Peking - Es war Abend und längst dunkel geworden, als der Marsch der Freiwilligen auf der Medaillen-Plaza von Peking erstmals feierlich ertönte. Ganz oben auf dem Podest standen Chinas neue Olympiahelden, stolz sangen sie hinter ihren roten Masken die Nationalhymne des hochumstrittenen Gastgebers der Winterspiele. Die Mixed-Staffel der Shorttracker hatte schon am ersten Wettkampftag für die erste Goldmedaille gesorgt und einem Riesendruck standgehalten.

Fan Kexin und Wu Dajing, zwei der Stars der chinesischen Mannschaft, sowie Ren Ziwei, Qu Chunyu und Zhang Yuting verdienten sich mit der Leistung bei der olympischen Premiere des neuen Formats Lob von hoher Stelle. Vizeministerpräsidentin Sun Chunlan gratulierte im Namen des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas sowie des Staatsrats. Das Soll ist erfüllt. Nach Goldmedaillen ist das Ergebnis der Winterspiele 2018 in Südkorea bereits egalisiert.

Der Rolle als Mitfavorit war das Quartett gerecht geworden. Fan und seine Teamkollegen hatten sich im Finale vor Italien und Ungarn durchgesetzt. Die Bilder des ausgelassenen Jubels mit chinesischer Flagge auf dem Eis waren ein Dauerbrenner im TV – und sollen sich schnellstmöglich wiederholen.

Shorttrack-Trainer aus aller Welt eingekauft

Von einer „großen Erleichterung“ sprach Wu. „Zwölf Jahre“, meinte die zehnmalige Weltmeisterin Fan, habe sie auf Olympiagold warten müssen: „Jeden Tag haben wir das Training mit Blut in der Kehle beendet. All die Anstrengungen waren es wert. Wir haben es geschafft“, so Fan, die pflichtbewusst der Führung des Verbandes dankte.

Denn die hat für den Erfolg tief in die Tasche gegriffen. Internationales Fachpersonal sollte die Lücke zur Shorttrack-Supermacht Südkorea verkleinern. „Sie haben super viele Trainer aufgekauft“, sagte Anna Seidel. „Teils“, so die einzige deutsche Shorttrackerin in Peking, hätten sich „fünf Trainer gegenseitig im Weg“ gestanden: „Hauptsache, die anderen hatten die Trainer nicht mehr.“

Shorttrack genießt in Asien große Popularität, auf dem Eis ist China konkurrenzfähig. In vielen traditionellen Wintersportarten droht den Gastgebern dagegen ein Debakel. Ski-Freestylerin Eileen Gu ist eine der wenigen Ausnahmen.

Den Druck auf alle chinesischen Starter dürfte das Shorttrack-Gold derweil kaum verringern. Vor dem Start der Winterspiele hatte Staatschef Xi Jinping im nationalen Trainingszentrum von Peking den versammelten Sportlern und Sportlerinnen doch eindrücklich ins Gewissen geredet. „Nur jene, welche der klirrenden Kälte standhalten“, rezitierte Xi ein Gedicht, „dürfen sich später am Duft der Pflaumenblüte erfreuen“. Davon können die Shorttracker nun zumindest berichten.