Macht auch am Grill eine gute Figur: Lucas Ocampos vom FC Sevilla.
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Sevilla/BerlinWas so ein bisschen Geräusch doch ausmacht. Gitarrenriffs liegen rau über der Szenerie, gehen auf Fußballprofis in rosa Hemden nieder, die über Rasen rennen, Muskeln dehnen, Bälle treten. Alles alltägliche Verrichtungen im Estadio Ramón Sánchez-Pizjuán, dort, wo ebendiese Profis des FC Sevilla am heutigen Donnerstag die Kollegen von Betis Sevilla empfangen. Mit einem Derby nimmt die Primera División ihren Spielbetrieb nach langer Corona-Pause wieder auf.

Die Gitarren machen den schnöden Alltag dramatischer im Video auf der Homepage des FC Sevilla, das seinerseits den Fans ihren öden Alltag erträglicher machen soll. Die müssen nämlich draußen bleiben, wie überall in Europas Arenen, in denen Geräusche  sonst doch so wichtig sind. Und weil sie das sind, wird das spanische Fernsehen Jubel und Raunen und Pfeifen einblenden. In die TV-Bilder werden Zuschauer auf Tribünen montiert, gekleidet in den Vereinsfarben Rot-Weiß und Grün-Weiß, 43.833 virtuelle Claqueure sitzen dann im Rámon Sánchez-Pizjuán.

Das Coronavirus hat die Welt verändert, manche Teile mehr, manche weniger. Spanien hat die Pandemie besonders hart getroffen. Rund 28.000 Menschen sind dort bereits dem Erreger zum Opfer gefallen. Allein am 23. März, als die Primera División den Spielbetrieb auf unbestimmte Zeit aussetzte, starben 7646 Infizierte. Den Toten zu Ehren halten die Fußballprofis nun vor jeder Partie eine Schweigeminute ab. Einmal wenigstens wird es ruhig, real und digital. Einmal am Tag.

Täglich spielt die Primera División

Damit die Primera División bis zum 19. Juli die elf noch fehlenden Runden durchziehen kann, findet täglich mindestens eine Partie statt. Das Duell der Stadtrivalen ist für diesen Marathon der Fernsehbilder ein schöner Ausgangspunkt. Vielleicht sogar aus sportlicher Sicht. Zwar dürfte der FC Sevilla als Tabellendritter dem Zwölften Betis Sevilla überlegen sein, doch sind Derbys gemeinhin schwer zu berechnen, dieses spezielle ohnehin und nach wochenlanger Zwangspause sowieso.

Doch auch abseits aller Unwägbarkeiten ist dieser fußballerische Konflikt weit über Spanien hinaus berüchtigt. Was dem 1. FC Union und Hertha BSC der neue, ewig erscheinende Narrativ ostwestlicher Unvereinbarkeiten, ist den Sevillanern der vermeintlich soziale Gegensatz, der sich in ihrer sportlichen Auseinandersetzung spiegelt. Real Betis ist traditionell ein Arbeiterverein, der Futbol Club entstammt dem Bürgertum.

Diese Rahmenhandlung klebt unverwüstlich an dem Derby wie die andalusischen Fliesen am Ramón Sánchez-Pizjuán. Sie beflügelt die Fantasie der Fans und treibt sie an die Grenzen des akustisch und optisch Vertretbaren. Oft sogar darüber hinaus. Sie überziehen sich gegenseitig mit ohrenbetäubendem Lärm und dichten Rauchschwaden, jedes Mal aufs Neue. 

Dieser unverwüstliche Geist passt zum Start in eine Serie von Geisterspielen, das Typische soll in die Normalität zurückführen. Spanien wird daher genau hinschauen, sicher nicht nur der an Fußball interessierte Teil der Bevölkerung. Hierzulande überträgt DAZN gegen Geld.

„Wir haben alles bis auf den letzten Millimeter genau geplant“, hat dann auch Javier Tebas gegenüber spanischen Medien gesagt. Der Chef der Primera División hat sich ein Beispiel an der Bundesliga genommen, der ersten von nunmehr zwei nationalen Meisterschaften in Europas Fußball, die weitermachen. Anleihen nahm Tebas bei den Deutschen auch in Sachen Ausstrahlung. „Praktisch gleich null“, sagt er optimistisch, sei das Risiko aller Beteiligten, sich zu infizieren. Wie er zu dieser Prognose gelangt, verrät er nicht.

Die Mannschaften aus Sevilla jedenfalls wurden 24 Stunden vor ihrem Duell auf Coronaviren getestet. Das ist jetzt so üblich wie Fiebermessen vor dem Auflaufen in einer Meisterschaft, die der FC Barcelona und Real Madrid unter sich ausmachen dürften. Exklusive Flüge und exklusive Hotels sind für die Gäste Pflicht, Anfahrt im Privat-Pkw für die Gastgeber.

Abstand und Anstand sind gefragt. Mit den Regeln haben sich die Profis des Futbol Club hinlänglich vertraut gemacht. In Theorie und Praxis. Ende Mai feierten Luuk de Jong, Éver Banega, Lucas Ocampos und Franco Vázquez eine Grillparty. Zwölf Leute waren kuschelig vereint, was eine Spielerfrau auf Instagram auch noch dokumentierte. Abstand? Anstand? Geräuschvoll war es auf jeden Fall.