Die Oktobersonne scheint auf den Rasen des Stadions in Lichterfelde. Im Schatten der Haupttribüne wühlt der Bagger die Erde auf. Innenverteidiger Daniel Schulz geht im dunkelblauen Trainingsanzug von Viktoria 89 hinüber zur Holzbank hinter dem Casino, die noch nass ist vom Tau. „Schulle“, so nennen sie ihn in der Mannschaft, wirkt skeptisch. Warum jetzt ein Interview? Warum mit ihm? In dieser schwierigen Situation? Vor der schwierigen Partie gegen die VSG Altglienicke am Sonntag (13.30 Uhr, Stadion Lichterfelde)? Das scheint er zu denken. Aber Schulz ist keiner, der sich drückt. Er wischt die Bank mit dem Ärmel trocken. Gelbes Laub hat sich auf dem Rasen gesammelt. Er setzt sich zum Gespräch.

Im Herbst der Karriere ist Daniel Schulz, 31, nun diesen Sommer nach Berlin zurückgekehrt. Als er bei Viktoria auf Stürmer Karim Benyamina traf, fragte der: „Hey, willste nicht mitmachen beim Abschiedsspiel von Tusche und mir bei Union? Du warst doch damals auch dabei.“ Schulz wollte.

Sieben Jahre zuvor hatte er seine Heimatstadt und den 1. FC Union verlassen. Den Neuanfang daheim hatte er sich anders vorgestellt: mit 14 Punkten aus elf Spielen liegt Viktoria 89 in der Regionalliga Nordost auf Tabellenplatz zehn, 17 Punkte hinter Tabellenführer Energie Cottbus, acht hinter dem Zweiten BFC Dynamo, sechs hinter dem Dritten Fürstenwalde. Das Projekt „Aufstieg in Liga drei“ scheint damit schon früh in der Saison gescheitert zu sein. „Letztes Jahr hat Viktoria eine sehr gute Saison gespielt. Jetzt hinken wir sehr hinterher. Vor Cottbus kann man dieses Jahr nur den Hut ziehen“, fasst Schulz zusammen.

Schwierige Vorbereitung

Was den Abwehrspieler beschäftigt, ist die Zahl 22. Viktoria hat die drittmeisten Gegentore der Liga kassiert, 22. „Ja, leider“, sagt Schulz. „Das ist nicht schön. Das beschäftigt mich wirklich.“ Schließlich ist er verpflichtet worden, um der Abwehr mit all seiner Erfahrung aus der Zweiten und Dritten Liga Stabilität zu verleihen. „Das ist bisher nicht so eingetroffen, wie erhofft. Aber Schulle kann da nichts dafür“, sagt Viktorias Kapitän Ümit Ergirdi. „Die Situation hat sich so entwickelt, dass Schulle alles leisten muss: links, rechts, vor sich. Das Problem ist, dass ständig Leute wegen Verletzung fehlen.“ Wichtige Spieler, erfahrene Leute, aktuell vier, fünf gestandene Regionalliga-Fußballer. „Ich weiß gar nicht, ob wir zwei Spiele hintereinander mit derselben Viererkette gespielt haben“, sagt Schulz.

Schon die Vorbereitung auf die Saison war schwierig und fast ein wenig unprofessionell. Der ganze Verein schien nach der Niederlage im Pokalfinale gegen den BFC Dynamo gelähmt zu sein. Statt motiviert nach vorne zu schauen, haderten viele mit der verpassten Chance. Es dauerte lange, bis der Kader feststand, Spieler stießen spät dazu, andere verletzten sich schnell. „Wir haben die Breite nicht zusammengebracht“, meint Ergirdi. „Nach einer schwierigen Vorbereitung kamen wir schlecht in die Saison.“

Schulz steht mit seinen 1,91 Metern Körpergröße im Zentrum der Abwehr. Er ist verantwortlich für den Überblick in der Defensive. „Ich versuche, meine Nebenleute zu führen und den Erwartungen gerecht zu werden. Aber wir sind einfach nicht eingespielt“, sagt er. Auch sonst musste sich für den Fußballer vieles neu einspielen, er kam nicht nur mit seiner Frau nach Berlin zurück, sondern auch mit den Töchtern Rosalie und Maila, dreieinhalb Jahre und vier Monate alt. Sie zogen nach Altglienicke, ungefähr in die Mitte des Weges zwischen Lichterfelde und den Großeltern in Köpenick.

Eigentlich wäre Schulz damals schon liebend gerne in Berlin geblieben. Beim 1. FC Union hatten sie Schulz vor zehn Jahren zum jüngsten Kapitän im deutschen Profifußball befördert. „Er ist wichtig für uns, weil er einen guten Charakter hat und weil er ein Union-Kind ist“, sagte Sportdirektor Christian Beeck damals über den Fußballer, der seit der B-Jugend in Köpenick kickte und gerade in die U21-Auswahl berufen worden war.

Aber nach dem Kreuzbandriss mit 19 Jahren riss mit 22 der Innenmeniskus. Schulz kämpfte um seinen Platz und stieg mit Union in die Zweite Liga auf. Er spielte wenig, sein Vertrag lief aus. In Köpenick setzten sie nicht mehr auf ihr Union-Kind. Schulz bekam einen ersten Eindruck davon, was das Wort Fußballgeschäft bedeutet.

Er wechselte zum SV Sandhausen und stieg mit dem Verein aus Baden-Württembergs Nordwesten in die Zweite Liga auf. „Es war nicht Berlin, keine Großstadt. Aber es war eine schöne Zeit“, sagt Schulz. Er blieb sechs Jahre. Wenn er und seine Frau, eine Heilerzieherin, die Großstadt vermissten, fuhren sie nach Heidelberg.

Stadtderby gegen Altglienicke

Im Sommer 2016 ging Schulz zu den Stuttgarter Kickers in die Regionalliga. Er unterzeichnete einen Dreijahresvertrag und wurde Kapitän einer jungen Mannschaft. Sein Tor am letzten Spieltag half, den Klassenerhalt zu sichern. Eine Woche später verloren die Kickers jedoch das Landespokalfinale gegen den Siebtligisten SF Dorfmerklingen. Daraufhin sagte der Verein die Jahresabschlussfeier ab und bat die Spieler zum Gespräch. „Jeder 15 Minuten. Zum einen sagten sie: ,Du kannst bleiben.’ Zum nächsten: ,Du musst gehen.’ Mir sagten sie, ich sei verbrannt bei den Fans und den Verantwortlichen.“ Wo Verträge nichts mehr zählen, braucht man auf Loyalitäten nicht zu hoffen. „Das Geschäft wird immer härter. Es geht nicht um Personen, es geht um Geld. Je höher du kommst, umso emotionsloser wird es.“ Das hat Schulz in seiner Fußballkarriere gelernt.

Er hat auch gelernt, dass auf jedes Tief ein Hoch folgen kann. Wobei die Baustelle bei Viktoria 89 vor dem Stadtderby gegen die VSG Altglienicke noch ein bisschen größer geworden ist. „Schulle fehlt. Wir müssen wieder umbauen“, sagt Viktorias Trainer Thomas Herbst. Am Sonntag, beim 0:1 in Leipzig, sah Schulz seine fünfte Gelbe Karte. „Es bleibt uns wirklich nichts erspart“, dachte Herbst in diesem Moment.

Mit einem Becher Kaffee in der Hand steht der Coach am Geländer neben dem Kabinengang, in den Schulz gerade verschwunden ist. Ein paar Meter weiter poltert die Baggerschaufel. „Es wird nicht leicht gegen Altglienicke. Aber wir müssen die Nerven behalten, stabiler werden“, sagt Herbst. Dass Schulz am Sonntag gesperrt ist, macht die Sache nicht einfacher. „Das ist wie im richtigen Leben“, findet Herbst: „Wenn schon die Waschmaschine kaputt ist, geht auch gleich noch die Kaffeemaschine kaputt.“