Ralf Minge, Sportgeschäftsführer bei Dynamo Dresden. dpa/Robert Michael

BerlinZwölf Zeilen umfasst die Erklärung. Der Aufsichtsrat von Dynamo Dresden teilt darin mit, dass das Ende der Ära Ralf Minge, dem Sport-Geschäftsführer des Zweitligisten, bevorsteht. Der Vertrag des 59-Jährigen endet zum 30. Juni 2020.

Diese Entscheidung bedeutet einen tiefen Einschnitt für Dynamo und für den Manager selbst. Minge ist viel mehr als nur der langjährige Sportchef des Traditionsvereins. Er war zu DDR-Zeiten als schlaksiger Torjäger und unermüdlicher Kämpfer ein Liebling der Fans. Er hat sich später als Manager und Geschäftsführer enorme Verdienste um Dynamo erworben und im täglichen hektischen Getriebe auch seine Gesundheit aufs Spiel gesetzt. In 222 Oberliga-Spielen traf Minge 103 Mal für die Gelb-Schwarzen, wurde zweimal DDR-Meister und dreimal Pokalsieger. Dazu kommen 34 Einsätze im Europacup. Viel mehr Dynamo geht nicht.

Und nun? „Dynamo ohne Minge? Wie soll das gut gehen?“ fragen Fans in den sozialen Netzwerken, wo heftig diskutiert wird. Der neunköpfige Aufsichtsrat ist der Meinung: „Nach mehr als sechs sportlich und finanziell als historisch zu betrachtenden aber auch kräftezehrenden Jahren bestand für beide Seiten nun nicht mehr die volle Überzeugung, den bisherigen Weg in der bestehenden Form gemeinsam fortsetzen zu wollen.“

Für Dynamo Dresden kommt diese brisante Personalie zur Unzeit. Die Mannschaft kehrte als letztes Team der beiden höchsten deutschen Profiligen in den Spielbetrieb zurück. Am Pfingstsonntag, 84 Tage nach dem letzten Punktspiel, unterlag sie unter Trainer Markus Kauczinski 0:2 gegen den VfB Stuttgart. Nach vier positiven Corona-Tests war die Mannschaft vom Dresdner Gesundheitsamt komplett in eine zweiwöchige Quarantäne geschickt worden. Der Wettbewerbsnachteil ist nicht zu übersehen.

Es scheint realistisch zu sein, dass Minge den Verein als Absteiger in Liga drei verlassen muss.  Der Vorwurf an den Manager lautete dennoch, er habe einen schlecht besetzten Kader zusammengestellt, viel zu lange an seinem Lieblingstrainer Cristian Fiel festgehalten und zu wenig Geld in Beine investiert. Minge räumte Fehler ein und korrigierte mit sechs neuen Profis in der Winterpause seinen Sparkurs ein wenig. Einst hatte er gar sein Schicksal mit dem von Fiel, „seinem Trainer-Projekt“, so Minge, verbunden. Daran gehalten hat er sich aber nach der überfälligen Trennung von Fiel nicht.

Bereits im November vorigen Jahres soll Minge dem Aufsichtsrat seinen Abschied für den 30. Juni 2020 angekündigt haben. „Ralf war selbst in Zweifel, ob er weitermachen solle oder nicht. Er geht auf die 60 zu und seine Gesundheit war nach dem Burn-Out im Frühjahr 2018 angeschlagen“, berichtete ein ehemaliges Ratsmitglied dieser Zeitung. Minge hatte damals viele Signale seines Körpers ignoriert. Er sagte: „Das ist wie im Auto, wenn das Display blinkt, weil eine Durchsicht fällig ist. Wenn man es überklebt, sieht man es nicht.“

Wegen der Corona-Krise bot Minge aber zuletzt an, bis 31. Dezember weiterzumachen, der Aufsichtsrat wollte ihn ursprünglich nur bis September im Amt belassen, um auch einen Nachfolger finden zu können. Es kam zu keinem Kompromiss.

Als Minge, der von 2007 bis 2009 Sportchef war und erneut seit Februar 2014 die Verantwortung trägt, im Jahr 2018 vier Monate wegen eines Burn-Outs pausieren musste, wollten ihn einige Führungskräfte aus dem Amt drängen. Damals stellten sich die Ultras, Dynamos einflussreichste Gruppe in der vielfältigen Fanszene, geschlossen hinter Minge. „Ralf Minge – unantastbar“ hieß es auf einem riesigen Spruchband im Stadion.

Minge, der bei der Trainerwahl nicht immer richtig lag, ist maßgeblich an der Entschuldung von Dynamo beteiligt. 9,4 Millionen Euro betrug zum 30.06.2019 das Eigenkapital, was in der aktuellen Krise von großer Bedeutung ist.

Einer, der Minge sehr gut kennt, ist Reiner Calmund, der ehemalige Manager von Bayer Leverkusen. Von 2000 bis 2005 war Minge bei Bayer in den verschiedensten Positionen tätig. „Man sollte Ralf bei seinem Standing in der Stadt und mit seinen Kontakten später bei Dynamo irgendwie einbinden“, sagte Calmund dieser Zeitung. „Er hat überall einen erstklassigen Job gemacht und ist ein charakterstarker Mensch.“

In vier Wochen kann sich der ehemalige Mittelstürmer vermehrt seiner Familie widmen und viel für seine Gesundheit tun, etwa wie zuletzt bei Läufen entlang der Elbe. Ob und wie er vom Fußball lassen kann, ist ungewiss. Er sagte einmal zu den Mitgliedern: „Ich lebe Dynamo, aber ich bin nicht Dynamo!“