Früher, also so etwa vor vierzig Jahren, wusste man auch außerhalb von Hamburg, wer für den HSV spielt beziehungsweise wer den HSV trainiert. Deutschlandweit kuschelten sich Kinder, wozu übrigens auch der in Bayern geborene Autor dieser Zeilen zählte, in Frottee-Bettwäsche mit dem unverwechselbaren Rauten-Logo des Klubs als Muster in den Schlaf. Und wenn die Kleinen wieder wach und später am Tag auf dem Bolzplatz waren, mimten sie dort die „Mighty Mouse“ Keegan, den Bananenflankenerfinder Kaltz, den Ballstreichler Hieronymus, das Kopfballungeheuer Hrubesch oder auch den eher unscheinbaren Bastrup. Wer ins Tor durfte/musste, war hingegen Uli Stein, der als Mann des offenen Wortes in die Geschichte des deutschen Fußballs eingegangen ist. Bei der WM 1986 bezeichnete Stein nämlich den damaligen Teamchef der deutschen Nationalmannschaft, Franz Beckenbauer, in Anlehnung an dessen TV-Werbeaktivitäten als einen „Suppenkasper“.

Richtige Typen waren das, die unter dem Schweiger Ernst Happel fortschrittlichsten Fußball spielten, gemäß der Happelschen Überzeugung, dass man elf Esel auf dem Platz habe, wenn man nur Manndeckung spielen lasse. Unter dem Österreicher, der ganz großen Wert auf die Meinung der Journalisten legte („Schreiben’s, was Sie woll’n, is’ ma eh wurscht“) und im Endeffekt so eine Art Anti-Klopp war („Wenn i des Wort Motivation hör’, wird ma schlecht“).

Und klar, da war auch ein Felix Magath, der im Mai vor 39 Jahren diesen HSV im Duell mit Juventus Turin mit einem ziemlich schrägen Schuss zum Sieger im Finale um den Europapokal der Landesmeister machte, ja dieser etwas kauzige Zehner mit dem feinen linken Fuß, der eine makellose Karriere als Fußballprofi hinlegte, später auch zu einem ziemlich erfolgreichen, aber auch verdächtig oft entlassenen Trainer wurde.

Co-Trainer Aleks Ristic, Siegtorschütze Felix Magath, Trainer Ernst Happel und Manager Günter Netzer (v. l.) präsentieren im Jahr 1983 nach dem 1:0 im Finale gegen Juventus Turin den gewonnenen Europapokal der Landesmeister.

Und im Jahr 2022? Nun, inzwischen sind für den Hamburger SV eher durchschnittlich begabte und nur lokal prominente Profis wie Sebastian Schonlau, Miro Muheim, Ludovit Reis, Robert Glatzel, Faride Alidou oder Manuel Wintzheimer aktiv. Die Übungen leitet seit Sommer vergangenen Jahres der Fußballlehrer Tim Walter, während Magath inzwischen 68 Jahre alt ist und, ach ja, sich als Coach von Hertha BSC am Donnerstagabend im Berliner Olympiastadion im Relegationshinspiel zur Bundesliga mit seiner Vergangenheit, also mit dem Hamburger SV, konfrontiert sieht.

Imago
Torhüter Uli Stein (l.) und Trainer Ernst Happel (r.) verschaffen sich vor dem Pokalfinale 1987 gegen die Stuttgarter Kickers im Berliner Olympiastadion bei einer Ortsbegehung einen ersten Eindruck. Die beiden siegen mit dem HSV schließlich 3:1.

Ehemals ein Potenzial wie der FC Bayern

Oh weh, HSV, was ist aus dir geworden? Einst so groß, einst mit dem gleichen Wachstumspotenzial am Start wie der FC Bayern München. Und jetzt so klein nach Jahrzehnten des Missmanagements. Nach dem Abstieg aus der Bundesliga im Jahr 2018, der zur Stilllegung der legendären Stadionuhr und zum Aus der an sich so schmissigen Stadionhymne „Hamburg, meine Perle“ führte. Nach all den Jahren in der Zweiten Liga, die für die immer noch zahlreichen Anhänger des Klubs eine scheinbar nicht enden wollende und mitunter schmähvolle Reise von A wie Aue bis W wie Würzburg und sonst wohin mit sich gebracht hat. Das Einzige, was beim HSV noch groß ist, ist der Name.

Es ist ein Jammer, für den der ehemalige Nationalspieler Marcell Jansen derzeit als Präsident die Verantwortung trägt. Jansen, der sich dem Vernehmen nach schon mal ein selbst verfasstes Gedicht auf die Hüfte hat tätowieren lassen und sich auf seiner Homepage als „begehrter Speaker für Veranstaltungen und Events unterschiedlichster Couleur“ bezeichnen lässt. Er spreche schwerpunktmäßig, aufgepasst, über „Fußball und Sport, Gesundheit und Ernährung, Verantwortung und Vorbildcharakter, Unternehmertum, Motivation, Team-Building, Rulebreaking und Querdenken oder Erfolg und Misserfolg“, ist da zu lesen, und schrecke „selbst vor Themen wie Ethik und Werte“ nicht zurück. Tja, stimmt schon, jeder Klub hat den Präsidenten, den er verdient hat.

Uwe Seeler hat einen Plan

Es ist ja nicht so, dass ein Aufstieg des HSV einen Aufschwung des HSV garantiert. Elf Jahre in Serie hat der Klub trotz der finanziellen Zuwendungen des milliardenschweren Logistikunternehmers Klaus-Michael Kühne ein Minus erwirtschaftet. 69 Millionen Euro Verbindlichkeiten standen mit Abschluss des Geschäftsjahres 2021 zu Buche. Das Stadiongrundstück ist längst veräußert, für 23,5 Millionen Euro an die Stadt Hamburg, genauso wie 24,9 Prozent der Anteile an der HSV Fußball AG. Mehr als diese 24,9 Prozent sind per Satzung ja auch nicht erlaubt, zum Selbstschutz und womöglich auch zum Schutz des einen oder anderen immer noch nicht abgeschreckten Bonzen-Fans.

imago/Huebner
HSV-Klublegende Uwe Seeler war aufgrund gesundheitlicher Probleme zuletzt nur noch selten Gast im Volksparkstadion.

Der aktuelle Kader ist nach Schätzung von transfermarkt.de gerade mal 37 Millionen Euro wert, die A-Jugend ist in der aktuellen Saison in der Junioren-Bundesliga nach 18 Spieltagen mit gerade mal 25 Punkten dem Abstieg näher als der Meisterschaftsrunde. Insofern ist auch aus diesem Blickwinkel die Perspektive doch sehr düster.

So leitet sich für die Hanseaten im Hinblick auf die Ausscheidungsspiele ein enormer Druck ab. Sie müssen aufsteigen, sonst ist womöglich auf Dauer sogar die Existenz des Klubs bedroht. Und wie das geht? Nun, da hören wir doch mal bei Uwe Seeler rein. Die Klublegende gab zu Beginn der Woche Folgendes zum Besten: „Unsere Jungs müssen ein Tor mehr schießen als Hertha BSC, so einfach ist das.“