Die menschenleere Alte Försterei: Ohne das in der Saisonplanung eingepreiste enthusiastische Heimpublikum muss sich der 1.FC Union leider auf den Abstieg gefasst machen. 
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BerlinFranz Beckenbauer mag als Fußball-Weiser nicht mehr so in Mode sein wie einst, doch wo er recht hat, hat er noch immer recht: Die Wiederaufnahme des Fußballbetriebs in leeren Stadien werde „die Chance für die Trainings-Weltmeister“, befand der Kaiser in der Bild-Zeitung: „Ich habe selber viele Spieler erlebt, die auf dem Trainingsplatz geglänzt haben und denen samstags im vollen Stadion die Nerven flatterten.“

Wenn auch in typischer Beckenbauer’scher Sottisenhaftigkeit, so sprach der Mann doch eine von vielen, insbesondere von den seit Wochen sogenannte Geisterspiele propagierenden Klubs verdrängte Wahrheit an: Ohne Publikum, ohne Gesänge und Getöse, ohne die das eigene Team pushenden und das gegnerische Team schmähenden Fans fehlt dem Fußball ein wichtiger, ja entscheidender Faktor. Unter Trainings- beziehungsweise den hier in vielerlei Hinsicht zutreffenderen Laborbedingungen ist Fußball ein anderes Spiel, es wird andere Ergebnisse geben, und was am Ende herauskommen wird, wer an der Spitze steht und wer im Abstieg versinkt, wird für immer mit einem Makel behaftet sein.  

Zur Verdeutlichung genügt ein kurzer Blick auf die Heim- und auf die Auswärtstabelle. Erstere führt die Mannschaft von Borussia Dortmund an, die mit ihrer famosen „gelben Wand“ im Rücken noch nicht ein Spiel verloren gab; in der Fremde jedoch ging der mit Nationalspielern gespickte BVB beim 1. FC Union unter. Schlusslicht der Auswärtstabelle ist die Frankfurter Eintracht, die nicht einmal beim abgeschlagenen SC Paderborn Punkte holte; vor ihrer ehrfurchtgebietenden Heimkulisse aber fegte das Team den FC Bayern mit 5:1 vom Platz.

Auch wer sich fragt, warum Hertha BSC so erpicht ist auf ein neues Stadion, wird in diesen Statistiken fündig: In der zugigen und viel zu großen Leichtathtletikarena, in der der Klub zu Hause ist, verweht jeder noch so leidenschaftliche Schlachtenlärm im Winde –   gemessen allein an den Heimspielresultaten würde die alte Dame der Zweiten Liga entgegentrudeln. Zehn Punkte mehr würde man pro Saison holen in der Atmosphäre eines vereinseigenen brodelnden Hexenkessels, prognostiziert Pal Dardai. Und wer sind wir, dem Mann zu widersprechen, der sich öfter als jeder andere durch das jeden Flairs bare Olympiastadion mühte? Der Spruch vom Fan als „zwölftem Mann“ mag eine Phrase sein, das ändert freilich nichts daran, dass er durch Erfahrungen und Ergebnisse belegt ist.

Man muss gar nicht groß wissenschaftlich auf die Wirkung Zehntausender Entfesselter auf das Leistungsvermögen eines jungen Menschen eingehen. Es reicht zu wissen, dass der Sprung vom hochbegabten Jugendspieler zum Profi im wesentlichen eine Frage der Psyche ist. Von dem komplexen Zusammenspiel zwischen der um ein Vielfaches höheren nötigen Gedankenschnelligkeit und den gleichzeitig durch die um ein Vielfaches größere Zuschauermenge freigesetzten Stresshormonen sind viele überfordert. Seit Jahren halten sich Fußballklubs deshalb Teampsychologen.  Der bekannteste von ihnen, der für die Nationalmannschaft zuständige Hans-Dieter Hermann, sieht in den anstehenden Geisterspielen entsprechend eine historische Anomalie: Spieler würden weniger Druck empfinden, weil kein Publikum da sei, und von daher befreiter aufspielen.

Das hört sich erst mal prima an, heißt aber vor allem eines: Ohne die Macht ihrer Fans werden nominell schwächere Teams gegen nominell stärkere kaum mehr eine Chance haben. Der FC Bayern, so ist zu befürchten, wird es in der Alten Försterei oder der Dortmunder Arena locker runterspielen und Meister ohne Wert sein. Der 1. FC Union hingegen oder auch Eintracht Frankfurt, wo das enthusiastische Heimpublikum in der Saisonplanung fest eingepreist ist, müssen sich auf den Abstieg gefasst machen. Und am Ende wird die Floskel „Das ist eben Fußball“ niemandem weiterhelfen.

Denn das, was wir von heute an erleben werden, ist eben nicht Fußball. Fußball unter Ausschluss derer, für die man sonst zu spielen vorgibt, ist ein anderes Spiel. Es ist das falsche Spiel.