Melbourne - Daniil Medwedew rüttelt bei den Australian Open am Thron von Novak Djokovic. Der Russe zeigte im Halbfinalduell der Streithähne gegen Stefanos Tsitsipas eine weitere bärenstarke Leistung und baute seine beeindruckende Siegesserie aus. Rekord-Champion Djokovic sollte gewarnt sein: Zwischen ihm und dem neunten Titel in Melbourne steht im Finale am Sonntag ein richtiger Brocken.

Das 6:4, 6:2, 7:5 gegen den Griechen Tsitsipas, der im Viertelfinale mit einem Wahnsinns-Comeback niemand Geringeren als Grand-Slam-Rekord-Champion Rafael Nadal ausgeschaltet hatte, war bereits Medwedews 20. Sieg in Folge. Und was noch viel imposanter ist: Zwölf dieser Erfolge feierte er gegen Top-Ten-Spieler.

Schon 2019 war Medwedew nah dran am Major-Titel

„Ich hoffe, dass dieser Lauf noch etwas anhalten kann“, sagte Medwedew, schob die Favoritenrolle in seinem zweiten Grand-Slam-Finale am Sonntag (9.30 Uhr MEZ, Eurosport) aber ganz klar Djokovic zu: „Ich habe nicht viel Druck, weil er hier noch nie ein Finale verloren hat.“

Der Serbe sieht das anders. „Er ist momentan der Mann, den es zu schlagen gilt“, sagte Djokovic anerkennend – und er weiß, wovon er spricht. Auf dem Weg zum Titel bei den ATP Finals im November hatte Medwedew auch den Weltranglistenersten glatt in zwei Sätzen bezwungen.

Schon 2019 war der Moskauer ganz nah dran am ersten Major-Titel. Im Finale der US Open musste er sich Nadal nach großem Kampf in fünf Sätzen geschlagen geben. Bereits jetzt steht fest, dass Medwedew am kommenden Montag US-Open-Sieger Dominic Thiem (Österreich) in der Weltrangliste von Platz drei verdrängen wird. Schlägt er auch Djokovic, rückt er sogar an Nadal vorbei auf Rang zwei vor.

Am Freitag zeigte Medwedew nach Meinung von Eurosport-Experte Boris Becker phasenweise „Tennis fast von einem anderen Stern“. Er ließ sich weder von der großen griechischen Fanbase in der Rod-Laver-Arena noch von seinem Erzrivalen Tsitsipas aus der Ruhe bringen.

Medwedew ist eine der interessantesten Erscheinungen auf der Tour

Seit ihrem ersten Aufeinandertreffen 2018 in Miami waren die beiden Jungstars öfter verbal aneinandergeraten. „Ich habe in der Vergangenheit vielleicht mal gesagt, dass er langweilig spielt“, sagte der Grieche vor dem Halbfinale und versuchte, die Wogen zu glätten: „Aber das denke ich nicht wirklich. Er spielt extrem clever.“

Der hochbegabte Medwedew ist eine der interessantesten Erscheinungen der Tour. Der 25-Jährige spricht neben Russisch auch fließend Englisch und Französisch. Zudem besitzt er einen Abschluss einer auf Mathematik und Physik spezialisierten Schule, ist begnadeter Schachspieler. Coach Gilles Cervara verglich seinen Schützling einst mit einem Genie, das man nicht immer verstehen könne.