Wird der Anfänger Matthias Roch treffen? Die Spieler und Spielerinnen vom Hellersdorfer Dartverein sind skeptisch.
Foto: Gerd Engelsmann 

BerlinDas Sportgerät ist etwas größer als ein Bleistift: gut 25 Zentimeter lang und bis zu 50 Gramm schwer. Ein Präzisionsgerät, mit dem es Typen, die sich „Mighty Might“, „The Flying Scotsman“ oder „Jackpot“ nennen, zu Weltruhm brachten. Sie sind die Stars des Darts, Leistungssportler mit Bauchansatz.

Derzeit findet im Londoner Alexandra Palace die Weltmeisterschaft der fliegenden Pfeile statt. Bis zu 3000 Zuschauer füllen die liebevoll Ally Pally genannte Location und machen die Veranstaltung zu einer Mischung aus Fasching und Oktoberfest. Hier gibt es Pints und Pimm’s im Überfluss, die Sperrstunde wird außer Kraft gesetzt, man steckt sich in allerlei absurde Kostüme.

Und mittendrin stehen die Pfeile werfenden Großmeister der Konzentration, die sich durch nichts und niemanden ablenken lassen. Wahnsinn. Wer sich dieses feucht-fröhliche Tohuwabohu aus sicherer Entfernung anschauen will, sollte Sport 1 einschalten. Bis zum 1. Januar laufen die Übertragungen der aktuellen Weltmeisterschaft.

Zum Selbstversuch ins Café Lexy

Auch mich kribbelt es in den Fingern. Ist das alles nur Party oder doch Sport? Ich will Darts selbst ausprobieren. Bei einer Recherche im Netz erfahre ich, dass es in der Hauptstadt 5000 Dartsspieler gibt und dass es mit den Vikings aus Neukölln immerhin eine Mannschaft in die Bundesliga geschafft hat. Aber soll ich wirklich bei einem Bundesligisten eine Trainingsstunde absolvieren? Das traue ich mich dann doch nicht. So fällt meine Wahl auf den Osten dieser Stadt.

Der Hellersdorfer Dartverein lädt mich ins Café Lexy am Cottbusser Platz ein. Das Vereinslokal ist eine Cocktailbar, eingerahmt von fünfgeschossigen Plattenbauten und einer Penny-Kaufhalle. Einige Anwesende haben sich für den Besuch richtig schick gemacht. Sie tragen die Vereinskleidung. Pokale auf Regalen künden von Erfolgen. Ein Riesendartspfeil aus Holz hängt von Decke.

Vereinschefin in Aktion: Helga Ruschinski zeigt, wie der Pfeil zu halten ist.
Foto: Gerd Engelsmann

Vereinschefin ist Helga Ruschinski. „Los, Helga, zeig dem Neuling mal, wie er den Pfeil zu halten hat“, ruft jemand aus dem Hintergrund. „Am besten wie einen Kugelschreiber“, lautet Helga Ruschinskis Anweisung. Leider ist die Rentnerin etwas in Eile. Sie entschuldigt sich mit einem „Auswärtsspiel“ in Ahrensfelde und übergibt mich in die Obhut von Michael Sielaff.

Steel-Darts-Variante für Anfänger

Der 56-Jährige führt als Kapitän zwei Mannschaften durch die Berliner Liga. Sielaff gilt auch als Entdecker von Martin Schindler, der als „The Wall“ in den vergangenen zwei Jahren an den WM im Ally Pally teilnahm. Die derzeit große Jugendhoffnung der Hellersdorfer Dartsszene heißt Leonie Lotzmann. Stolz präsentiert die Elfjährige ihre Medaille für den dritten Platz der Berliner Stadtmeisterschaft. Ich stehe also auf einem für den deutschen Dartssport sehr fruchtbaren Boden.

Junges Talent: Leonie Lotzmann ist elf Jahre alt und auf dem Weg nach oben.
Foto: Gerd Engelsmann

Eigentlich würde ich nun gern mit einem Spiel an einem E-Darts-Automaten starten. Trainer Michael Sielaff rät ab und empfiehlt mir als Anfänger die Steel-Darts-Variante auf eine Scheibe aus Sisal. Dabei ließe sich das Trefferbild besser analysieren. Auch werde Steel-Darts meine Rechenleistung verbessern. Leonie macht’s vor. Wenn ich sehe, in welcher Geschwindigkeit sie die Ergebnisse multipliziert, addiert und dann subtrahiert, möchte ich Eltern, deren Kinder Probleme mit dem kleinen Einmaleins haben, zurufen: „Schickt die lieben Kleinen zum Darts.“ Schülerhilfe an der Scheibe.

Mir hingegen ist die ganze Mathematik schon jetzt ein wenig zu viel. Ich will Sport, aber es hilft nichts. Da stehe ich nun mit der Kugelschreiber-Pfeilehaltung an der Markierung. Mein Ziel hängt exakt in einer Höhe von 1,73 Metern. Ich werfe drei Pfeile. Zwei von ihnen landen auf dem Boden. Der dritte schafft es zwar bis ins Ziel, aber außerhalb des Zählbaren. Ich habe den Eindruck, dass im Café Lexy eine besonders starke Erdanziehungskraft wirkt. Was natürlich Blödsinn ist.

Der Rat des Trainers: Übung und Automatismus

„Du hast keine richtige Kontrolle“, sagt Michael Sielaff. „Bring mehr Finger an den Pfeil“, rät der Trainer. Ich folge der Anweisung, und es klappt etwas besser. Die Pfeile landen nicht mehr auf dem Boden. Das Entscheidende sei, dass die Würfe immer in gleichmäßiger Form ausgeführt werden. Der Pfeil sollte immer gerade die Finger verlassen. Nach vielen Stunden Üben werde sich ein Automatismus in der Wurfbewegung einstellen, erklärt Sielaff. Beim idealen Wurf dürfe sich wirklich nur der Wurfarm bewegen, der Oberkörper nicht.

Für einen Grobmotoriker, wie ich einer bin, ist das alles nur sehr schwer zu verstehen und anzuwenden. Mein Trainer gibt mir den Tipp, mich anders hinzustellen. Nicht mit dem Oberkörper zur Scheibe, sondern im rechten Winkel zu ihr. Ich versuche es, und es klappt etwas besser. Letztendlich bin ich froh, dass ich nach einer Stunde Stahlpfeilwerfen nicht allen Putz um die Scheibe herausgebrochen habe. Zum Rechnen bin ich während des Trainings nicht gekommen. Viel zu rechnen gab es aber auch nicht.

Treffpunkt Café Lexy


Ort: Die Pfeile im Präzisionssport Darts fliegen im Osten der Stadt im Café Lexy. In einem separaten Raum der Cocktailbar hat der Dartverein Hellersdorf seine Spielstätte. Cottbusser Platz 30, 12627 Berlin.

Verein: Zurzeit hat der Verein 70 Mitglieder. Vier Mannschaften spielen im Steel-Dart in der Berlin-Liga. Für den  Jugendbereich wird noch nach zielsicherer Unterstützung gesucht. Weitere Information unter: http://dv-hellersdorf.net

Turnier: Wer sich einmal im Darts ausprobieren möchte, ist am 25. Dezember zu einem Turnier ins Café Lexy eingeladen.
Beginn: 20 Uhr. Gebühr: 10 Euro.
Michael Sielaff bittet um vorherige Anmeldung: 0157 34 65 10 69

Trainer vs. Lehrling: Wer das Spiel wohl gewinnt?

Die nächste Station ist die elektronische Variante des Spiels, das E-Darts. Hier zeigt die Maschine nach jedem Wurf den Spielstand an. Gut, denke ich, rechnen muss ich nicht. Bei jedem Treffer ertönt eine Melodie.

Ehe es losgeht, steht auch ein Pfeilwechsel an: Plastik statt Stahl. Die Metallpfeile würden den Automaten zerstören, sagt Michael Sielaff.   Tatsächlich komme ich mit den 18 Gramm leichten Kunststoffpfeilen besser zurecht. Nach neun Versuchen liege ich vor ihm. 286 Punkte stehen auf meinem Konto. Michael Sielaff hat einen Rückstand von 24 Zählern. „Ich sollte dich im Auge behalten“, lobt Sielaff. Doch das Spiel ist noch nicht zu Ende und Sielaff herausgefordert.

Er nimmt auf der Scheibe einen höchstens drei Quadratzentimeter großen Streifen ins Visier, wirft und verfehlt das Zeil um wenige Millimeter. Während Sielaff sauer ist und flucht, bin ich tief beeindruckt und auch ein bisschen entmutigt. Fehler schleichen sich ein. „Steh gerade“, mahnt der Trainer. Aber die Korrekturen an meiner Körperhaltung kommen zu spät, der Trainer gewinnt das Spiel. Die Melodie erklingt.

Ich werde mich nun erst mal dem bunten Treiben im Alexandra Palace widmen – im Fernsehen. Und im kommenden Jahr werde ich zurückkehren zu Michael Sielaff und dem Hellersdorfer Dartverein im Café Lexy – als Sportler mit Bauchansatz. Und ich werde gewinnen.