Die Volleyballsaison ist noch nicht lange vorbei. Aber Benjamin Patch ist schon weit weg von ihr. Er meldet sich aus New York, steckt mitten im Wandel. Und er weiß nicht, wie es sein wird ohne Volleyball. Auf dem Feld hat er meist so beschwingt, so leicht, so groovig ausgesehen: Wenn sich der Hauptangreifer der BR Volleys wie eine Rakete hoch hinauf schraubte, mit seiner Abschlaghöhe weit über die Blocker der Bundesliga ragte, Schmetterbälle versenkte. Wenn er zu den Beats aus den Hallenboxen tanzte, Faxen machte, den Zuschauern zwischen Feuerfontänen und Grundlinien eine spektakuläre Show bot.

Vermutlich mochte er die Show, weil sich damit viel überdecken ließ: der Erwartungsdruck, den er als Athlet so sehr spürte. Seine Zweifel am eher eindimensionalen Leben als Profiathlet. Fehler, von denen er viele erschütternd persönlich nahm. „Diese Saison hatte so viele verschiedene Gefühlsmomente, heiß und kalt, ich habe das so extrem gespürt. Ich bin wirklich ausgelaugt“, sagt Patch.

Damit hatten die BR Volleys zu Jahresbeginn nicht gerechnet

Der 27-Jährige ist kein Mensch, der Entscheidungen leichtfertig trifft. Er hat schon immer viel wahrgenommen. Und noch mehr nachgedacht. Jetzt hat Patch entschieden, kommende Saison nicht mehr für die BR Volleys anzutreten. Er nimmt Abstand vom Profisport, legt eine Volleyballpause ein. Der deutsche Meister setzt seinen bis 2024 datierten Vertrag aus. Damit fehlt den Berlinern kommende Saison in Zuspieler Sergej Grankin, der nach Russland zurückgekehrt ist, nicht nur der Pulsgeber des Spiels, sondern in Patch auch das Herz des Teams.

„Das ist eine Situation, mit der wir zu Jahresbeginn nicht gerechnet haben. Beide hatten jeweils noch Vertrag für die nächste Saison und wir haben fest mit ihnen geplant. Ihre Beweggründe sind völlig unterschiedlich und doch nachvollziehbar“, sagt Volleys-Manager Kaweh Niroomand. Mit Patch als Punktelieferant wurden die Volleys dreimal deutscher Meister sowie Pokalsieger.

Niroomand hatte versucht, den Publikumsliebling zu halten, der in und außerhalb der Volleyball-Community Aufmerksamkeit garantierte. Keine Chance. „Mit ihm geht unserem Team in der kommenden Saison leider eine Persönlichkeit verloren, die unseren Klub und die Stadt Berlin geprägt und verkörpert hat“, sagt Niroomand.

Berlin ist Patchs Zuhause geworden. In Kreuzberg richtete er sich eine exquisite Dachgeschosswohnung ein. Hier fand er ein Töpferstudio, in dem er Vasen kreierte und Workshops gab. Hier outete er sich als queer. Hier entwarf er Hosen, fotografierte das Team für einen Jahreskalender, unterstützte soziale Projekte seines Klubs. „Hier konnte ich im Volleyball ich selbst sein“, schreibt er in einem offenen Brief, in dem er den BR-Volleys-Anhängern seine Entscheidung erklärt.

Patchs neues Projekt ist die Innenarchitektur

Seine Karriere als Volleyballer sei vielleicht keine lange, schreibt er. „Aber ich bin stolz darauf.“ Und weiter: „Ich weiß nicht, ob sie für immer vorbei ist, aber es ist eine Karriere, die eine Pause brauchen wird. (...) Ich sehe nichts Falsches daran, eine neue Richtung einzuschlagen.“

Seine Richtung ist kreativ – Projekte in Berlin und anderswo: Mit einer Gruppe von fünf Freunden hat Patch ein Studio für Innenarchitektur aufgebaut. Er freut sich auf Design-Entwürfe, die Mischung aus Handwerk, Kunst, Farben und Stoffen. „Wenn ich auf mein Leben zurückschaue, war ich immer im Wandel. Erst das Tanzen, dann das Töpfern, das Fotografieren, der Volleyball. Immer, wenn ich ein Level erreicht hatte, das beste, das ich konnte, wollte ich etwas Neues lernen“, sagt Patch. „Das ist mein Muster. Wir sollten das Erreichte genauso wie neue Wege feiern.“

Er dachte schon vor ein, zwei Jahren über einen Ausstieg aus dem Profisport nach. „Ich wäre gern zu Olympia gefahren und hätte nach diesem Lebensmoment aufgehört“, sagt er im Regen von New York. Doch dann wurde er nicht für das US-Olympia-Team nominiert. „Das hat eine Wunde in seiner Seele hinterlassen“, weiß Niroomand. Im Saisonverlauf habe Patch dann vor allem in den Champions-League-Partien gemerkt: „Wenn es einen Schritt weiter gehen soll, muss er dem Sport größere Aufmerksamkeit schenken.“

Im Angriff vertrauen die BR Volleys jetzt dem 22 Jahre jungen Tschechen Marek Sotola, der Patch im Saisonendspurt vertrat. „Er ist ein kompletter Diagonalspieler, der alles mitbringt“, meint Niroomand. Der Manager hat Patch die Tür zu den BR Volleys offen gelassen. Die werde er niemals schließen, sagt Patch. „Ich habe mich hier so willkommen gefühlt, so angenommen. Mir wurde so viel Selbstvertrauen geschenkt. Hier wurde ich zum dem, der ich heute bin.“ Seine Stimme klingt bewegt. In den offenen Brief hat er geschrieben, dass er, falls er doch noch mal zum Volleyballspielen zurückkehren werde, das nirgendwo anders täte als in Berlin: „BR Volleys oder gar nichts. “