Holger Broich (r.) ist bei den Bayern für die Fitness verantwortlich.
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Berlin/LissabonRobert Lewandowski stellt seinen Astralkörper beim Training des FC Bayern in Portugal gerne im Muskelshirt zur Schau. Bei Leon Goretzka zeichnen sich unter dem Trikot ebenfalls einige Muskelberge ab, die es bei dem deutschen Fußball-Nationalspieler in Vor-Corona-Zeiten in dieser Ausprägung nicht zu bestaunen gab.

Beim krachenden 8:2 gegen den FC Barcelona zum Start in das Champions-League-Finalturnier in Lissabon beeindruckten die Münchner nicht nur mit ihrer Spielfreude, der extremen Geilheit auf Tore und der individuellen fußballerischen Brillanz, sondern eben auch mit der Power eines Dampfhammers, der 90 Minuten auf den Gegner einschlägt.

Letzteres ist auch ein Verdienst von Holger Broich, dem Mann mit dem sperrigen Titel „Wissenschaftlicher Leiter und Leiter Fitness“. Auch Olympique Lyon soll im Halbfinale am Mittwochabend (21.00 Uhr/Sky und DAZN) im Estádio José Alvalade die Physis der Bayern zu spüren bekommen, die im Viertelfinale gegen Barça fast zehn Kilometer mehr liefen als Messi und Co., vor allem aber viel mehr sprinteten.

Die Bayern-Profis wissen, wem sie das mit zu verdanken haben – besonders in der Ausnahmesituation der Corona-Krise. „Großes Lob an Holger Broich und das ganze Trainerteam, wie sie das alles geplant haben in der Spielpause mit dem Cyber-Training“, sagte Abwehrspieler Jérôme Boateng vor dem Lyon-Spiel, auf das sich das Team mit Trainer Hansi Flick am Montag mit einer geheimen Übungseinheit vorbereitete.

„Ich glaube, es ist der Schlüssel, dass wir damals früh angefangen haben, sobald das möglich war“, erinnerte der 31-jährige Boateng an die Zeit des Corona-Lockdowns im März. „Holger Broich hat das super aufgebaut. Wir sind physisch sehr gut drauf. Es ist wichtig, gerade in der Champions League bei Spielen in Turnierform, wenn man hinten raus noch mal etwas drauflegen kann, wenn der Gegner müde wird.“ Barcelona setzten die Bayern physisch unter Dauerstress. „Wir sind immer weiter marschiert. Das Pressing war brutal“, sagte Goretzka, der emsige Vorarbeiter im Maschinenraum im defensiven Mittelfeld.

„Wenn du tagtäglich an deine Grenze gehst, entwickelst du dich weiter“, sagt Flick. Der Chefcoach reagierte mit Dr. Broich nach der Unterbrechung des Bundesliga-Spielbetriebs wegen Corona sofort. Es war die Geburtsstunde des Teamtrainings im Homeoffice. Lewandowski und Co. bekamen Fahrräder in ihre Wohnungen und Villen geliefert. Alle wurden via Video zusammengeschaltet. Die Spieler erhielten von Broich und Flick vom Klubgelände die Anweisungen.

Der Schweiß floss beim Cyber-Training in Strömen, auch jetzt war das wieder so nach dem kurzen Urlaub in der Vorbereitung auf Lissabon. Thomas Müller sagte jüngst, dass die Spieler den „lieben Herrn Professor“ manchmal „am liebsten auf den Mond geschossen“ hätten. Es war nicht böse gemeint, vielmehr ein typischer Müller-Spruch, aber einer, der inhaltlich höchste Anerkennung bedeutete.

„Das gilt ja für die ganze Gesellschaft und nicht nur für den Fußball: Man hat in der Corona-Pandemie ein paar Dinge kennengelernt, die man beibehalten wird, Videokonferenzen, Online-Lehre, Homeoffice – und dazu gehört auch unser Cyber-Training“, sagte der 45 Jahre alte Broich zuletzt in der „Süddeutschen Zeitung“. Auf dem Klubgelände soll dafür künftig ein spezielles Studio eingerichtet werden. Denkbar wäre dann auch, dass die Profis gerade nach Turniersommern etwas länger an ihren Urlaubsorten verbleiben könnten und sich dann eben von dort zum Cyber-Training mit Fitnesschef Broich zuschalten.

Alle 13 Partien haben die Bayern im Geisterspielbetrieb gewonnen und dabei 45:12 Tore erzielt. In Portugal kommt auch zum Tragen, dass es den Fitness- und Rehatrainern gelungen ist, Akteure wie Niklas Süle, Thiago, den ehemaligen Lyon-Profi Corentin Tolisso oder Philippe Coutinho nach Verletzungen und Operationen auf den Punkt fit zu bekommen.

Leihspieler Coutinho kam etwa gegen Barcelona spät rein und erzielte gegen die Katalanen, zu denen er nach dem Turnier zurückkehrt, noch auf die Schnelle zwei Tore. „Philippe hat physisch wirklich sehr gut gearbeitet. Das ist auch die Grundvoraussetzung dafür, dass er seine einzigartigen Qualitäten einbringen kann“, erklärte Flick.

Das Verdienst des Trainers ist, Mitarbeitern wie den seit 2014 beim FC Bayern angestellten Broich intensiv einzubinden. Flick spricht nach Erfolgen stets in der Wir-Form, die Hervorhebung des gesamten Trainer- und Betreuerstabes zählt zum Stehsatz des 55-Jährigen.

Im riesigen Team hinter dem Team gibt es ja nicht nur Dr. Broich. Da wirken neben der bekannten Trainerlegende Hermann Gerland (66) weitere wertvolle, aber unbekannte Helfer wie Co-Trainer Danny Röhl, Reha-Spezialisten wie Thomas Wilhelmi oder Physiotherapeuten wie Gerry Hoffmann. Bayern-Chef Karl-Heinz Rummenigge kann von seinem Büro aus die Trainingsplätze einsehen. Und so überrascht ihn nicht, in welcher Verfassung die Flick-und-Broich-Bayern sind: „Ich sehe, mit welcher Intensität und Konzentration da gearbeitet wird.“