Nicht nur sportlich ein Test für die Füchse Berlin: die Handball-Partie gegen den THW Kiel in der Max-Schmeling-Halle vor 500 Zuschauern.
Foto: Michael Hundt

BerlinDie Zeit der Geisterspiele ist nach sechs trostlosen Monaten in allen Stadien der Fußball-Bundesliga vorbei - aber ausdrücklich auf Bewährung. Bundesweit einheitlich dürfen für eine sechswöchige Testphase bei Veranstaltungen mit mehr als 1000 Zuschauern nun 20 Prozent der Plätze besetzt werden. Das beschlossen die Bundesländer am Dienstag. Auch die Beteiligten der Hallen-Sportarten wie Handball, Basketball und Eishockey atmen angesichts überlebensnotwendiger Lockerungen auf.

„Sportveranstaltungen leben von der Unterstützung der Fans, von der Atmosphäre mit Publikum - das gilt sowohl für Bundesligaspiele, als auch für den Amateur- und Breitensport“, sagte NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) und fügte an: „Mit sicheren Infektionsschutzkonzepten und Grenzen bei der Kapazität können die Vereine ihre Sportstätten jetzt endlich wieder mit Leben füllen. Dabei gilt: Hygienekonzepte, Schutzmaßnahmen und ein umsichtiges Vorgehen haben Priorität.“

Das aktuelle Pandemiegeschehen wird dabei berücksichtigt. So werden keine Zuschauer zu Veranstaltungen zugelassen, wenn die 7-Tages-Inzidenz pro 100.000 Einwohner am Austragungsort größer oder gleich 35 und das Infektionsgeschehen nicht klar eingrenzbar ist. Das Abstandsgebot von 1,5 Metern muss eingehalten werden, in den Stadien herrscht Alkoholverbot. Zudem ist das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung bis zum Einnehmen des Sitz- oder Stehplatzes Pflicht. Durch die Einigung ist die Gefahr eines Flickenteppichs vermieden.

„Ich bin so glücklich und dankbar. Dass sich alle Bundesländer geeinigt haben, ist ein gutes Zeichen. Mit 20 Prozent kann man es mal angehen, um Erkenntnisse zu gewinnen“, sagte DFB-Präsident Fritz Keller. Jetzt sei die Zeit gekommen, „um mit Corona zu leben“.

Vor allem die Berliner Hallen-Sportvereine nehmen die Entwicklungen erleichtert auf, so auch die Füchse. Zum ersten Heimspiel der Saison kommt am 6. Oktober der SC Magdeburg in die Max-Schmeling-Halle. Einnahmen um die 150.000 Euro hat das Duell den Gastgebern zuletzt beschert; so viel Geld fließt nur noch in die Kasse der Berliner, wenn sich der Deutsche Meister THW Kiel die Ehre gibt. Normalerweise, doch von der Normalität sind die Füchse, der Handball, der Sport insgesamt weit entfernt. Es herrscht Knappheit in den Kassen wegen Corona. „Wir werden Verlust machen“, sagt Geschäftsführer Bob Hanning. Und dennoch wird der Saisonstart ein Gewinn sein. Wie schon vorab bekannt wurde sollen zwischen 25 und 30 Prozent der Zuschauerränge in den Hallen wieder besetzt werden können, egal in welchem Bundesland eine Begegnung stattfindet.

Bob Hanning und Manager anderer Profivereine der Stadt hatten bereits am Montag dieser Woche eine wichtige Hürde genommen. In einer Besprechung mit Vertretern des Berliner Senats wurden zwei Großveranstaltungen des vorangegangenen Wochenendes ausgewertet: das Internationale Stadionfest der Leichtathleten im Olympiastadion, kurz Istaf, und eine Testpartie der Füchse gegen Kiel. „Das Signal an uns war positiv“, sagt Hanning. Das Hygienekonzept haben sie professionell umgesetzt, die Zuschauer sich diszipliniert verhalten. 500 waren es in der Schmelinghalle, in die bis zu 8000 Menschen passen. Das Olympiastadion kann 70.000 aufnehmen, am Sonntag verloren sich 3500 Fans auf den Rängen.

Bis zum 29. September will der Senat nun einen Rahmen liefern – an dem sich die Füchse, Alba Berlin, die BR Volleys und die Eisbären Berlin orientieren können –, der verbindlich ist, weil er in der Infektionsschutz-Verordnung des Landes festgeschrieben werden soll. Eisbären-Geschäftsführer Peter John Lee sagt: „Dann können wir uns an die konkrete Planung machen.“ Der Etat kann erst danach überschlagen werden.

Fest steht für den Eishockey-Manager schon jetzt, „dass dieses Jahr wirtschaftlich nichts wert ist“. Alle professionellen Sportklubs, die überwiegend von ihren Zuschauern leben und sich nicht wie die Fußball-Bundesliga auf üppige TV-Tantieme verlassen können, fahren Verluste ein. Dennoch sagt Lee: „Wir sehen es als ein Investment in die Zukunft, damit wir auch in der Saison danach noch eine Liga mit 14 Klubs haben.“

Ähnlich perspektivisch denkt auch Bob Hanning. Die anvisierte Auslastung von 25 bis 35 Prozent sieht der Handballmanager als einen ermutigenden Schritt. Bei 40 Prozent verkaufter Tickets haben die Füchse die Hallenmiete und Ausgaben für Dienstleister wie den Wachschutz gedeckt, machen zwar kein Plus, aber auch kein Minus. Das wäre ein Anfang, findet Hanning.

Alba Berlins Geschäftsführer Marco Baldi hält es zudem für unerlässlich, sich der jeweiligen Situation anzupassen und auf lokal steigende Infektionszahlen flexibel zu reagieren: „Man wird der Sache nicht gerecht, wenn man sagt: ,Es gibt für alle dasselbe.' Das hört sich erstmal gut an, aber das führt nicht zu maximal möglicher Sicherheit“, sagte der Basketballmanager dem Sportinformationsdienst.

Bilder wie in Rostock am Wochenende will jedenfalls keiner der Berliner Funktionäre sehen. Zum Auftakt des DFB-Pokals hatten sich auf den Rängen des Ostseestadions Szenen abgespielt, die den Eindruck erweckten, Corona hätte es nie gegeben. Zuschauer Schulter an Schulter, Fans ohne Mundschutz. Hygienekonzept? Schlichtweg ignoriert. 7500 Tickets waren verkauft worden, allein auf der Südtribüne drängten sich rund 2000 Menschen.

Bilder, die Bob Hanning und seinen Berliner Managerkollegen wie ein Horrorszenario vorkommen müssen. Für die Profiklubs der Hauptstadt, vor allem jenen abseits des Fußballs, geht es in der bevorstehenden Spielzeit vor allem darum, die Bindung zu den Fans wieder zu festigen nach mehr als einem halben Jahr, in dem sich das Konsumverhalten beim Sportanhang zwangsweise geändert hat. Und es wird sich gegenüber früheren Zeiten weiter ändern müssen: Sport als Live-Erlebnis ist zugleich ein Hygiene-Erlebnis.

Würden die Max-Schmeling-Halle oder die MB Arena am Ostbahnhof zu einem Hotspot, dürfte dies zu einem enormen Vertrauensverlust führen. Vertrauen aber ist in der Endabrechnung der Klubs ein wichtiger Faktor auf der Habenseite, Angst vor Ansteckung derzeit wohl das am meisten zu fürchtende Minus. „Wir wollen alle gemeinsam wieder dazu kommen, dass die Fans in die Hallen können“, sagt Bob Hanning. Seine Betonung liegt auf: „Gemeinsam.“ (mit Agenturen)