Es gibt eine kleine Fotoserie, die der Berliner Stadtfotograf Fritz Eschen 1946 auf der Trabrennbahn in Mariendorf aufgenommen hat. Sie zeigen eine Menschenmenge, die auf und vor der Endell’schen Tribüne, dem architektonischen Meisterstück des Baumeister August Endell, gebannt einem Rennen folgen. Auf dem Foto sind fast ausschließlich Männer in Anzügen zu sehen. Wenige Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wagten sie sich zurück in die Vergnügungen des Alltags. Ein weiteres Foto zeigt eine elegant gekleidete Frau vor einem Kassenhäuschen, offenbar ist sie dabei, einen Gewinn abzuholen.

Sabine Gudath
Das Deutsche Traber-Derby

Das Deutsche Traber-Derby wird seit 1895 in Berlin ausgetragen. Nach dem Beginn in Berlin-Westend und einem Intermezzo in Ruhleben fand das Derby ausschließlich auf der 1913 in Mariendorf eröffneten Rennbahn statt. Die Vorläufe zum 127. Deutschen Traber-Derby finden am 6. und 7. August statt, das Final-Wochenende findet vom 19. bis 21. August statt. Am Abend des 20. August findet vor der Endell’schen Tribüne die traditionelle Jährlingsauktion statt, bei der diesmal über 80 einjährige Traber ersteigert werden können.

Bilder wie diese kommen einem in den Sinn, wenn vom Traditionssport Trabrennen die Rede ist. Der Berliner Trabrennverein ist sichtlich bemüht, die Langlebigkeit der Veranstaltung hervorzuheben. Das Deutsche-Traber-Derby, zu dem am Sonnabend und Sonntag die Vorläufe, nach Hengsten und Stuten getrennt, ausgetragen werden, findet in diesem Jahr bereits zum 127. Mal statt. Mariendorf demonstriert Geschichtsbewusstsein, wichtige Prüfungen tragen Namen wie Adbell-Toddington- und Buddenbrock-Rennen, eine erinnert an den jüdischen Verleger Bruno Cassirer, der von 1914 an für einige Jahre auch Vorsitzender des Rennvereins war. 1938 konnten er und seine Familie Berlin in letzter Minute Richtung Großbritannien verlassen.

Im Namen des Tierwohls

Dabei ist von der Tradition, die die Namen in Erinnerung rufen, kaum noch etwas übrig. In diesem Jahr wird das Deutsche-Traber-Derby, das seit 1895 in Mariendorf für dreijährige Pferde als Leistungsprüfung im Sinne der Landespferdezucht abgehalten wird, für Vierjährige über die Bühne gehen. Hinter dem Alterssprung steckt die Idee eines verbesserten Tierschutzes, über mehrere Jahrzehnte hinweg wurde darüber diskutiert, ob es schonender für die Pferde sei, sie erst im fortgeschrittenen Alter an Höchstleistungen heranzuführen. Was in skandinavischen Ländern schon lange gang und gäbe ist, wird nun auch im deutschen Trabrennsport umgesetzt. Am 21. August wird Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey dem ersten Vierjährigen den Lorbeerkranz des Derbysiegers umhängen.

Für den deutschen Trabrennsport kommt diese Innovation womöglich zu spät. Der Rennsport hat mit akutem Pferdemangel zu kämpfen. Wurden in den 1980er-Jahren jährlich knapp 3000 Fohlen geboren, so sind es inzwischen keine 300 mehr. Die Zahl der Züchter und Rennstallbesitzer ist stark rückläufig, und wer noch bereit ist, über Hobbybelange hinaus in den Sport zu investieren, orientiert sich an einer europäischen Rennkarte und nicht an nationalen Ereignissen. Das Traber-Derby ist zwar auch für Gäste aus den Niederlanden und Skandinavien attraktiv. Sie müssen sich aber bald nach der Geburt eines Pferdes entscheiden, ob sie es in das deutsche Gestütbuch eintragen lassen. Wie lohnend das sein kann, hat zuletzt Mister F Daag, der deutsche Derbysieger von 2018, unter Beweis gestellt. Der in niederländischem Besitz laufende Hengst gewann in diesem Jahr bereits den Kopenhagen-Cup und war Dritter in dem mit über eine Millionen Euro dotierten Elitloppet in Stockholm-Solvalla.

Der Weg zu derart sportlichen Höhen dürfte für deutsche Inländer aber immer schwerer werden, denn gerade für die Umstellung des Derbys von drei- auf vierjährige Pferde fehlt es an einer entsprechenden Staffelung im Unterbau des Rennsystems. Die jeweilige Jahrgangsspitze findet kaum die Gelegenheit zu einem geeigneten Leistungsaufbau durch Rennerfahrung.

Spannung bei den Stuten

Und doch stellt sich zum diesjährigen Derby ein Déjà-vu ein. In vier Vorläufen treten am 6. August durchweg dieselben Pferde an wie 2021. Die Leistungsspitze scheint dabei ausdifferenzierter als vor einem Jahr, als auf den ersten drei Plätzen drei Außenseiter überraschten. Das lag vor allem auch daran, dass Usain Lobell, der große Favorit, mit seinem siegverwöhnten Fahrer Robin Bakker frühzeitig im Rennen patzte. Diesmal wirkte er im Buddenbrock-Rennen, der wichtigsten Vorprüfung, derart überzeugend, dass ein Sieg im 127. Derby keine Überraschung wäre.

Zwei Berliner Vertreter darf man zu den ärgsten Konkurrenten zählen. Wie schon 2021 strebt Days of Thunder mit Thorsten Tietz einen vorderen Platz an. Der startschnelle Hengst tritt im ersten Vorlauf mit der Startnummer sieben an. Mit zwei hervorragenden zweiten Plätzen hinter den Genannten hat Don Trixton mit Thomas Panschow seine Qualitäten als sogenannter runner up unter Beweis gestellt. Jeweils auf Warten gefahren, überzeugte er sowohl im Buddenbrock- als auch im Adbell-Toddington-Rennen mit starken Speed-Leistungen auf Platz zwei.

Lorens Flevo, der Sieger des Vorjahres ist inzwischen in Berliner Besitz gewechselt. Karin Walter-Mommert, die Gattin des Rennbahnbesitzers Ulrich Mommert, muss jedoch bereits im Vorlauf bangen, wo Lorens Flevo mit dem deutschen Champion Michael Nymczyk einen Startplatz vor Days of Thunder antritt. Die interessanten Außenseiter des Vorjahres kehren auch diesmal in der angestammten Rolle zurück. Rob The Bank (Jaap van Rijn), Staccato HL (Michael Nymczyk) und Gladiator As (Jaap van Rijn) stehen für Überraschungen bereit. Ein geradezu mythischen Ruf hat der Fahrer von Global Ufo. Hinter dem Hengst sitzt die belgische Fahrerlegende Jos Verbeeck, der in seiner Karriere gleich viermal den Prix d’Amérique in Paris-Vincennes gewinnen konnte. Ein Sieg im Derby steht allerdings noch aus.

Einige Spannung verspricht in diesem Jahr die Wiederholung des Stuten-Derbys, das sich 2021 nach dem Ausfall der Favoritin All in Love (Dion Tesselaar) Michael Rothengatter mit Lumumba gesichert hatte. Derart eindeutig wird es diesmal nicht zugehen. Mit Sunset boulevard (Michael Nymczyk) und Riet Hazelaar (Robin Bakker), der Derby-Dritten des Vorjahres, die diesmal ein gleichgeschlechtliches Kräftemessen sucht, ist das mit drei Vorläufen ausgetragene Rennen sehr viel offener als vor einem Jahr. Mit Blick auf die Zukunft des Traber-Derbys darf man gespannt sein, ob sich die längere Reifezeit des Jahrgangs auch in sportliche Klasse und internationale Wettbewerbsfähigkeit übersetzen lässt.