickenham gegen Australien. Da hatte er, getrieben von einem unbändigen Willen, noch einmal gespielt wie einst im Mai und 19 der 34 Punkte für Neuseeland erzielt.

Und was für Punkte! Da war ein aus 40 Metern abgefeuerter Dropkick, das gilt im Rugby als Mutprobe. Dann versenkte er einen Strafkick aus fernen 51 Metern. Und schließlich noch dieser unglaublich freche Schlusspunkt: Dan Carter, der bis zur letzten Minute seiner Rugby-Karriere immer alles mit links gemacht hatte, legte den Ball auf ein Tee – das ist ein Gegenstand, auf dem der Schütze das rotationselliptisch geformte Flugobjekt vor Straftritten und Bonuskicks platziert – und drosch ihn mit dem „falschen“ Fuß, dem rechten, über die Querstange des H-förmigen Tores. Es war der grandiose Schlusspunkt seiner Länderspiel-Karriere und eine Ohrfeige für jene Kritiker, die ihn schon aus der Mannschaft geschrieben und geredet hatten.

Ein Auftritt für die Geschichte

Seine finale Gala erinnerte an die schwarze Magie seiner Auftritte 2005 gegen die Lions, die Auswahl der besten Profis aus England, Schottland, Wales und Irland. Vor allem das zweite der drei Matches gilt als beste Vorstellung einer Nummer zehn in der Geschichte des Rugby. Seit 2011, als er den Engländer Jonny Wilkinson (1 246) ablöste, ist Dan Carter der beste Punktesammler der Welt. Vermutlich ein Rekord für die Ewigkeit.

Dan Carter hat den Maßstab für die Einstufung von Spielmachern gesetzt. In Neuseeland wurde dem Maestro dafür mit der Filmdokumentation „A Perfect 10“, die im vergangenen August in den Kinos lief, eine Art Denkmal gesetzt. Die perfekte Nummer zehn, der Mann, der denkt und lenkt und Spiele entscheidet, mit Schnelligkeit, Gewandtheit und Präzisionskicks. Und noch immer verteilt der Weltrugbyspieler der Jahre 2005, 2012 und 2015 – welch eine Spanne! – den Ball blitzschnell mit Hand und Fuß, überrumpelt gegnerische Abwehrreihen, ist trotz fehlender Kleiderschrank-Statur (1,78 m/96 kg) unerschrocken beim Tackling.

Der Film erzählt auch von den Selbstzweifeln und Qualen, die der Ausnahmespieler durchmachte, um immer wieder den Anschluss zu schaffen.

Aber nicht einmal das letzte Kapitel in Japan verlief problemfrei. Nach vier Jahren bei Racing Paris, wo er der höchstbezahlte Profi der Welt war, und einer Saison bei den Kobelco Steelers musste sich Carter vor einem Jahr einer Nackenoperation unterziehen. Erst jetzt im Januar konnte er sein Comeback geben. Er hatte es wieder aus einem Tief nach oben geschafft, wie so oft, doch die Covid-19-Pandemie hat die Saison und Carters Vertragsverhältnis beendet. Gut möglich, dass er nie mehr zurückkehrt und seine Karriere ohne Abschiedsspiel beendet. Seine letzte Szene: ein Pfostenschuss.