Blond kickt gut? Claudio Pizarro muss bei Werder Bremen den Beleg dieser These derzeit schuldig bleiben. Gegen Leipzig sah der 41-Jährige zu.
Foto: Imago Images/Jan Hübner

Berlin - Einen Joker zu besitzen, ist etwas Wunderbares. Vorausgesetzt, man wendet ihn auch an. So wie Borussia Dortmund in der Bundesliga früher mal Paco Alcácer, Bayern München ein paar Mal den niederländischen Instantknipser Joshua Zirkzee oder der SC Freiburg lange Zeit Nils Petersen. Und dann gibt es da natürlich den König aller Joker, Claudio Pizarro. Fünf Tore hat er noch vergangene Saison nach Einwechslungen erzielt, zwei vorbereitet. Damit war der Peruaner wesentlich daran beteiligt, dass Werder Bremen sich europapokalreif dünkte, als es in die neue Spielzeit ging. Nun steckt der Klub tief im Abstiegskampf, und Pizarro sitzt. Am Sonnabend beim 0:3 in Leipzig hätten die in diesem Jahr noch torlosen Bremer einen kleinen Treffer gut gebrauchen können, doch Trainer Florian Kohfeldt ließ seinen altgedienten Ergebnisretter weiter sitzen, er brachte als Angreifer Josh Sargent und Johannes Eggestein, beide zusammengenommen ein Jahr jünger als Pizarro.

Pizarro sagt, er sei topfit

Das war gemein, aber folgerichtig. Schließlich spielte sich das Geschehen meist weit entfernt vom gegnerischen Strafraum ab, dem natürlichen Habitat des 41-Jährigen, zum anderen hat ihm Kohfeldt erst 199 Minuten Einsatzzeit in dieser Saison gegönnt. Das ist selbst für einen Mann, der 197 Bundesligatore auf dem Kerbholz hat, ein bisschen wenig, um effektiv zu sein. Dabei erlebt Pizarro doch gerade seinen werweißwievielten Frühling. Und einen besonders beschwingten dazu, sieht man mal vom fußballerischen Erfolg ab. Topfit sei er, sagt er selbst, und in der Hinrunde präsentierte sich der älteste Bundesligaprofi rotzfrech mit einer Frisur, wie sie sonst U17-Nationalspieler tragen, oder die Leipziger, wenn gerade mal ein Starfriseur vorbeigeflogen kam.

BLZ/Mike Fröhling
Bundesliga-Kolumnist

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Und dann begann sich Pizarro auch noch zu benehmen wie ein ungebärdiger Jugendlicher. Ein entspanntes Urlaubsselfie von den thailändischen Phi-Phi-Inseln mit Bierdose im festen Griff postete er teenagerhaft in den sozialen Medien. Hatte wohl nicht gedacht, dass bei Werder jemand Instagram kennt, aber vermutlich hat einer aus der U17 gepetzt. Entsetzen und die Empörung bei Kohfeldt und Geschäftsführer Frank Baumann schlugen hohe Wellen, darüber habe er nur gelacht, sagte Pizarro nicht übermäßig diplomatisch. Und als er dann nach dem 0:2 gegen Union Berlin und einer weiteren Mini-Einsatzzeit auch noch vom Platz stapfte, ohne den rituellen Mannschaftskreis mit Kohfeldt oder die Fans eines Blickes zu würdigen, war die Pizza-Krise in Bremen perfekt.

Ins vor dem Leipzig-Spiel anberaumte Leipziger Sondertrainingslager durfte Pizarro trotzdem mit. Derartige Maßnahmen sind meist das erste Anzeichen von Kapitulation und tragen selten zur Stabilisierung bei. Unter anderem hatte der Trainer angekündigt, konkrete Handlungsanweisungen zu geben, was die Spieler nach Gegentoren oder anderen Rückschlägen tun sollen. Böswillige Menschen könnten einwenden, dass es vielleicht besser wäre, konkrete Handlungsanweisungen zu geben, wie man Gegentore und andere Rückschläge vermeiden kann, aber bei 51 kassierten Treffern kann man den Bremern einen gewissen Realismus nicht absprechen.

„Wir sind hier als 17. hingefahren gegen eine Mannschaft, die um die Meisterschaft spielt“, sagte Kohfeldt nach dem 0:3 in Leipzig, was die Frage aufwirft, wieso man die Wunderheilung per Trainingslager ausgerechnet vor dieser Partie probierte. Klar ist, dass die Kohfeldtsche Rezeptur einen Einsatz von Claudio Pizarro nicht vorsah. Der war vor exakt einem Jahr noch groß gefeiert worden als ältester Torschütze der Bundesliga, doch nun gerät sein fünftes Engagement bei Werder Bremen zunehmend zur Tortur.

Apropos Tortur, für Felix Magath hat Pizarro auch mal ein paar Jährchen gespielt, in grauer Vorzeit bei den Münchner Bayern, ebenfalls meist als Joker. Man darf davon ausgehen, dass die Konditionsbolzerei des berüchtigten Medizinballfreundes den Peruaner nicht sonderlich beglückte, dafür aber sicherlich die Herangehensweise an Trainingslager. „Wenn einer mit drei Sherry besser läuft, soll er das machen“, sagte Magath mal vor einer Reise mit dem VfL Wolfsburg ins alkoholreiche Jerez de la Frontera. „Und wenn einer besser spielt, kriegt er sie von mir.“ Ein paar Monate später war Wolfsburg Meister.