Albas Cheftrainer Aíto García Reneses und der passende Kommentar zu seiner Vertragsverlängerung.
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BerlinIn den sozialen Netzwerken überboten sie sich in punkto Geschwindigkeit. Jeder wollte der Erste sein, als es darum ging, die Meldung in der gesamten Basketball-Welt zu verbreiten: die Meldung, die Alba Berlin am Freitag, kurz vor 11 Uhr, per Pressemitteilung verschickt und auf der eigenen Homepage veröffentlicht hatte. Und es dauerte nicht lange, bis es zu den zahlreichen Meldungen auch Kommentare gab. Fans, die die frohe Botschaft feierten, die Zusage von Aíto García Reneses für ein weiteres Jahr in der deutschen Hauptstadt, als wäre Alba zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen Deutscher Meister geworden. Und was machte der so gefeierte Headcoach? Gar nichts. Zumindest nicht auf seinem Instagram-Account. Keine Story oder Verlinkung, kein Bild, kein Kommentar. 

Einfach nichts. In seiner gewohnt locker lässigen und ihm ganz eigenen Art hatte der 73-jährige Spanier drei Tage zuvor ein Landschaftsfoto aus Altea auf seinem berühmten Instagram-Account gepostet. In den Tagen davor waren es Fische, Schmetterlinge, Fallschirmspringer sowie weitere Landschaften, die seine Aufmerksamkeit erregten und zu Fotomotiven wurden, die er mit seinen Followern teilte. Die ganze Sommerpause hindurch hatte Coach Aíto mit seinen Fotos seine Urlaubsdomizile dokumentiert und andere über eine Fortsetzung seiner Trainerkarriere in Berlin diskutieren lassen.

Die Verlängerung des Vertrages erhält dem Berliner Europaligisten das höchste Gut im Kampf gegen die oftmals finanziell besser gestellte Konkurrenz: Mit Kontinuität bewahrt sich Alba die Wettbewerbsfähigkeit auf höchstem internationalen Niveau. Die ist nicht von  Einzelpersonen abhängig, profitiert aber jetzt von Reneses’ Bleiben, und damit einem langsamen Übergang. Denn als solcher ist das verlängerte Engagement des Trainer-Routiniers zu werten.

In dieses Konzept passt, dass der bisherige Assistenztrainer Israel González, 45, zum Associate Headcoach aufsteigt. Sein Vertrag wurde für die neue Funktion um zwei Jahre verlängert. Er wird im operativen Geschäft noch stärker eingebunden sein als ohnehin schon. So wird González bei Auswärtsfahrten den Cheftrainer an der Seitenlinie vertreten, wird dem Senior die langen Busfahrten nach Vechta oder Oldenburg ersparen.

Kopf der sportlichen Leitung bleibt Himar Ojeda, der Sportdirektor, der in den zurückliegenden Wochen den Um- und Aufbau des Kaders für die kommende Saison maßgeblich vorantrieb. „Wir haben mit unseren Neuverpflichtungen und den verbliebenen Spielern ein vielversprechendes Team zusammengestellt, von dem ein wichtiger Kern unsere Philosophie in den letzten Jahren verinnerlicht hat“, sagt Ojeda. „Er findet mit seiner Art, seiner Expertise und seiner großen Erfahrung Wege, jeden Spieler besser zu machen.“

Jayson Granger, Maodo Lo, Louis Olinde, Ben Lammers und Simone Fontecchio sind die Neuen, die neben der Perspektive, mit Alba in der Euroleague spielen zu können, sich vor allem auch wegen Reneses für die Berliner entschieden haben dürften. Denn von dem enormen Erfahrungsschatz und dem Fingerspitzengefühl des Spaniers haben schon Generationen von Basketballern profitiert, was sich in der Szene herumgesprochen hat.

„Wir haben es mit Alba geschafft, eine Situation herzustellen, in der Spieler nur gehen, wenn sich dadurch ihr Leben verändert – entweder sportlich oder finanziell“, hat Sportchef Ojeda im Interview mit dieser Zeitung gesagt. „Alle Leistungsträger, die uns diesen Sommer verlassen haben, verdienen bei ihren neuen Klubs mindestens doppelt so viel wie bei uns oder haben ihr Gehalt sogar verdreifacht.“ Die Schlüsselspieler Landry Nnoko (Roter Stern Belgrad), Rokas Giedraitis (Saski Baskonia) und Martin Hermannsson (Valencia Basket) konnten den Verlockungen nicht widerstehen. Doch das neue Personal dürfte ihnen mit seinem spielerischen Potenzial in nichts nachstehen. Potenzial, das Reneses und Kollegen nun fördern werden.

An diesem Sonntag werden die letzten Profis in Berlin erwartet, ehe in der kommenden Woche das Mannschaftstraining beginnt. Die Saison startet schließlich im Oktober. Es bleibt somit genug Zeit für Reneses, González und den Rest des Trainerteams, neue Automatismen im Team zu etablieren. Das ist deutlich mehr als in den vergangenen Jahren, als Nationalspieler Verpflichtungen außerhalb des Klubteams hatten. 

Identifikation mit dem Programm

Alle Zeit der Welt hatten sie wiederum bei Alba Berlin dem Cheftrainer für seine Entscheidungsfindung gegeben, und Reneses hat sie fast bis zum Trainingsauftakt ausgekostet. Nicht etwa, weil er die Gerüchte um seine Person mag und zusätzlich befeuern oder sich gar in eine bessere Verhandlungsposition bringen wollte. Nein, das hat der spanische Erfolgscoach nicht mehr nötig. Er muss nicht mehr an der Seitenlinie stehen. Er möchte das tun, wenn er von einem Projekt, von der Sache überzeugt ist. 

Langjährige Wegbegleiter sagen, dass Aíto García Reneses mittlerweile viele Dinge aus dem Bauch heraus entscheidet. Dennoch wird er sich in den vergangenen Wochen hin und wieder auch mal Gedanken darüber gemacht haben, wie sehr ihn die Aufgabe in Berlin noch reizt. Das Ergebnis dieser Überlegungen las sich am Freitag um kurz vor 11 Uhr so: „Ich fühle mich bei Alba sehr wohl und identifiziere mich mit dem Programm und den beteiligten Personen. Ich freue mich darauf, wieder täglich mit den Spielern daran zu arbeiten, besser zu werden und das Maximum aus ihnen herauszuholen.“ Reneses macht weiter. Eine gute Nachricht für alle Beteiligten.