Berlin - Vor acht Monaten war nicht einmal sicher, ob Fabio Jakobsen die nächste Nacht überstehen würde. In einem polnischen Krankenhaus lag der niederländische Radprofi damals, nach einem der fürchterlichsten Stürze in der Geschichte seines Sports. Mit schwersten Kopfverletzungen, entstelltem Gesicht, nur noch einem einzigen Zahn im Mund. „In dieser dunklen Phase hatte ich Angst, nicht zu überleben“, sagte er.

Dass dieser Jakobsen am Sonntag bei der Türkei-Rundfahrt sein Comeback feiern wird, kommt einem Wunder gleich. Und ist für Jakobsen selbst das größte Geschenk. „Ich bin aufgeregt, ein wenig nervös und ängstlich, aber voller Vorfreude“, sagte der 24-Jährige am Freitag bei einer Pressekonferenz: „Ich habe ein Ziel erreicht, indem ich wieder fahren kann. Das nächste Ziel wird sein, wieder jubelnd die Arme heben zu können.“

Der Schrecken wirkt noch nach

Auf der aufwühlenden Reise von der Intensivstation zurück an die Startlinie hat das gesamte Quick-Step-Team den Topsprinter begleitet, hat mitgelitten. „Und deshalb“, sagte Jakobsen, „war es in den vergangenen Tagen und ist es hier eine ganz besondere emotionale Stimmung“. Denn der Schrecken, der Jakobsen seinen Gefährten im vergangenen Sommer eingejagt hat, wirkt bis heute nach.

„Ich dachte wirklich, dass Fabio auf dieser polnischen Straße stirbt“, sagte Teamarzt Yvan Vanmol, der in seinen vier Jahrzehnten im Dienste des Pelotons bis zu diesem 5. August 2020 alles gesehen zu haben glaubte.

Es war die erste Etappe der Polen-Rundfahrt, eines der ersten Rennen nach dem Corona-Restart, die Fahrer überehrgeizig, aber ohne Rennpraxis, das Finale hektisch. Im Sprint um den Sieg drängt der Niederländer Dylan Groenewegen seinen Landsmann auf der zuvor schon wegen ihrer Gefährlichkeit kritisierten abschüssigen Zielgeraden in die Streckenbegrenzung, Jakobsen fliegt mit Tempo 80 gegen die Zielaufbauten, verschwindet in einem Orkan von Trümmern.

Jakobsen will jeden Rennkilometer genießen

Während Jakobsen nach Groenewegens Disqualifikation zum Sieger erklärt wird, kämpfen die Ärzte gegen seinen Tod. Zunächst auf dem glühenden Asphalt an der Kreuzung von Korfantego- und Rozdzienskigo-Allee – „die Retter an der Ziellinie haben mir das Leben gerettet“, sagt Jakobsen – schließlich im Krankenhaus von Sosnowiec. Erst als der schwerst am Kopf verletzte Jakobsen nach zwei Tagen aus dem künstlichen Koma erwacht, ist die unmittelbare Lebensgefahr gebannt.

„Als ich dann aus Polen zurückkam, war ich nicht in der Lage, mich um mich selbst zu kümmern. Meine Familie hat sich um mich gekümmert – sie ist alles für mich“, sagte Jakobsen.

Auch heute, nach einem halben Dutzend Operationen, ist Jakobsen noch nicht wieder ganz der Alte. Sein mit 130 Stichen geflicktes Gesicht wirkt einen Hauch unnatürlich, die Sprache ist ein wenig unklar, nachdem seine Stimmbänder als Unfallfolge gelähmt waren, der neue Kiefer, aus Jakobsens Beckenknochen modelliert, enthält noch provisorische Kunstzähne.

Das kann er, der so viel schon geschafft hat, verschmerzen, jeden Rennkilometer in der Türkei will er genießen. „Die kleinen Dinge im Leben sind wichtiger geworden. Zeit mit der Familie verbringen, einfach Rad zu fahren“, sagte er am Freitag: „Jetzt fahre ich einfach mal los und schaue, wie der Körper reagiert.“