Das Geheimnis des Überfliegers: So dominiert Ryoyu Kobayashi die Vierschanzentournee, obwohl er im Weltcup ein Jahr lang keinen einzigen Punkt holte

Innsbruck - Ryoyu Kobayashi flog und flog und flog am Donnerstag von der Schanze am Bergisel. Vor ihm das Alpenpanorama, Innsbruck, Neuschnee auf den Dächern und Bäumen. Er schien, als habe er beim Fliegen unter seiner goldgetönten Skibrille wieder dieses Lächeln im Gesicht, das nur einer haben kann, der sich rundum wohlfühlt zwischen Absprung und Landung. 126,5 Meter in der Qualifikation für das dritte Springen der 67. Vierschanzentournee bedeuteten Platz eins für ihn, mal wieder.

Sein einziger bisher ebenbürtiger Verfolger Markus Eisenbichler zeigte dagegen seinen bisher schlechtesten Sprung bei dieser Tournee. Er schaukelte sich auf 116 Meter, kam damit auf Platz 32 und sagte: „Das war jetzt nicht die Granate. Aber es war nur die Quali. Gott sei Dank.“

Der Kampf um den Gesamtsieg, der sich auf das Duell zwischen dem Japaner und seinem deutschen Herausforderer zugespitzt hat, nimmt am Bergisel an Dramatik zu. Auch, weil die beiden Besten aufgrund der unterschiedlichen Qualifikationsleistungen am Freitag (14 Uhr, ARD/Eurosport) nicht direkt hintereinander, sondern in großem Abstand zueinander starten.

Verrückt nach Geschwindigkeit

Kobayashi quittierte auch diese Tatsache mit einem Lächeln. Dieses stille, verschmitzte Gesicht hat Kobayashi schon durch bei den Tournee-Stationen in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen gezeigt. Er lächelte beinahe immer, wenn ihm sein Japanisch-Übersetzer die Fragen der europäischen Journalisten vortrug. Was er eigentlich für ein Typ sei, wurde der 22-Jährige schon vor dem Beginn der Tournee gefragt, weil er schon da von sieben Weltcups vier gewonnen hatte. Jetzt sind es sechs von neun, und natürlich gilt Kobayashi auch in Innsbruck als erster Anwärter auf den Spitzenplatz.

Kobayashi überlegte selber, was er eigentlich für ein Typ sei. Solche Art von Fragen schien er von japanischen Reportern nicht gewohnt zu sein. Schließlich halten die sich gern höflich zurück. Außerdem läuft die Vierschanzentournee in seiner Heimat nur im Bezahlfernsehen, großes Medieninteresse an seiner Person ist neu für den Sohn eines Sportlehrers aus der nordjapanischen Provinz Iwate. „Ein Neo-Japaner“, antwortete er nach kurzer Pause. Der Nachfrage, was denn einen Neo-Japaner vom traditionellen Japaner unterscheide, wich er aus: Er sei halt ein verrückter Japaner, sagte er.

Geschwindigkeitsverrückt vielleicht. Kobayashi besitzt einen Porsche Cayman. Und der faszinierte ihn noch vor einiger Zeit offenbar um einiges mehr als das Skisprungtraining. Das jedenfalls erzählt der Finne Janne Väätäinen, sein Heimtrainer in Sapporo. Väätäinen, 43, sieht aus wie ein großer, gemütlicher Bär. In der Zeit nach dem Rücktritt von Janne Ahonen war er Coach der finnischen Skispringer. Seit 2010 trainiert er das Tsuchiya Home Ski Team, zu dem auch Noriaki Kasai gehört. Er sagt, seit Kobayashi verstanden habe, mehr machen zu müssen, als Porsche zu fahren, sei er richtig gut geworden.

Weltcupjahr ohne Punktgewinn

Väätäinen weiß, dass Skispringer oft besondere Charaktere sind. In Finnland hatte er Harri Olli zurechtgebogen, auch ein junger Kerl, der gern viel und oft zu schnell Auto fuhr. „Natürlich mussten wir strenge Regeln für ihn aufstellen. Er weiß jetzt ganz genau, was er sich erlauben kann und was nicht“, sagte der Trainer damals über Harri Olli.

Bei Kobayashi genügte ein Winter ohne einen einzigen Weltcup-Punkt zur Einsicht, dass Talent alleine nicht ausreicht. „Ja“, früher war ich ein bisschen faul“, sagt der junge Kerl, der drei Armbänder um sein rechtes und einen Armreif um das linke Handgelenk trägt. Glücksbringer, die ihn auf der Tournee begleiten. Stabilität verleiht ihm zudem Junshiro, sein älterer Bruder, der beim Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen Fünfter wurde. „Dass er so gut war, hat mich motiviert“, verriet Kobayashi.

Seit dem Frühjahr 2017 arbeitet Väätäinen mit Kobayashi auf einem professionellen Niveau. Und im Skisprung-Zirkus sind sich in dieser Saison alle einig, dass es vor allem der spezielle Absprung ist, der Kobayashi zu Weiten verhilft, an denen andere verzweifeln. „Seine Hocke und seine Art, den Radius zu nützen, ist sehr speziell“, sagt Väätäinen.

Gegenentwurf zum Trend

Egal auf welcher Schanze, egal bei welchem Wind, egal aus welcher Luke sie starten, keiner hat seine Ski ohne Zacken, ohne Reißen so fließend und schnell am Körper wie der Japaner. „Er ist extrem auf Speed oben, dann funktioniert es einfach“, sagt Richard Freitag. Schon beim Weltcup in Kuusamo stellte Andreas Wellinger fest: „Unser kleiner Japaner ist geflogen wie ein Blatt Papier.“

Österreichs Skisprung-Legende Toni Innauer hat zudem festgestellt, dass Kobayashi die neue Regel, nach der das Körpergewicht nicht mehr mit, sondern ohne Schuhe gewogen wird, anders interpretiert, als die meisten Kollegen. Der 1,74 Meter lange Japaner gleicht das fehlende Gewicht der Schuhe nicht durch kürzere Ski, sondern durch mehr Körpergewicht aus. Mit 2,45 Metern, sagt Innauer, seien Kobayashis Ski im Vergleich deutlich länger als die der meisten anderen. „Das ist ein Gegenentwurf zum aktuellen Trend, der zu funktionieren scheint.“

Anders als Eisenbichler, der nicht nur viele Aufs und Abs in der Karriere, sondern 2012 auch einen schlimmen Sturz mit Brustwirbelbruch erlebt hat, nach dem ihm sogar ein Leben im Rollstuhl drohte, ist Kobayashi in der Phase des tollkühnen Neulings, den Intuition und Unbefangenheit tragen. Väätäinen sagt Kobayashi sei ein lebenslustige Artist, der gern performt und den DJ spielt. Einer, der das Fliegen mit einem Lächeln genießt. Daher erscheint die Chance in diesem Jahr besonders groß, dass zum ersten Mal seit Kazuyoshi Funaki vor 21 Jahren wieder ein Japaner die Vierschanzentournee gewinnt.