Wenn Max Hopp bei der Darts-WM in London weit kommen will, muss er mental stark sein.
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LondonEs wird wieder laut im Norden Londons. So gegen 20 Uhr dürfte morgen Abend erstmals in diesem Winter der Song Freed From Desire aus den Boxen des Alexandria Palace dröhnen. Wenig später wird dann die unendlich raue Stimme von Russ Bray ein unendlich langgezogenes Oooonehuuuundreeeedandeeeeighty verlauten lassen: drei Treffer, 180 Punkte. Während auf der Bühne dann ein Dartprofi die Hand zur Faust ballt, werden im Publikum Prinzessinnen, Polizisten, Tiere, Promis aller Art, werden fantasievoll kostümierte Fans in eine Mischung aus angeheitertem Gebrüll und euphorischem Jubel ausbrechen.

Vom morgigen Freitag an bis zum Neujahrstag findet im Londoner Alexandria Palace, besser bekannt als Ally Pally, die Darts-WM 2020 statt. Zweieinhalb Wochen lang messen sich dort die besten Dartsprofis weltweit und spielen um ein Preisgeld von insgesamt 2,5 Millionen englischen Pfund. Aber nicht nur das: Im Zusammenspiel mit den feierwütigen Zuschauern dürften die Profis den Ally Pally wie jedes Jahr für zweieinhalb Wochen in ein Tollhaus im dauerhaften Ausnahmezustand verwandeln.

Drei Deutsche unter 96 WM-Teilnehmern

Einer, der bereits einiges an Erfahrung in diesem Tollhaus sammeln durfte, ist Max Hopp. Der Wiesbadener ist in diesem Jahr einer von drei deutschen Akteuren im 96 Spieler starken Teilnehmerfeld. Während schon der Umstand, dass Hopp mit seinen gerade mal 23 Jahren bereits seine siebte WM spielt, für dessen Qualität spricht, tut dies auch noch ein weiterer Fakt: Hopps 24. Rang in der Weltrangliste. Noch nie ist ein deutscher Spieler von einer höheren Position in die WM gestartet.

Bis es soweit ist, muss Hopp sich allerdings noch ein wenig gedulden. Aus dem ganz einfachen Grund, dass die 32 top-gesetzten Spieler erst in der zweiten Runde in das Turnier einsteigen. Anders ergeht es da den weiteren Deutschen im Teilnehmerfeld, Gabriel Clemens und Nico Kurz. Sie beginnen am kommenden Mittwoch jeweils in der ersten Runde. Für Nico Kurz geht es dann gegen den Engländer James Wilson, Gabriel Clemens muss gegen den Niederländer Benito van de Pas ran. Während für Kurz allein die WM-Qualifikation ein riesiger Erfolg war, macht Clemens sich durchaus Hoffnung auf mehr.

Der deutsche Darts-Präsident Michael Sandner hofft positive Effekte hierzulande durch die WM in London.
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Der 36-Jährige bildet zusammen mit Max Hopp dieser Tage die Leistungsspitze des deutschen Dart. Hopp ist hierbei das unbestritten größere Talent und kann bereits mit einigen Erfolgen wie dem EM-Halbfinale 2018 und dem Sieg der German Darts Open 2018 aufwarten. Allerdings tat sich der zugegebenermaßen sehr junge Profi zuletzt noch schwer, endgültig in die Weltspitze vorzudringen. Clemens hingegen hat jüngst das mit Abstand beste Jahr seiner Darts-Karriere gespielt und so auf sich aufmerksam gemacht.

Bemerkenswert ist dies, weil die beiden Deutschen, sollte Clemens ein Auftaktspiel gewinnen, bereits in der zweiten Runde aufeinanderträfen. „Das wäre mit Sicherheit ein sehr spannendes Spiel“, sagt Michael Sandner. Er muss es wissen. Seit 2018 amtiert er als Präsident des Deutschen Dart-Verbandes (DDV). Spricht man mit ihm über die bevorstehende WM, wird deutlich, welch hohen Stellenwert das Turnier für die Sportart hat.

Sandner spricht von einer langen Tradition und der großen Begeisterung der Zuschauer, die „das Turnier zu einem so besonderen machen.“ Der DDV-Präsident weiß außerdem um das Potenzial der WM, neue Leute für Darts zu begeistern, Zuschauer und vielleicht auch das eine oder andere Talent. „Du kannst dir jedes Spiel live anschauen und bekommst dabei eine großartige Stimmung vermittelt“, sagt der DDV-Präsident. Hinzu kommt, dass sowohl der Sport selbst als auch der Zugang zu ihm einfacher kaum sein könnten. „Darts ist nicht schwer. Die Spieler werfen von 501 runter und beenden mit einem Doppelfeld. Das war's“, so Sandner.

Max muss es schaffen, sein eigenes Spiel zu spielen

Michael Sandner

Von 501 runter werfen und mit einem Doppelfeld beenden: den Punktestand von 501 auf Null reduzieren und zum Abschluss in ein Doppelfeld treffen, das ist also das Ziel der diesjährigen WM-Teilnehmer. Gelingt einem Spieler dies vor seinem Kontrahenten, gewinnt er ein Leg. Drei gewonnene Legs wiederum ergeben einen Satz-Sieg. Nachdem in der ersten Runde drei solcher Sätze zum Weiterkommen benötigt werden, erhöht sich diese Zahl im Turnierverlauf immer weiter. Im Finale am Neujahrstag werden schließlich sieben gewonnene Sätze zum Titelgewinn erforderlich.

Favorit auf diesen Titelgewinn ist auch in diesem Jahr der Titelverteidiger Michael van Gerwen. Dieser hat zwar mit Spielern wie Rob Cross, Gerwyn Price oder Peter Wright sehr fähige und erfahrene Widersacher, ist aber dennoch der derzeit unumstritten beste Dartsspieler der Welt. „Je länger das Turnier dauert und je mehr Sätze es pro Spiel gibt, desto schwerer wird es, ihn zu schlagen“, sagt Michael Sandner.

Frühestens im Viertelfinale gegen Van Gerwen

Eine Erfahrung, die auch Max Hopp bereits machen musste. Mit 1:4 unterlag der Deutsche dem Niederländer bei der letztjährigen WM in Runde drei. Umso besser erscheint es da, dass Hopp dieses Jahr frühestens im Viertelfinale auf Van Gerwen treffen würde. Ob das Erreichen dieses Viertelfinales für Hopp realistisch ist, wird sich zeigen.

Fragt man Michael Sandner, was nötig ist, damit Hopp es in diesem Jahr weiter schafft als bei der letztjährigen WM, spricht der Präsident von der vielzitierten Kopfsache. „Max muss es schaffen, sein eigenes Spiel zu spielen“, sagt Sandner: „Er muss es schaffen, in diesen Tunnel zu kommen, in dem man sich nur noch auf das eigene Spiel konzentriert.“ Mit tausenden laut singenden und oftmals zumindest angetrunkenen Giraffen, Panzerknackern und Politikern im Hintergrund ist dies zweifelsohne leichter gesagt als getan.