Dank Pal Dardai: Hertha BSC ist wieder auf Expansionskurs

Berlin - Pal Dardai ist Millionär. Nach über zwanzig Jahren Profifußball müsste er jedenfalls einer sein. Zu seiner aktiven Spielerzeit gab es vielleicht noch keine übertrieben spendablen Oligarchen, Scheichs, Magnaten oder andere Fußballtycoons, und das Durchschnittsgehalt in der Bundesliga lag noch nicht bei zwei Millionen Euro. Aber so, wie man Dardai kennt, hat er genug beiseitegelegt, um auch in Zukunft sorgenfrei durch die gläserne Luke zu schauen, die in seinem Wohnzimmerboden installiert ist und fünfzehn Stufen später in einem formidablen Weinkeller endet. Dreizehn Grad Raumtemperatur, gemauerte Wände, Dardais Schatzkammer. Warum das wichtig ist?

Weil Dardai am Donnerstag und zwei Tage vor dem Auswärtsspiel beim 1. FC Köln Geburtstag hat. 41 Jahre alt ist der Trainer von Hertha BSC geworden, und das Geschenk, das er vom Arbeitgeber bekommen hat, wird seine Weinsammlung sicherlich bereichern. Falls Michael Preetz nicht gegeizt hat beim Einkauf. Doch davon ist nicht auszugehen. Man kennt sich ja lange genug. Die eine oder andere Flasche haben Trainer und Manager gemeinsam geleert.

Was er sich von seiner Mannschaft wünsche, wurde Dardai natürlich auch gefragt beim allwöchentlichen Reportertreff. „Von der Mannschaft gab es drei Punkte gegen Dortmund“, war seine Antwort. Am meisten aber freue er sich auf das gemeinsame Essen mit seiner Ehefrau, seinen drei Söhnen, die bitte pünktlich um sieben am Tisch sitzen sollen. Dann gibt es nämlich ein Gericht, dessen Name sich leider nicht ergoogeln ließ – Wodosch? Wogosch? –, auf jeden Fall ein ungarischer Rinderbraten sein soll. Das ist Dardais Leibspeise. Dazu Kartoffeln, Sellerie und Semmelknödel. Etwa drei Stunden Vorbereitung verlangt dieses Geburtstagsdinner. Stellt man sich so das Leben eines Millionärs vor?

Losung für die Zukunft

Dardai hat sich ein Image zugelegt, dass keine Berateragentur besser hinbekommen hätte. Er gilt als authentisch, ehrlich, fleißig, bodenständig und traditionsbewusst. Er hat einen speziellen Humor und ist in seiner täglichen Arbeit innovativer, als man es von ihm erwartet hatte. Das sind rein zufällig genau die gleichen Attribute, die Hertha BSC für sich beansprucht, aber im Gegensatz zum Trainer ein bisschen Geld ausgeben musste, um darauf zu kommen. Image ist ein wichtiges Thema im Jubiläumsjahr. Ein streitbares vor allem.

Umstritten ist die Kampagne, mit der Hertha viele Fans vor dieser Saison überrascht hat. Umstritten ist das Wort Brandenburg in der Stadionneubaudebatte, ist die Modefarbe Pink, die der Verein auswärts trägt und ausgerechnet im Traditionsduell gegen Leipzig tragen musste. Und auch, dass zunächst nur Funktionäre eingebunden wurden in die Jubiläumsfeierpläne, war ein Streitpunkt, der zum Abbruch der traditionell guten Gespräche zwischen Klubführung und ihrer Basis geführt hat. Kleinigkeiten sind das. Vielleicht. Aber zurzeit haben die Fans nun mal keine große Forderung – wie Streifen auf die Trikots oder Fahne pur –, hinter die sich alle geschlossen stellen würden. Eine größtmögliche Einigkeit herrscht nur dort, wo es um den Sport geht.

Auf Expansionskurs

In nur zwei Jahren ist aus einem Fastabsteiger eine Mannschaft geworden, die sich für den Europapokal empfiehlt (Platz sechs). Die nächsten drei Bundesligaspiele gegen Köln, Hoffenheim und Mönchengladbach werden womöglich darüber entscheiden, ob Platz vier (Qualifikation für die Champions League) ein zu verwegener Traum ist. Wie auch immer: Hertha spielt einen Fußball, der wieder vorzeigbar ist, das sehen die Leute aus der Ferne, jetzt müssten sie halt nur noch Lust auf ein Liveerlebnis im Stadion bekommen.

Die Mannschaft, die ein Trainer nach seinem Ebenbild geformt hat, ist da schon einen Schritt weiter. Ja, die Spieler sind immer noch fleißig und bescheiden, die PR-Agentur Pal Dardai hat da hervorragende Arbeit geleistet. Aber sie sind auch schon der Meinung, das noch mehr möglich ist in den kommenden Jahren. Als Salomon Kalou am Mittwoch seinen Vertrag verlängerte, ließ er ausrichten: „Ich will weiter Teil dieses Projekts sein.“ Und dieses Projekt hat einen inoffizielle Losung, die seit einem Jahr regelmäßig auftaucht. Alexander Baumjohann, März 2016: „Hier kann etwas Großes entstehen.“ John Brooks, November 2016: „Bei Hertha entsteht gerade etwas Großes.“ Niklas Stark, März 2017: „Hier kann etwas Großes entstehen.“

Hertha ist auf Expansionskurs. Sportlich und sprachlich, aber auch wirtschaftlich sind die Sorgen verschwunden. Die Reporterfrage „Ist der neue Sponsor schon da?“ an Finanzvorstand Ingo Schiller ist ein Running Gag. Nach Jahren des Stillstands und Rückschritts geht es wieder nach vorne, nach oben. Und ganz unten, im Dardais Weinkeller, wartet bestimmt auch schon die passende Flasche, um darauf anzustoßen, wenn die Trendaktie Hertha BSC im Jubiläumssommer vielleicht einen neuen Höchststand erreicht. Spätestens dann werden wir noch mal nach dem Rezept für Wodosch oder Wogosch suchen.