Im Albert Park dreht nur dieser Buggy eine Runde, die PS-Boliden sind ausgeschlossen.
Foto: Michael Dodge/dpa

MelbourneDer Reporter hätte nicht gedacht, dass es in ganz Australien jemanden gibt, der noch öfter und noch breiter grinst als der einheimische Formel-1-Rennfahrer Daniel Ricciardo. Aber er wird, nachdem auch die Königsklasse des Motorsports vom Coronavirus ausgebremst worden ist, eines Besseren belehrt. Immer, wenn er nach einem der mittlerweile unverzichtbar gewordenen Desinfektionstücher greift, lacht ihn ein Bärengesicht an. Oder aus? „Frecher Panda“ heißt die Marke, und auch wenn einem nach 17 000 umsonst zurückgelegten Flugkilometern und angesichts der drohenden Schließung der Grenzen nicht unbedingt zum Lachen zumute ist: Die Tücher aus Bambus geben einem zumindest das trügerische Gefühl von Sicherheit.

Der Große Preis von Australien, erst abgesagt, als Tausende Fans schon vor den Toren des Albert Parks standen, wurde am Sonntag trotzdem gefahren – als garantiert ansteckungsfreier eSports-Wettbewerb und mit zumindest einem echten Formel-1-Piloten, dem Briten Lando Norris. The game must go on. In der analogen Welt dreht sich der Grand-Prix-Sport nicht mehr so schnell weiter: Alle Rennställe haben Personal und Material von Melbourne aus direkt nach Europa verfrachtet, die Mitarbeiter gehen für zwei Wochen in eine freiwillige Quarantäne, nachdem beim McLaren-Team ein Mechaniker positiv getestet worden war und mittlerweile 14 Verdachtsfälle aufgetreten sind.

Die Formel 1 lebt stets am Extrem 

Erst in der letzten Märzwoche wollen sich die Rennställe wieder in den Fabriken dem Tagesgeschäft widmen, sie müssen derzeit allerdings mehr bangen, als dass sie hoffen können, am 3. Mai im niederländischen Zandvoort endlich und tatsächlich in das 70. Formel-1-Jahr zu starten. Auch an ein Rennen in der Woche darauf in Barcelona und an den Prestige-Grand-Prix in Monte Carlo Ende Mai glaubt momentan keiner mehr so richtig. Das Beispiel Melbourne zeigt, dass selbst der immer am Extrem lebende Motorsport verletzlich ist.

Noch am traurigen Abend von Melbourne hatte der US-Manager Chase Carey als CEO der Formel 1 verkündet, dass auch die Rennen in Bahrain kommendes Wochenende und die Premiere in Vietnam am 5. April auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Damit sind es schon vier Rennen, die nachgeholt werden müssen – oder müssten. Melbourne wird nicht noch mal in diesem Jahr den Stadtpark überlassen bekommen, Schanghai hat andere Sorgen und ohnehin keine wirkliche Rennatmosphäre, gleiches dürfte für Bahrain gelten. Allerdings: Die Araber bezahlen gut, und nach den ersten Ausfällen dürsten Carey und die Rennställe dringend nach Einnahmen. Das Rennen in Hanoi ist ebenso wie die Rückkehr in die Niederlande besonders wichtig für die Rechteinhaber – es wären die ersten neuen Vorzeigeveranstaltungen unter Herrschaft von Liberty Media.

Daher wird längst an einem Notplan zur Rettung der Saison gearbeitet, die vielleicht erst Anfang Juni in Aserbaidschan beginnen kann. Von 22 Rennen des Rekordjahres 2020 sollen maximal 18 übrig bleiben, vielleicht wird sogar die Sommerpause gestrichen, vielleicht die Saison bis Mitte Dezember verlängert – Hattrick-Wochenenden eingeschlossen. Was für ein Stress-Test!

Die Kommunikation war eine einzige Panne

In Zeiten der allgemeinen Reiseunsicherheit ist die globalste Weltmeisterschaft von allen, die permanent zwischen fünf Kontinenten hin und her pendelt, ein leichtes Ziel. Das umfangreiche Material muss bei Überseeauftritten per Schiff und Flugzeug häufig schon sechs bis acht Wochen vorher auf Tour gehen, Hundertschaften von Mitarbeitern folgen nach. Das erklärt ein bisschen, warum überhaupt alle ans andere Ende der Welt gereist waren – schließlich war längst alles zum rasenden Frühlingsfest angerichtet. Noch montags, nachdem in Melbourne 86 000 Zuschauer beim Frauen-Cricket waren, schien das Rennen Sinn zu machen. Aber wie der fassungslos wirkende Carey zugeben musste – auch 350 km/h schnelle Rennwagen können von einer Pandemie locker eingeholt werden.

Die Kommunikation aller Beteiligten, vom Automobilweltverband (Fia) über die Formel 1 bis zu Veranstaltern und der Regierung des Bundesstaates Victoria war eine einzige Panne, selbst unter Berücksichtigung einer surrealen, bis lang so noch nie vorgekommenen Situation, wie sie der erfahrene Renn-Manager Ross Brawn als Bitte um Entschuldigung anführt.

So bleiben eine Menge unzufriedener Beteiligter übrig: die Politiker in Victoria, die 60 Millionen Dollar für ein Nicht-Event zahlen sollen, die Zuschauer, die zwar den Ticketpreis, nicht aber die Hotel- und Flugkosten erstattet bekommen, die Fahrer, die ernsthaft um ihre Gesundheit gebangt haben, die Rennställe, die alles umsonst, aber keinesfalls gratis präpariert hatten.

Das Virus ist am Ende der Sieger

Mit einer Absage mittwochs, als die ersten Verdachtsfälle bekannt wurden, wäre ein glaubhaftes Zeichen gesetzt worden. Die Reaktionszeit war viel zu lang. Über 36 Stunden herrschte stattdessen Ungewissheit – kein Wunder, dass es in der nächtlichen Abstimmung zunächst eine Mehrheit dafür gegeben hatte, das Freitagstraining doch aufzunehmen.

Die Teams überleben mit Hilfe der Gelder, die wir bei den Rennen einnehmen. Jedes verlorene Rennen wirkt sich stark aus. Wir müssen aber auch realistisch sehen, was möglich ist und was nicht.“

Ross Brawn

Das Virus ist am Ende leider der Sieger. Gewonnen haben aber auch die Rennfahrer, die sich wie die Galionsfigur Lewis Hamilton gewehrt haben. Im Selbstbewusstsein, einer der Grundtugenden von Formel-1-Piloten, steckt eben auch das Bewusstsein.

Die einzig wirklich gute Nachricht, die die zu späte Absage mit sich bringt: 4 000 Knödel, 2 000 Hamburger, 300 Kilogramm Kartoffeln und 100 Kilogramm Pasta, die für den VIP-Klub bereits an die Strecke geliefert worden waren, wurden sofort an wohltätige Organisationen in Melbourne weitergeleitet. Für solche gute Taten lassen wir uns gern vom Desinfektions-Panda auslachen.