BerlinMitte Januar könnte es soweit sein. Tasmania Berlin wird erlöst und darf nach 55 Jahren endlich in Frieden ruhen. Läuft alles programmgemäß, wird am 16. Spieltag Schalke 04 die Berliner als Klub mit den meisten sieglosen Bundesligaspielen in Serie verdrängen. Dabei hat Tasmania einen hohen Standard gesetzt in der Saison 1965/66, den zweiten Platz in der betreffenden Rangliste hat Schalke schließlich schon am Freitag mit dem 1:1 gegen den VfB Stuttgart erreicht: 22 Partien nicht gewonnen, doch bis zu den 31 Fehlversuchen des bedauernswerten Vereins aus, wie könnte es anders sein, Neukölln fehlt noch ein bisschen.

Voller Weisheit: der Spandauer SV

Tasmania hatte einst das Kunststück fertiggebracht, die imposante Serie in eine einzige Saison zu quetschen. Schalke hat für seine Variante immerhin schon zwei Spielzeiten in Anspruch genommen, und lustigerweise war das Schicksal der Gelsenkirchener schon damals eng verknüpft mit den Berliner Unglücksraben. Eigentlich war Schalke nämlich abgestiegen, doch dann wurde Hertha BSC des Betrugs überführt und aus der Liga ausgeschlossen. Dadurch blieb zunächst der Karlsruher SC erstklassig, aber vor allem auf hysterischen Druck der Springerpresse musste unbedingt auch noch ein Berliner Verein in die Bundesliga.

Tennis Borussia ging nicht, der Meister war bereits regulär in der Aufstiegsrunde an Bayern München und Borussia Mönchengladbach gescheitert. Nummer zwei, der Spandauer SV, verzichtete voller Weisheit. Tasmania war nicht so schlau, rief in aller Eile seine Spieler aus dem Urlaub zurück und zimmerte hektisch ein Team zusammen. Nun waren es 17 Bundesligisten, und weil das nicht recht aufging, stockte man auf, Schalke durfte drinbleiben. Tasmania startete furios, mit einem 2:0 gegen den Karlsruher SC vor 81500 Zuschauern im Olympiastadion. Beim nächsten Sieg verloren sich am vorletzten Spieltag an gleicher Stelle ganz ohne Corona noch 2000 Menschen und sahen ein 2:1 gegen Mitabsteiger Borussia Neunkirchen.

Manuel Baum wird eher ungern an solch trübe Episoden erinnert. Der Trainer hat den Horror-Job bei Schalke 04 kürzlich übernommen, weil ihm karrieretechnisch gar nichts anderes übrig blieb, und er ist dauerhaft bemüht, eine Zuversicht zu versprühen, die seine Mannschaft bei den Fans eher nicht zu erwecken vermag. Diese setzen ihre Hoffnung momentan weniger in das eigene Team als in den kommenden Gegner. Am Sonnabend gastiert Schalke bei der Nullpunktecombo Mainz 05. Eine solch gute Gelegenheit, Tasmania wieder in den Orkus ewiger Verdammnis zu stoßen, dürfte so bald nicht mehr kommen. Von „Schlafwagenfußball“ sprach der Mainzer Daniel Brosinski nach dem 1:3 gegen den FC Augsburg und meinte, „man hätte alle elf auswechseln können“. Klingt machbar sogar für die Schalker, abgesehen davon, dass diese zuletzt einige Partien hatten, bei denen man alle elf sowie die Auswechselspieler hätte auswechseln können.

Hinter sich gelassen hat Baums Mannschaft am Freitag übrigens Blau-Weiß 90 Berlin, Dynamo Dresden und den 1. FC Kaiserslautern, die jeweils Serien von 21 sieglosen Spielen auf dem Kerbholz haben. Womit wir beim 1. FC Köln wären. Dieser nämlich ist Schalke 04 auf den Fersen, das 1:2 gegen den FC Bayern war das 16. Match der Rheinländer ohne dreifachen Punktgewinn. Erstmals in der Geschichte der Bundesliga gibt es gleichzeitig zwei derartige Dauerversager zu bestaunen.

Noch staunenswerter ist jedoch die Tatsache, dass der Trainer beim 1. FC Köln, wo der Geduldsfaden traditionell eher einer Zündschnur gleicht, nach wie vor Markus Gisdol heißt. Niemals zuvor hat ein Coach beim FC eine solche Pleitenkette überstanden, Peter Stöger erwischte es 2017 nach 14 sieglosen Partien, und das, obwohl er den Klub eine Saison zuvor glorios in den Europacup geführt hatte. Gisdol wiederum hatte die Kölner in der vergangenen Spielzeit aus einem schweren Tief geholt, erwies sich danach aber ebenso als typischer Vor-Corona-Trainer wie der entlassene Schalker David Wagner. FC-Geschäftsführer Horst Heldt ist dennoch von Gisdol überzeugt, der sei „stressresistent“. Das zumindest war auch Heinz-Ludwig Schmidt. Dieser übernahm damals nach zwölf Spieltagen das Traineramt bei Tasmania Berlin – bis zum bitteren Ende am 34. Spieltag, einem 0:4 auf Schalke.